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Familienunternehmen Wie Chinas Mittelständler um Kredite kämpfen

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Milliardenschwerer Schattenbanken-Sektor

Deshalb läuft es auch heute noch so wie zu den Zeiten von Cai Lis Vater und seiner Stanzmaschine. Wer gründen will und von der Bank kein Geld bekommt, geht zu einer der Kooperativen, die längst auch Familienfremden Geld leihen. Denn aus den Netzwerken ist ein milliardenschwerer Schattenbanken-Sektor gewachsen, der Gründer mit Kapital versorgt, aber Zinsen bis in den zweistelligen Prozentbereich verlangt.

Trotz der Widrigkeiten sind kleine und mittlere Familienunternehmen in China im Durchschnitt profitabler als Staatsunternehmen: Ihre Umsatzrendite lag 2013 bei 26 Prozent, die der Staatsunternehmen bei unter zwölf. Die staatlich verordnete Geldknappheit wirkt sich offenbar wie ein Stahlbad aus: Wer es überlebt, wird stärker.

Facharbeitermangel auch in China

Ein Zentrum des chinesischen Mittelstands ist die Provinz Zhejiang, aus der auch Cai Li stammt. Die Neun-Millionen-Stadt Wenzhou, 800 Kilometer südlich von Shanghai, hat mit der Glitzerwelt der Metropole nichts zu tun. Auf den Straßen hupen sich Porsche Panamera und Lieferwagen gleichermaßen den Weg zwischen dampfenden Garküchen und Wanderarbeitern auf klapprigen Motorrädern frei. Fabrik reiht sich an Fabrik. Auf manchen Dächern prangen Kreuze aus Beton: Mehr als die Hälfte der Einwohner Wenzhous bekennt sich zum Protestantismus. Weil hier in den Achtzigerjahren als Erstes die privaten Kreditnetzwerke entstanden, gibt es heute nirgendwo sonst in China so viele Familienunternehmen.

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Auch Yu Wenpin hat in Wenzhou sein Büro. Der Unternehmer ist müde, kippt warmes Wasser auf eine Kanne mit Teeblättern, schwenkt die Kanne ein bisschen, gießt den Tee in einen anderen Behälter, gibt ihn in eine Tasse. Es ist weißer Tee, der wach machen soll. In seinem Büro steht neben einem fünf Meter langen Mahagoni-Schreibtisch und einem Massagestuhl auch ein Kühlschrank, in dem Yu seine Teevorräte aufbewahrt. Sein Unternehmen Xingle stellt Hochspannungskabel her, die bei Großprojekten wie Staudämmen oder Flughäfen zum Einsatz kommen. Auch der deutsche Konzern Bosch zählt zu den Kunden.

Die Zeiten billiger Arbeitskraft sind vorbei

2006 übernahm der heute 45-Jährige den Betrieb von seinem Vater. Der hatte Xingle 1985 gegründet, wenige Jahre nach dem Start der Reformen durch Deng Xiaoping. Heute hat der Betrieb über 5000 Mitarbeiter und setzt mehr als eine Milliarde Euro um. Zu dem Erfolg hat beigetragen, dass Xingle viele staatliche Stellen beliefert und von der Partei wohlwollend betrachtet wird. Das Geschäft laufe gut, versichert Yu, „weil wir uns spezialisiert haben und auf Qualität setzen“.

Das war auch nötig, denn für viele Unternehmen in Wenzhou ist die Lage nicht einfach. „Die sogenannte leichte Industrie wie die Fertigung von Kugelschreibern oder Textilien war nach Dengs Reformen die erste, die für private Investitionen offen war“, sagt Wirtschaftsprofessor Ding. Doch die Bedingungen werden auch für den Mittelstand schwieriger, weil frühere Standortvorteile wie niedrige Gehälter und Landpreise verschwinden. So steigt der chinesische Mindestlohn jedes Jahr durchschnittlich um zehn Prozent. Wer billige Arbeitskräfte sucht, ist mittlerweile in Südostasien besser aufgehoben.

Private trotzen Staatsmacht: Beschäftigte bei chinesischen Unternehmen. (zum Vergrößern bitte anklicken)

In Branchen am unteren Ende der Wertschöpfungskette wie in der einfachen Metallverarbeitung sind die Aussichten für Familienunternehmen daher schlecht. „Viele Mittelständler in arbeitsintensiven Bereichen werden in den kommenden Jahren verschwinden“, prophezeit Ding. Wer überleben will, muss innovativer werden, in der Wertschöpfungskette nach oben klettern oder eine lukrative Nische finden.

Nicht allen gelingt das. Vielen Unternehmen fehlt das Geld, um stärker in Forschung und Entwicklung zu investieren. Andere, wie Xingle oder Hantong, haben zwar das Geld, aber Schwierigkeiten, gute Leute zu finden. Viele junge Chinesen ziehen die Sicherheit von Staatsunternehmen oder die Aufstiegschancen bei schillernden Internet-Firmen wie Alibaba vor. Daher produzieren die meisten Familienunternehmen nicht auf Weltmarktniveau und sind für den deutschen Mittelstand noch nicht als direkte Konkurrenten gefährlich.

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