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Familienunternehmen Wie Chinas Mittelständler um Kredite kämpfen

China will in der Wirtschaft nationale Champions. Familienunternehmen werden von der Regierung absichtlich klein gehalten. Über Umwege kommt der Mittelstand trotzem an Kapital – dank milliardenschwerer Schattenbanken.

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Familiengewächs: Unternehmer Cai Li baut den Metallbetrieb seines Vaters aus. Quelle: Eric Leleu für WirtschaftsWoche

Cai Lis Vater braucht Geld. Der Stahlarbeiter aus der chinesischen Provinz Zhejiang südlich von Shanghai will sich mit einer Stanzmaschine für Stahlteile selbstständig machen. Aber wovon bezahlen? Er verdient 60 Yuan im Monat, umgerechnet etwas mehr als zehn Euro. Die Maschine kostet mehrere Tausend Yuan. Die Bank will ihm keinen Kredit geben.

Er wendet sich an sein Netzwerk. Verwandte und Freunde werfen ihre Ersparnisse in einen Topf. Braucht einer von ihnen Geld, stellt er den anderen Netzwerkern sein Anliegen vor. Stimmen sie zu, entnimmt er das Kapital und überweist es später in den Pool zurück, plus Gewinnanteil. Der Zinssatz liegt zwar weit über dem der Banken, doch er ist optimistisch, das Geld zurückzahlen zu können. Die verwandtschaftlichen Beziehungen verhindern sehr effektiv, dass sich der Schuldner aus dem Staub macht. Das Netzwerk stellt umgerechnet 8000 Euro. Damit kauft er in Shanghai eine gebrauchte Stanzmaschine und produziert einfache Metallteile für Unternehmenskunden. Das Unternehmen Hantong ist geboren.

Das war vor fast 30 Jahren. Inzwischen führt Sohn Cai Li das Unternehmen, das mit 75 Mitarbeitern umgerechnet rund zehn Millionen Euro umsetzt, vor allem mit Motorteilen für die Autoindustrie.

Solche erfolgreichen Gründergeschichten könnten auch in Nordhessen oder Ostwestfalen spielen. Doch in China kämpfen Mittelständler gegen erheblich mehr Widrigkeiten: Die Regierung setzt zwar auf den Aufbau nationaler Champions, fördert internationale Konzerne wie das Internet-Unternehmen Alibaba, vernachlässigt aber die kleinen und mittleren Familienbetriebe.

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So verwehrt ihnen die Partei komplett den Zugang zu Branchen wie Telekommunikation, Transport, Energie oder Verteidigung. Zudem sind die Banken zurückhaltend bei Krediten an private Unternehmer, weil die Rückzahlung unsicherer ist als bei Staatsunternehmen. Nur die besten unter Chinas kleinen und mittleren Familienunternehmern, gestählt im Kampf gegen Repressionen, bienenfleißig und ehrgeizig, können zu ernsthaften Konkurrenten für deutsche Mittelständler werden.

Der Staat hält den Mittestand klein

Chinas Mittelstand ist noch jung: Vor 1978 gab es keine Privatwirtschaft. Während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 wurden Unternehmer außer Landes gejagt. Viele flohen nach Hongkong oder Taiwan, wo sie heute das Wirtschaftsgeschehen dominieren. Aber auch 30 Jahre nach Beginn der Öffnungspolitik durch Deng Xiaoping ist die Wirtschaft geprägt von staatlichen und privaten Megakonzernen wie dem Ölgiganten Sinopec, dem VW-Partner FAW oder dem Stahlriesen Baosteel. „Chinas Wirtschaft ist noch immer ein Hybrid zwischen Staatskapitalismus und Privatwirtschaft“, sagt Yuan Ding, Professor für Wirtschaft an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai.

Zwar stellen laut Nationalem Statistikbüro kleinere und mittlere Unternehmen heute 80 Prozent der Arbeitsplätze, 50 Prozent des Steueraufkommens und 60 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) – Tendenz steigend. Aber der Staat hält den Mittelstand klein.

China

Teile des kommunistischen Regimes sind aus ideologischen Gründen weiter skeptisch gegenüber der Privatwirtschaft. „Wer zu groß wird, bekommt Besuch von der Partei“, sagt ein Automobilzulieferer, der anonym bleiben möchte. Funktionäre kontrollieren dann peinlich genau, ob Betriebe Produktionsauflagen einhalten.

Vor allem aber benachteiligt der Staat Privatunternehmen bei der Finanzierung . Auf Mittelstandsfinanzierung spezialisierte Banken gibt es nicht. Und die staatlich kontrollierten Geldhäuser vergeben Kredite lieber an Staatsunternehmen, die notfalls von Peking gerettet werden. Nur ein Fünftel des von Banken vergebenen Kreditvolumens geht an Privatunternehmen. Und für dieses Geld zahlen die Unternehmer im Durchschnitt dreimal so hohe Zinsen wie ihre staatlichen Konkurrenten.

Milliardenschwerer Schattenbanken-Sektor

Deshalb läuft es auch heute noch so wie zu den Zeiten von Cai Lis Vater und seiner Stanzmaschine. Wer gründen will und von der Bank kein Geld bekommt, geht zu einer der Kooperativen, die längst auch Familienfremden Geld leihen. Denn aus den Netzwerken ist ein milliardenschwerer Schattenbanken-Sektor gewachsen, der Gründer mit Kapital versorgt, aber Zinsen bis in den zweistelligen Prozentbereich verlangt.

Trotz der Widrigkeiten sind kleine und mittlere Familienunternehmen in China im Durchschnitt profitabler als Staatsunternehmen: Ihre Umsatzrendite lag 2013 bei 26 Prozent, die der Staatsunternehmen bei unter zwölf. Die staatlich verordnete Geldknappheit wirkt sich offenbar wie ein Stahlbad aus: Wer es überlebt, wird stärker.

Facharbeitermangel auch in China

Ein Zentrum des chinesischen Mittelstands ist die Provinz Zhejiang, aus der auch Cai Li stammt. Die Neun-Millionen-Stadt Wenzhou, 800 Kilometer südlich von Shanghai, hat mit der Glitzerwelt der Metropole nichts zu tun. Auf den Straßen hupen sich Porsche Panamera und Lieferwagen gleichermaßen den Weg zwischen dampfenden Garküchen und Wanderarbeitern auf klapprigen Motorrädern frei. Fabrik reiht sich an Fabrik. Auf manchen Dächern prangen Kreuze aus Beton: Mehr als die Hälfte der Einwohner Wenzhous bekennt sich zum Protestantismus. Weil hier in den Achtzigerjahren als Erstes die privaten Kreditnetzwerke entstanden, gibt es heute nirgendwo sonst in China so viele Familienunternehmen.

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Auch Yu Wenpin hat in Wenzhou sein Büro. Der Unternehmer ist müde, kippt warmes Wasser auf eine Kanne mit Teeblättern, schwenkt die Kanne ein bisschen, gießt den Tee in einen anderen Behälter, gibt ihn in eine Tasse. Es ist weißer Tee, der wach machen soll. In seinem Büro steht neben einem fünf Meter langen Mahagoni-Schreibtisch und einem Massagestuhl auch ein Kühlschrank, in dem Yu seine Teevorräte aufbewahrt. Sein Unternehmen Xingle stellt Hochspannungskabel her, die bei Großprojekten wie Staudämmen oder Flughäfen zum Einsatz kommen. Auch der deutsche Konzern Bosch zählt zu den Kunden.

Die Zeiten billiger Arbeitskraft sind vorbei

2006 übernahm der heute 45-Jährige den Betrieb von seinem Vater. Der hatte Xingle 1985 gegründet, wenige Jahre nach dem Start der Reformen durch Deng Xiaoping. Heute hat der Betrieb über 5000 Mitarbeiter und setzt mehr als eine Milliarde Euro um. Zu dem Erfolg hat beigetragen, dass Xingle viele staatliche Stellen beliefert und von der Partei wohlwollend betrachtet wird. Das Geschäft laufe gut, versichert Yu, „weil wir uns spezialisiert haben und auf Qualität setzen“.

Das war auch nötig, denn für viele Unternehmen in Wenzhou ist die Lage nicht einfach. „Die sogenannte leichte Industrie wie die Fertigung von Kugelschreibern oder Textilien war nach Dengs Reformen die erste, die für private Investitionen offen war“, sagt Wirtschaftsprofessor Ding. Doch die Bedingungen werden auch für den Mittelstand schwieriger, weil frühere Standortvorteile wie niedrige Gehälter und Landpreise verschwinden. So steigt der chinesische Mindestlohn jedes Jahr durchschnittlich um zehn Prozent. Wer billige Arbeitskräfte sucht, ist mittlerweile in Südostasien besser aufgehoben.

Private trotzen Staatsmacht: Beschäftigte bei chinesischen Unternehmen. (zum Vergrößern bitte anklicken)

In Branchen am unteren Ende der Wertschöpfungskette wie in der einfachen Metallverarbeitung sind die Aussichten für Familienunternehmen daher schlecht. „Viele Mittelständler in arbeitsintensiven Bereichen werden in den kommenden Jahren verschwinden“, prophezeit Ding. Wer überleben will, muss innovativer werden, in der Wertschöpfungskette nach oben klettern oder eine lukrative Nische finden.

Nicht allen gelingt das. Vielen Unternehmen fehlt das Geld, um stärker in Forschung und Entwicklung zu investieren. Andere, wie Xingle oder Hantong, haben zwar das Geld, aber Schwierigkeiten, gute Leute zu finden. Viele junge Chinesen ziehen die Sicherheit von Staatsunternehmen oder die Aufstiegschancen bei schillernden Internet-Firmen wie Alibaba vor. Daher produzieren die meisten Familienunternehmen nicht auf Weltmarktniveau und sind für den deutschen Mittelstand noch nicht als direkte Konkurrenten gefährlich.

Fehlende Qualität und Effizienz

Manche Chinesen versuchen gar nicht erst, im High-Tech-Segment zu konkurrieren, sondern nutzen die weltweit steigende Nachfrage nach „Good-Enough-Technik“, also den weniger hochwertigen, aber für den Bedarf vieler Kunden nach ausreichenden und günstigeren Produkten.

So agieren chinesische Maschinenbauer vor allem im unteren und mittleren Segment. „Nur wenigen gelingt es, eine marktbeherrschende Stellung einzunehmen“, sagt Georg Stiehler, Leiter der Unternehmensberatung STM in Shanghai. Bei Automobilzulieferern etwa gibt es bisher so gut wie keine chinesische Konkurrenz für deutsche Mittelständler. „Die Branche stellt höchste Anforderungen an Qualität, Logistik und Effizienz“, sagt Jochen Siebert, Chef der Shanghaier Beratung JSC. „Das können viele chinesische Unternehmen noch nicht liefern.“

Das Gleiche gilt auch für Lieferungen an den öffentlichen Sektor, also etwa an deutsche Bundesländer. Das chinesische Familienunternehmen Senken startete 1990 mit der Produktion von Polizeisirenen. Die sind noch immer das Hauptprodukt, daneben stellt das Unternehmen aus Wenzhou heute alles her, was eine Polizeistation so braucht: Handschellen, Absperrgitter, Schutzhelme.

Die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen

30 Prozent seines Umsatzes macht Senken im Ausland. Doch fast alles geht nach Asien und Südamerika. Auf dem deutschen Markt seien die Anforderungen an Qualität und Preis zu hoch gewesen, sagt Senken-Geschäftsführer Shun Sun.

Auch Kabelhersteller Xingle exportiert erst etwa zehn Prozent seiner Kabel ins Ausland, vor allem nach Südostasien und Afrika.

Ausverkauf deutscher Technologie?

Grundsätzlich aber will in den kommenden fünf Jahren mehr als die Hälfte von Chinas Familienunternehmen schnell und aggressiv ins Ausland expandieren, ergab eine Umfrage der Beratung PricewaterhouseCoopers. Nicht wenige sehen den Königsweg darin, ein ausländisches Unternehmen zu übernehmen oder ein Joint Venture einzugehen. Besonders deutsche Mittelständler stehen bei den Chinesen hoch im Kurs.

Mittelstand und Weltmarktführer



Mit dem Ausverkauf deutscher Technologie habe das nichts zu tun, sagt Wirtschaftsprofessor Ding. „Davon können beide Partner profitieren: Das ausländische Unternehmen erhält Marktzugang, das chinesische Know-how.“ Als erfolgreiches Beispiel nennt er die 50-prozentige Beteiligung der Familie Pan über den Werkzeugbauer Jinsheng Group beim deutschen Mitbewerber Emag aus Salach in Baden-Württemberg 2011. Aktuell soll die chinesische Anhui Zhongding Group am Kauf des Kasseler Gummi- und Kunststoffspezialisten Wegu interessiert sein.

Auch Autozulieferer Hantong sucht nach einer Kooperation mit einem Mittelständler. Vor allem Deutschland hat es Cai Li angetan – insbesondere, seit seine Schwester mit ihrem Mann im Schwarzwald lebt und ihm von der guten Luft vorschwärmt.

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