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Erfolgsfaktoren Der Mittelstand ist Deutschlands Geheimwaffe

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Tobit AG

Das innovative Softwareunternehmen vom Niederrhein setzt auf häufige Wechsel in einer jungen Belegschaft.

Geht es nach Vorstandschef Tobias Groten, dürften bei Tobit Software in Ahaus am Niederrhein 75 Prozent der Mitarbeiter nicht länger als fünf Jahre bleiben. Wer ein Leben in geregelten Bahnen will, sollte das Unternehmen nach dieser Zeit verlassen. Die anderen 25 Prozent, so die Philosophie des Firmenchefs, müssen möglichst flexibel und verrückt genug sein, um länger zu bleiben.

„Ständige Zellerneuerung ist das Geheimnis des Ladens“, sagt Groten, der 89 Prozent der Anteile hält. Der Rest gehört einem engen Freund sowie Entwicklungschef Franz-Josef Leuders. Frisches Blut holt er mit Auszubildenden ins Unternehmen, den „jungen Wilden unter 25“, wie er sie nennt. Wer bei Tobit gearbeitet hat, muss nicht lange nach einem neuen Job suchen, der Mittelständler gilt als eines der innovativsten deutschen IT-Unternehmen.

Groten führt sein Unternehmen wie ein Start-up, das aber bereits seit 28 Jahren. Er ist überzeugt: „Sobald man etabliert wird, hat man verloren!“ Im Alter von zwölf Jahren begann er, Software für Unternehmen zu programmieren, 1986 gründete er im Alter von 18 Jahren Tobit. Kurze Zeit später brach er die Schullaufbahn ab und widmete sich ganz dem Unternehmen.

Tobit

Kommunikationssoftware und Informations-Apps

Angefangen hat Tobit mit der Kommunikationssoftware David für Unternehmen. Diese bündelt alle Informationsflüsse wie Fax, E-Mail, SMS, Chatfunktion und Voice-Mail und packt Inhalte relevanter Internet-Seiten dazu. Inzwischen baut Tobit auch Informations-Apps für Unternehmen und Vereine – von der lokalen Feuerwehr über die Betreiber von YouTube-Kanälen bis zu Größen wie dem Fußballbundesligisten Schalke 04. Rund 200 solcher Miniprogramme fürs Handy produziert das Unternehmen jeden Tag. „Bisher haben wir 50.000 Apps erstellt, die insgesamt acht Millionen Menschen nutzen“, sagt er.

Das Geschäft läuft offenbar gut, auch wenn Groten beteuert, dass es „nie Ziele in Sachen Umsatz oder Gewinn“ gegeben habe. 2013 habe das Unternehmen rund vier Millionen Euro Gewinn gemacht und werde im laufenden Jahr ähnlich abschließen. 2011 setzte Tobit laut Bundesanzeiger knapp 16 Millionen Euro um und erzielte einen Nettogewinn von fast zwei Millionen Euro. Bis Juni 2015 will Groten 100.000 Apps auf den Markt gebracht haben, mit dann insgesamt 25 Millionen Nutzern.

Ideen werden ausprobiert

Der 47-Jährige mit dem zerzausten lockigen grauen Haar, dem zerknitterten Hemd über der Jeans und den Turnschuhen – weiß oder gerne auch in Neon-Orange – gibt den Nonkonformisten aus dem Bilderbuch. Knapp 90 Prozent der Aktien hält er selbst. Kein Kunde kommt auf einen Anteil von mehr als ein Prozent des Umsatzes. Das verschafft dem Unternehmer viel Freiheit bei seinen Entscheidungen. „Unabhängigkeit steht über allen Dingen“, sagt Grote, „es ist die Grundlage, um etwas Neues zu machen.“

So kritisiert der Vorstandschef, „wer in Deutschland eine Idee hat, wird als Allererstes gefragt: Ist das erlaubt?“. Bei Tobit frage niemand, was erlaubt sei, und auch nicht, ob etwas wirtschaftlich sei. Ideen würden einfach ausprobiert. „Es darf keine Regeln beim Denken geben“, sagt Grote.

E-Bikes mit dem Smartphone steuern

Seine Ideen setzt der IT-Unternehmer im Entwicklungslabor in Ahaus um. Dort arbeitet Entwickler Benjamin Gahle. „Tobias bringt die Idee, wir setzen das um“, sagt der 47-Jährige, der gerade an einem Projekt arbeitet, bei dem E-Bikes mithilfe des Smartphones gesteuert werden. Groten und seine Leute sind zwar „per Du“. Dennoch „ist der Laden alles andere als demokratisch“, betont Groten. Einer müsse am Ende entscheiden.

Dass sich manche Idee als Sackgasse erwies, stört den Unternehmer nicht. Wenn etwas nicht funktioniert wie gedacht, dann stoppt das Enfant terrible die Entwicklung. Auch Tobit hatte mal eine Nachrichten-App, noch vor WhatsApp. Dass daraus kein kommerzieller Erfolg wurde, enttäuscht Groten nicht: „Man muss sein eigener Feind und in der Lage sein, auch eigene Sachen kaputt zu machen.“ Man müsse disruptiv denken, also in technologischen Sprüngen.

Grotens unternehmerischer Drang beschränkt sich nicht auf IT. So hat er den Kinofilm „Stromberg“ mitfinanziert, ein Dschungel-Restaurant und einen Nachtclub eröffnet. Einmal im Jahr veranstaltet er in Ahaus die Winter-Kirmes Stattalm, die in sechs Wochen bis zu 200.000 Besucher anlockt. Seine Partys auf der Computermesse Cebit in Hannover sind wegen lauter Musik, Freibier und leicht bekleideten Tänzerinnen berühmt bis berüchtigt.

Tobias Groten Quelle: Dominik Asbach für WirtschaftsWoche

Grotens einzige Konstante in seinem Leben ist die Heimatverbundenheit. In der 30.000-Einwohner-Stadt Ahaus ist er geboren, hat hier sein Unternehmen und seine Familie gegründet. Dort will er auch bleiben. „Ich war noch nie länger als zwei Wochen aus Ahaus weg“, gesteht er.

In der digitalen Welt gibt sich Groten unangepasst. So nutzt er Facebook nicht für die Kontaktpflege oder zum Netzwerken. Er findet es aber praktisch, sich über dieses soziale Netzwerk bei vielen Web-Seiten anmelden zu können, ohne jeweils ein eigenes Benutzerkonto anlegen zu müssen.

Bonus, Spaß und Leidenschaft

Groten besitzt auch ein Smartphone, ruft damit aber niemanden an, weil er es als aufdringlich empfände. Lieber hinterlässt er eine Textnachricht. Im Sommer hat er es abgelehnt, sich bei der Ice-Bucket-Challenge Wasser mit Eis über den Kopf zu schütten. Stattdessen spendierte er den Bürgern von Ahaus 14.000 Kugeln Eis.

Seine Hauptziele habe er schon erreicht, sagt Groten: „Einen Sohn gezeugt, einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut.“ Der Rest sei Bonus, Spaß und Leidenschaft. Tobit zu verkaufen, komme nicht infrage, Angebote habe er abgelehnt: „Ich bin keiner für Exits, eher der nachhaltige, handfeste Typ.“

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