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Dietmar Gunz "Ich möchte Ökoprofit realisieren"

Der Chef von FTI Touristik hat eine neue, grüne Firmenzentrale gebaut und setzt auch sonst auf Ökologie. Im Gespräch mit Eberhard Krummheuer rechnet Gunz vor, wie sich sein ökologisches Unternehmertum lohnen soll und was er tut, um gute Mitarbeiter zu halten.

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FTI-Chef Dietmar Gunz will mit nachhaltigem Wirtschaften Geld verdienen. (Bild: argus fotoarchiv/Weber) Quelle: handelsblatt.com

Herr Gunz, Ihre neue Firmenzentrale ist ein "Green Building, eines der ersten Niedrigenergie-Bürogebäude in München. Sind Sie auf einem Ökotrip?

Dietmar Gunz: Nein, aber ich möchte "Ökoprofit" realisieren.

Sie sparen dank Solaranlagen, Kühlung und Heizung mit Grundwasser kräftig Energiekosten...

Gunz: Ja, der Energieverbrauch wird um 30 Prozent unter den Richtlinien liegen, wir sparen sechsstellig. Aber das meine ich nicht.

Was denn?

Als Touristikdienstleister sehe ich uns in einer Vorbildfunktion beim Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Etwa beim Bau von neuen Hotels. Die sollen es uns nachmachen und ökologisch sinnvoll bauen. Aber noch wichtiger ist mir: Ich möchte, dass sich unsere Mitarbeiter bei der Arbeit rundherum wohlfühlen.

Der Unternehmer als guter Mensch?

Einerseits investieren wir sehr viel Geld und Zeit in die Ausbildung und Weiterbildung unserer Mitarbeiter, denn Touristik ist heute mehr denn je eine Dienstleistung vor dem Hintergrund einer hoch entwickelten IT. Andererseits sind serviceorientierte und motivierte Mitarbeiter ein wesentlicher Bestandteil für die erfolgreiche Zukunft unseres Unternehmens.

Deshalb sehen die Räume rund um die Kantine beinahe so aus wie eine Hotellounge?

Mit Parkettfußboden und schicken Sitzmöbeln, ja. Gesundes Essen, guter Kaffee, das ist die Wohlfühlzone für unsere Mitarbeiter.

Und wenn sie arbeiten?

Dann können sie sich weiter wohlfühlen. Stichwort ergonomische Arbeitsplätze: Wir haben neue höhenverstellbare Schreibtische gekauft; man kann am Bildschirm im Stehen oder im Sitzen arbeiten. Wohlfühlfaktor ist auch die Beleuchtung: Die tageslichtabhängige Steuerung der Lampen schafft optimale Arbeitsbedingungen.

Was haben Sie sich Ihre Grüne Welle kosten lassen?

Das durfte gar nicht mehr kosten als in einem klassisch angelegten Bürogebäude. Als alleiniger Mieter mit einem langfristigen Engagement konnten wir gemeinsam mit dem Vermieter IVG konsequent das Green Building realisieren.

Schöner arbeiten. Reicht das wirklich, um Mitarbeiter zu halten?

Sicher nicht, aber wir tun ja auch eine Menge mehr, von der qualifizierten Weiterbildung bis zur Standortfrage.

Standortfrage?

Ja, es kam für uns nur eine Firmenzentrale in Betracht, die an der Stammstrecke der Münchner S-Bahn liegt, schnell erreichbar aus allen Himmelsrichtungen. Damit die tägliche Pendelei kurz bleibt.

Ist Fürsorge für die Mitarbeiter das Privileg des Mittelständlers?

Das glaube ich nicht. Wir funktionieren ja wie eine Kapitalgesellschaft. Wir haben genauso die Bilanz im Visier, und eine angemessene Rendite ist das Ziel.

Wann ist die Rendite angemessen?

Versprechen von Marktteilnehmern, die eine Nettorendite von fünf bis sechs Prozent in Aussicht stellen, halte ich nicht für realistisch. Das gab es nachhaltig in der Touristik noch nie, und wir stehen glücklicherweise nicht unter dem Druck, sechs Prozent dem Kapitalmarkt zusichern zu müssen.

Also wie viel denn?

In diesem herausfordernden Jahr sind wir mit einem Prozent zufrieden, bei zwei Prozent freuen wir uns, zukünftig jubeln wir bei drei Prozent.

Ihnen gehört etwa die Hälfte der Gruppe, jetzt wollen sie weitere Anteile zurückkaufen. Warum?

Das schafft die Möglichkeit, künftig das Top-Management am Unternehmen zu beteiligen.

Sie arbeiten in einem grünen Gebäude. Passt der Tourismus, namentlich der Flugtourismus, überhaupt in eine Öko-Philosophie?

In unserer Gesellschaft stimmen die Wertigkeiten nicht. Während die EU die Produktion von Lebensmitteln in nicht nachvollziehbaren Massen zulässt, um dann z.B. spanische Orangen mit Fördergeldern nach Italien zu transportieren und dabei keiner nach dem CO2-Ausstoß fragt, wird die Urlaubsreise stets an den Pranger gestellt.

Aber brauchen wir wirklich Ferntouristik?

Im Reisesektor spielen Gesundheit, Bewegung, Ernährung, Genießen und gesundheitliche Vorsorge eine immer größere Rolle. Das macht das Leben lebenswert. Zugleich schafft es Arbeitsplätze und Wohlstand in unseren touristischen Destinationen. Plakativ gesagt: Nachhaltiger Tourismus kann Kriege in einem Entwicklungsland verhindern.

Das klingt sehr idealistisch...

... ist aber realistisch. Es ist einfach traurig, wie unsere Politik mit dem Potenzial, das im Tourismus liegt, umgeht. Wer den Flugtourismus aus Klimaschutzgründen schlecht redet, aber ansonsten jede nachhaltige Entwicklung, etwa in der Industrie- oder der Energiepolitik, parteipolitischen Interessen opfert, hat meines Erachtens einen sehr engen Blickwinkel. Bei uns wird viel zu viel kaputt geredet und gerade uns Unternehmern werden Steine in den Weg gelegt.

Haben Sie dafür vielleicht ein Beispiel?

Ganz konkret: Wir haben in unserer neuen Zentrale eine Kindertagesstätte mit 44 Plätzen geschaffen, damit unsere gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen nach der Babypause wieder schnell bei uns anfangen können. Obwohl wir mit einem professionellen Betreiber arbeiten, sind uns von den Behörden abstruse und schier unmögliche Vorgaben auferlegt worden, die das Projekt fast vereitelt hätten. Es ist ein Skandal, wie behördliche Auflagen solche gesellschaftlich wichtigen Investitionen zu verhindern suchen.

DIETMAR GUNZ

Der Mensch Dietmar Gunz, 1959 in Dornbirn im Vorarlberg geboren, ist Chef des inhabergeführten Reisekonzerns FTI (Frosch Touristik International). Den hatte er in den 90er-Jahren gegründet, aber 2000 an den britischen Konzern Airtours verkauft. Gunz stieg damals aus, erwarb aber 2003 zusammen mit Investoren das Unternehmen zurück. Heute ist FTI Deutschlands fünftgrößter Reiseveranstalter.

Die Auszeichnung Vor einigen Wochen bezog der Konzern seine neue Firmenzentrale in München, die Gunz durch und durch nach ökologischen Erkenntnissen gestalten ließ. Das Haus wurde als "Green Building" mit dem Gold-Zertifikat der internationalen Organisation Leadership for Energy and Environmental Design (LEED) ausgezeichnet.

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