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Familienkonzern steigt bei Aufzug-Start-up ein Das Millionen-Geschäft mit den Aufzugdaten

Beim Auf und Ab eines Fahrstuhls entstehen Daten – daraus machen Start-ups ein Geschäftsmodell Quelle: dpa

Das Start-up Digital Spine wertet Aufzugdaten aus, um die Wartungskosten zu reduzieren – ein Millionengeschäft. Für Immobilienbesitzer könnten damit die Aufzugkosten stark sinken. Nun steigt Familienkonzern Goldbeck ein.

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Der Aha-Moment kam ihm in der Allianz-Arena: Dorthin hatte Simon Vestner vor einigen Jahren 30 wichtige Kunden zu einer Befragung eingeladen. Für sie baut und wartet die Firma Vestner Aufzüge – gegründet wurde das Familienunternehmen 1930 in München. Den Fahrstuhl der Zukunft, den wünschten sich die Teilnehmer vor allem störungsfrei und viel transparenter in den Betriebskosten. „Da müssen wir doch als Familie was draus machen“, sei die Erkenntnis gewesen, erinnert sich der 43-Jährige heute.

Das Ergebnis war damals noch nicht abzusehen: Aus den ersten Digitalisierungsgedanken wurde 2018 eine eigene Abteilung – und im Jahr 2020 dann sogar ein eigenes Unternehmen. An dem beteiligt sich nun bereits das nächste Familienunternehmen: Wie die WirtschaftsWoche vorab erfahren hat, steigt Goldbeck bei Vestners Start-up, der Digital Spine GmbH, ein. Der Immobilienentwickler aus Bielefeld, der unter anderem gerade das deutsche Tesla-Werk baut, beteiligt sich mit einem siebenstelligen Betrag an dem jungen Unternehmen und erhält dafür zehn Prozent der Anteile.

Mit seiner noch recht frisch gegründeten Firma sitzt Simon Vestner fernab der bayerischen Heimat im Berliner Maschinenraum. Dort haben sich viele Konzerne und größere Mittelständler mit ihren Innovationseinheiten eingemietet, um an digitalen Ideen zu werkeln. Das Traditionsunternehmen in München mit etwa 400 Mitarbeitern führt weiterhin sein Vater Paul. Simon wiederum ist mit einem kleinen Team angetreten, um etwas neues Großes aufzubauen: Das Start-up hat sich getreu seines Namens vorgenommen, das digitale Rückgrat von Immobilien zu erschließen. Den Angriffspunkt bietet dabei der Aufzug, als vertrautes Terrain: Mit einem selbst entwickelten Bauteil dockt das Start-up an die Steuerungseinheit von Fahrstühlen an, liest die Daten aus und funkt sie in eine Cloud-Lösung.



Sparplan für Aufzugbetreiber

Dort arbeiten Algorithmen daran, Zusammenhänge zu erkennen. Verlängern sich nach und nach die Türöffnungszeiten? Oder fährt der Aufzug zwischen zwei Stockwerken etwas holpriger? „Wenn Fehler auftreten, gucken wir auf die Informationen aus der Zeit davor – und können dann Probleme erkennen“, sagt Vestner. Die Idee: Mit dem Wissen aus vielen Aufzugfahrten lässt sich genau vorhersagen, wann und wo Störungen drohen. In der Industrie ist bei solchen Ideen gerne von der „Predictive Maintenance“, der vorausschauenden Wartung, die Rede.

Die „Aufzughelden“, so der Markenname des ersten Digital-Spine-Produkts, alarmieren deshalb die Wartungstechniker, bevor ein nerviger und teurer Stillstand droht. Dabei nutzt Vestner die Erfahrung aus dem Familienbetrieb: Die Ersatzteile selbst seien gar nicht immer teuer, berichtet er. Doch wenn sie plötzlich geordert werden müssen, kann es lange dauern, bis die Reparatur überhaupt starten kann.

Mit der besseren Datenlage wagt sich Vestner an ein ungewöhnliches Geschäftsmodell: Sein Start-up übernimmt alle Betriebskosten rund um den Aufzug von den Immobilienbesitzern – und gibt ihnen sogar 15 Prozent Rabatt auf die Gesamtsumme aus Prüf- und Wartungsverträgen. Gleichzeitig beschäftigt das Digitalunternehmen keine eigenen Techniker, sondern arbeitet weiter mit den bestehenden Firmen zusammen. Das Kalkül: Weil man viel seltener und viel zielgerichteter einen Monteur beauftragen muss, sparen die Aufzughelden deutlich mehr als 15 Prozent – und erwirtschaften über diese Marge ihren Gewinn.

Keine Alternative zur Ausgründung

An die Metriken und Modelle der Start-up-Welt musste sich Vestner erst heranarbeiten. „Ich wusste anfangs nicht, was eine API ist“, berichtet er beispielhaft. Diese Programmierschnittstellen ermöglichen die Verbindung zwischen Software- oder Hardware-Systemen. Heute sind sie die Grundlage der Aufzugsanalytik, der sich Vestner über Podcasts und die Zusammenarbeit mit einer Agentur immer weiter näherte. Auch bei der Entwicklung des digitalen Produkts musste er umdenken: „Früher haben wir Prozesse und Entwürfe geschrieben und wussten genau, wo wir hinwollten. Heute laufen wir einfach los und steuern dann nach“. Statt vor einem Markteintritt an Details zu tüfteln, probierte das Start-up manche Ideen direkt mit den ersten Kunden aus.

„Mir wurde sehr freie Hand gelassen, ich durfte viel ausprobieren“, sagt Vestner. Angetreten war er in München eigentlich, um nach und nach die Geschicke des Familienunternehmens zu übernehmen. Doch um mit der Idee wachsen zu können, musste ein Umbruch her. „Es gibt ja nicht nur Vestner-Aufzüge in der Welt, wir wollen alle in unsere Plattform integrieren“, sagt Vestner. Im vertrauten Kundenkreis daheim sei die Neugier zwar groß gewesen. Aber aus der über Jahrzehnte aufgebauten Rolle als Aufzugbauer kam die Digitaleinheit nicht heraus: „Der Weg in solchen Fällen wird immer über eine Ausgründung führen“, ist Vestner überzeugt, „erst dann nehmen dich die Kunden auch als echte IT-Experten wahr.“

13 Mitarbeiter beschäftigt Vestner aktuell, Monat für Monat kommen ein paar Programmierer und Analysten dazu. Die Kundenzahl wächst ebenfalls: Bis zum Ende des Jahres sollen etwa 1500 Aufzüge ihre Daten an die IT-Plattform funken – bei knapp 800.000 installierten Anlagen allein in Deutschland bleibt jedoch noch Luft nach oben. „An der Technologie ist ein Haken dran, das Wachstum ist die größte Herausforderung für uns“, sagt Vestner, „wir müssen die Mitarbeiter an Bord bringen, wir müssen unser Kundenversprechen halten.“

Vom Aufzug in das Gebäude vorarbeiten

Weitere Herausforderungen werden folgen: Deutlich größere Mitbewerber in der Branche, etwa Thyssenkrupp oder Schindler, dürften irgendwann neugierig auf das Start-up schielen. Die Konzerne stecken heute schon viel Arbeit in die Aufgabe, ihre Aufzüge zu vernetzen. Thyssenkrupp bewirbt beispielsweise die Wartungsanalytik „Max“ – und verspricht bis zu 50 Prozent weniger Ausfallzeiten.

Vestner denkt bereits weiter. Vom Aufzugschacht aus will das Start-up etwa mehr über Gebäude erfahren. CO2- und Temperatursensoren könnten beispielsweise über die Luftqualität in der Immobilie informieren. Und in Hotels, Krankenhäusern oder Produktionsanlagen könnten fahrende Roboter über die Steuerungseinheit mit den Fahrstühlen kommunizieren und in verschiedene Etagen fahren. Durch die Kooperation mit Aufzughelden erhalte man „Zugang zu technologischen Innovationen, die für den Gebäudebetrieb der Zukunft hoch relevant sind“, lobt Fabian Lenz, Leiter Innovation bei Neu-Investor Goldbeck.

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In welcher Etage die Fahrt für die Aufzughelden enden wird, ist heute unklar. „Mir ist es gerade wichtig, ein Unternehmen aufzubauen“, sagt Vestner, „ob es ein wirkliches Familienunternehmen wird, wird man am Ende sehen“.

Mehr zum Thema: Der Verkauf des Aufzugsgeschäfts von Thyssenkrupp setzt Europas Marktführer Schindler unter Druck. Doch der verschwiegene Schweizer Familienkonzern steht noch vor weiteren Herausforderungen.

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