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Exklusive Umfrage Quer durch alle Branchen: Deutsche Weltmarktführer erhöhen die Preise

Pistenbully von Kässbohrer Geländefahrzeug Quelle: SZ-Photo

Ob Kosten für Strom, Transporte, Rohstoffe oder Mikrochips: Für Unternehmen steigen die Ausgaben kontinuierlich. Viele deutsche Weltmarktführer heben nun die Preise an – und begründen dies teils mit Notwehr.

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Wenn Bergbahn- oder Skiliftbetreiber dieser Tage den Kauf eines Pistenbullys erwägen, müssten sie noch etwas mehr Geld einplanen als ohnehin schon: Denn der Weltmarktführer für Pistenfahrzeuge, die Firma Kässbohrer Geländefahrzeuge aus dem schwäbischen Laupheim, wird im kommenden Jahr die Preise erhöhen. Auf der Beschaffungsseite erwartet das Unternehmen (700 Millionen Euro Umsatz) eine Preissteigerung von rund acht Prozent. „Wir werden die Preise an die Kunden um fünf Prozent erhöhen und damit nur einen Teil der Preiserhöhung weitergeben“, teilt die Firma mit.

Damit ist Kässbohrer-Geländefahrzeuge keine Ausnahme. Zahlreiche deutsche Weltmarktführer werden im kommenden Jahr die anhaltend steigenden Kosten für Rohstoffe, Strom, Chips und Logistik an ihre Kunden weitergeben und die Preise für einiger ihrer Produkte erhöhen. Das ergab eine exklusive WirtschaftsWoche-Umfrage unter den rund 500 deutschen Weltmarktführern.

Der fränkische Elektromotor- und Ventilator-Hersteller EBM-Papst etwa sehe sich „gezwungen, die Preise um sieben bis acht Prozent zu erhöhen“, aufgrund der erhöhten Einkaufspreise für Elektronikkomponenten und den gestiegenen Transport- und Verpackungskosten“.

Die Putzmeister-Holding (700 Millionen Euro Umsatz) aus dem baden-württembergischen Aichtal wird ihre Betonpumpen, Mörtelmaschinen und Betonspritzmaschinen nach fünf Prozent Preiserhöhungen in diesem Jahr (auf Neumaschinen), auch im kommenden Jahr teurer verkaufen: mit Preiserhöhungen von „weiteren fünf bis sieben Prozent“ auf Neumaschinen sowie „circa zehn Prozent auf Ersatzteile“. Handlungsbedarf sieht auch die Felix Schoeller Group aus Osnabrück (Umsatz: rund 950 Millionen Euro), Hersteller von Spezial-, Foto- und Dekorpapier: zum 1. Dezember erhob die Firma einen Energiekostenaufschlag. Zudem korrigierte die Firma die Verkaufspreise für Dekorpapiere „aufgrund einer weiteren Verteuerung unseres Hauptrohstoffes Titandioxid sowie währungsbedingten Verteuerungen beim Zellstoff“. Pro 100 Kilo wird Felix Schoeller die Preise „um bis zu neun Euro“ anheben, „abhängig vom Aschegehalt der jeweiligen Papiertypen“.

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    Ohne konkrete Preisspannen zu nennen, bestätigten auch andere Unternehmen Pläne, die Preise zu erhöhen: etwa der Zugbremsenhersteller Knorr-Bremse, Medizintechniker Drägerwerk, Daimler Trucks, der Pumpenhersteller KSB, der Frankfurter Gabelstaplerbauer Kion und die Dax-Konzerne Volkswagen, Henkel, Brenntag, Adidas und Continental. Und auch Siemens-CEO Roland Busch sprach auf der Jahrespressekonferenz im November von „Gegenwind (...) durch höhere Materialpreise und steigende Transportkosten“. Diesen Missstand plane er jedoch, „durch preisliche Anpassungen über das Jahr hinweg“ zu beheben.

    Letzter Dominostein fällt um

    Die Unternehmen reagieren damit auf mannigfache Kostensteigerungen in vielen Bereichen. Ihre Preiserhöhungen sind sozusagen nur der letzte Dominostein, der in einer globalen Kettenreaktion unter Einbeziehung diverser Faktoren umgekippt wird. So sind laut Bundesverband Energie- und Wasserwirtschaft die Strompreise für kleine und mittlere Industriebetriebe in Deutschland 2021 um durchschnittlich fast 20 Prozent gegenüber 2020 gestiegen; das ist zumindest ein entscheidender Faktor für all jene Unternehmen, die einen Großteil ihrer Produktion in Deutschland haben.

    Der Preis für Silizium, Grundlage für Mikrochips, stieg seit Oktober 2020 um 43 Prozent. Auch die Kupfer- und Stahlpreise erhöhten sich massiv. Und der World-Container-Index für weltweite Seefrachtkosten kletterte seit Januar um 196 Prozent. Diese massive Verteuerung ist unter anderem auf die Pandemie zurückzuführen: Chinesische Großhäfen hatten nach einzelnen Corona-Ausbrüchen wiederholt schließen müssen und so Staus verursacht.

    Weil die Preiserhöhungen quer durch alle Segmente, Kategorien und Abteilungen zu verzeichnen sind, betreffen sie auch nahezu alle Branchen und Industrien. „Die Preise vieler Roh- und Packstoffe, sowie Transportkosten sind so stark gestiegen wie in den vergangenen 15 Jahren nicht“, heißt es etwa vom Düsseldorfer Dax-Konzern Henkel, der Wasch- und Reinigungsmittel (Persil), Shampoo (Schwarzkopf) sowie Klebstoffe produziert. „Das können wir nicht vollständig kompensieren.“

    Und das Wormser Chemieindustrie-Unternehmen Renolit (Umsatz: rund eine Milliarde Euro) beklagt stellvertretend für die Kunststoffverarbeitende Branche bereits „seit Mitte des Jahres 2020 eine nie dagewesene Anzahl an Force-Majeure-Erklärungen“ seitens der Lieferanten, also: höhere Gewalt. Die Gründe seien etwa „technisch bedingte Anlagenausfälle, Versorgungsprobleme mit Vorprodukten, Witterungseinflüsse“. Gekoppelt mit „massiven Störungen in den globalen Lieferketten als Folge der Pandemie“ hätten sich „die Preise für Kunststoffpolymere in Europa teilweise mehr als verdoppelt“. Somit sehe sich die Firma gezwungen, die Rohstoff- und Energiepreiserhöhungen an den Markt und unsere Kunden weiterzugeben, Lieferzeiten zu verlängern, „und gegebenenfalls auch Aufträge abzulehnen“.

    Weil die teils massiven Preissteigerungen bereits seit Monaten durchschlagen, haben einige Unternehmen auch bereits im laufenden Jahr die Preise für ihre Produkte angehoben. So hat etwa die Kölner Tente Rollen GmbH, ein Produzent von Rädern und Rollen für die Möbelindustrie, Einkaufs- und Transportwagen (Umsatz: 225 Millionen Euro), im aktuellen Jahr „Kostensteigerungen von Rohstoffen, Frachten und Energie anteilsmäßig weitergeben müssen“. Die Preiserhöhungen lagen zwischen fünf und 20 Prozent. Der Spann- und Greiftechnikspezialist Schunk aus Lauffen am Neckar konnte „den Kostendruck nicht länger ausgleichen“ und hat die Preise für seine zum 1. Dezember „sortimentsübergreifend um 3,8 Prozent“ erhöht. Ebenfalls bereits erhöht haben etwa Messtechniker Kübler aus Villingen-Schwenningen (4,8 Prozent), die Elektrotechnische Apparate GmbH aus Altdorf (zwischen 2,5 und 4,5 Prozent), Wacker-Chemie aus München und auch die Dürr AG aus Bietigheim-Bissingen mit ihrer Tochterfirma Homag, Weltmarktführer bei Maschinen für die Holzbearbeitung.

    Kelheim Fibres hat ebenfalls bereits eine Preiserhöhung veranlassen müssen: Im Durchschnitt hob die niederbayerische Firma (Umsatz: 131 Millionen Euro) die Preise für ihre Produkte aus Viskosefasern um 10 bis 15 Prozent an. Und im neuen Jahr? Wird der Weltmarktführer die Preise für die gesamte Produktpalette seiner Viskosespezialfasern im ersten Quartal um weitere 25 Prozent erhöhen. „Weitere Erhöhungen sind abhängig von der Entwicklung der Kosten für Frachten, Rohstoffe und Energie.“

    Dass die Ursachen für vielerlei Verteuerungen in absehbarer Zeit gelöst werden, glaubt man auch nicht beim Leverkusener Werkstoffhersteller und Dax-Mitglied Covestro: „Wir gehen davon aus, dass sich Logistikengpässe nur langsam auflösen werden und sich die Situation erst im Laufe des Jahres 2022 normalisiert.“

    Mehr zum Thema: Infografik: Wo die Weltmarktführer zu Hause sind

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