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Fisherman's Friend Das Wunder von Fleetwood

Vor 145 Jahren hat der Apotheker James Lofthouse ein Mittel gegen die rauen Kehlen englischer Seeleute erfunden: "Fisherman?s Friend". Das Familienunternehmen, das heute der Urenkel von Lofthouse führt, wird von Investoren zum Verkauf gedrängt.

Arzneischrank: 1865 entwickelte James Lofthouse eine Mischung aus Lakritz, Eukalyptus und Menthol gegen Husten und Halsentzündungen. Quelle: handelsblatt.com

FLEETWOOD. Sie kommen immer wieder, diese Anfragen. Manche schriftlich, manche persönlich, immer in derselben Absicht. "Wir würden ihnen gerne helfen", so beginnen sie in der Regel. Und irgendwann kommt sie dann, die entscheidende Frage: "Können wir ihnen unter die Arme greifen und im Gegenzug einen Teil ihres Unternehmens übernehmen?" Oder: "Sie kommen doch jetzt in das Alter, wo sie vielleicht etwas kürzer treten möchten. Sie haben es sich ja verdient. Überlegen sie denn gar nicht, sich langsam zurückziehen?"

Aber Tony Lofthouse, 66 Jahre alt und damit im Rentenalter, will nicht. Kann nicht. Mag nicht. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen.

Tony Lofthouse ist Herr über "Fisherman?s Friend", einst ein Hustenmittel englischer Fischer, heute eine Weltmarke. James Lofthouse, ein Apotheker aus dem nordenglischen Fleetwood, hat die scharfen Lutschpastillen 1865 erfunden. Tony, sein Urenkel, führt das Unternehmen Lofthouse of Fleetwood gemeinsam mit seiner Frau Doreen und seinem Stiefsohn Duncan.

Die Firma - hochprofitabel und schuldenfrei - gehört ihnen zu 100 Prozent, und das soll auch so bleiben. Alle Avancen von Investoren, Konkurrenten und Weltkonzernen beantwortet die Familie stets gleich: "Nein."

Eine Herzensangelegenheit

Schon diese vier Buchstaben sind aber eigentlich überflüssig. Denn jeder, der sich nur wenige Minuten mit diesem Mann unterhält, dem muss klar sein: Diese Firma ist sein Leben, seine Familie, eine Herzensangelegenheit und keine reine Einrichtung zum Gelderwerb. "Das hier", sagt der Mann und deutet aus dem Fenster seines Büros auf den vollen Parkplatz und die grauen Produktionshallen, "das verkauft man einfach nicht. Darin sind wir uns einig, meine Frau, mein Stiefsohn und ich. Wir haben in den letzten Jahrzehnten alles getan, damit es dem Unternehmen gut geht. Und wir werden genau das auch weiterhin tun."

Es ist einer der längeren Aussagen, die Tony Lofthouse von sich gibt. Sonst spricht der Mann in knappen, schnörkellosen Sätzen, in denen er immer wieder eine Sache betont: "Wir lieben unser Geschäft", sagt er.

Größer könnte der Kontrast nicht sein. Hier der alte Mann, der Werte hoch hält, die etwas unmodern daherkommen. Dort die wohl berühmtesten Hustonbonbons der Welt "Fisherman?s Friend", die Kultcharakter haben - spätestens seit der Werbekampagne mit dem Spruch "Sind sie zu stark, bist Du zu schwach", die vor fast 15 Jahren zum ersten Mal lief.

Hier der bodenständige, 145 Jahre alte Familienbetrieb. Dort der internationale Bonbonhersteller mit einem Umsatz von umgerechnet knapp 200 Millionen Euro, der langsam, aber stetig und immer aus eigener Kraft wächst - ein attraktives Übernahmeobjekt für die Großen der Lebensmittelbranche.

Hier das ehemalige Fischerdorf Fleetwood, wo Lofthouse bis heute seinen Sitz hat. Ein Ort ohne Bahnhof, mit vielen leerstehenden Geschäften. Die Backsteinhäuschen in der Innenstadt wirken wie aus der Zeit gefallen. Dort die weltweit bekannte Marke "Fisherman?s Friend", die regelmäßig Preise einheimst wie zuletzt Anfang des Jahres.

Wie passt all das zusammen? Tony Lofthouse knetet seine Hände, er rückt die goldene Brille zurecht, er denkt nach, er schaut aus dem Fenster. Er würde die Frage gerne beantworten - so ausführlich wie möglich, damit keine Nachfragen kommen. "Die Dinge haben sich so ergeben", sagt er, "Glück hat dabei sicher eine Rolle gespielt und meine Frau, die ein paar gute Ideen hatte zur rechten Zeit." Das war?s. Mehr nicht.

Es gibt keine ausgefeilte Strategie, keinen Masterplan, keine Vision, mit der er hinterm Berg halten würde. Im Gegenteil. Für einen Unternehmen redet er sogar ungewohnt offen über Fehler, über Entscheidungen, die zu spät fielen, Investitionen, die sich nicht lohnten.

Wenn seine Antworten gelegentlich so simpel ausfallen, dann ist vielleicht gerade das das Erfolgsrezept des Unternehmens: Lofthouse stellt ein einziges Produkt her - in inzwischen 13 Geschmacksrichtungen. Das Grundrezept ist seit Jahrzehnten dasselbe. Die Firma konzentriert sich auf die Produktion, Marketing und Vertrieb überlässt sie anderen. Überschaubar bleiben, sich nicht verzetteln, die Dinge Schritt für Schritt angehen, sich nicht übernehmen - das sind die Lofthouse-Prinzipien.

Das Leben, die Arbeit, die Dinge scheinen so einfach und klar, wenn Tony Lofthouse darüber spricht. Alles hat hier seinen festen Platz, wie die ordentlich aufeinander gestapelten Unterlagen auf seinem Schreibtisch, die Stifte und Klarsichtfolien in der Schublade. Der Mann wirkt pedantisch. Diese klaren Strukturen in seinem Büro, in seinem Kopf, in der Fabrik. Vielleicht liegt das an dem intensiven Mentholgeruch, der die Gänge, die Büros, das ganze Werk umhüllt und so erfrischend wirkt wie eine kalte Dusche oder die Irische See irgendwo hinter den Gebäuden.

Die Menschen hier riechen das aber gar nicht mehr. "Wir merken nur eines: Wir sind fast nie krank", erzählt eine Mitarbeiterin, "kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal erkältet war oder hier jemanden habe niesen hören."

Anfang der 70er-Jahre ist das Unternehmen hierhin umgezogen, an den Stadtrand von Fleetwood. Auf knapp 2000 Quadratmetern bauten Doreen und Tony Lofthouse zunächst die Pastillenproduktion auf. Nach und nach kamen neue Hallen, ein weiterer Bürotrakt dazu. Inzwischen ist die Fabrik fast zwanzig Mal so groß wie beim Einzug, 280 Leute arbeiten hier. "Und wir haben drumherum noch mehr Platz, um zu expandieren", erzählt Lofthouse, "wir haben vorgesorgt."

Er geht mit kleinen, energischen Schritten durch lange, schmale Gänge, steigt eine Treppe hoch, dann wieder runter. An der Seite ist ein Tau gespannt, eine Art Geländer. Überall hängen Messinglampen, Messingschilder, Messinggriffe. Würde jetzt auch noch der Untergrund schwanken, man käme sich vor, wie auf einer edleren Version des Fischkutters, wie er seit Ewigkeiten die "Fisherman?s Friend"-Päckchen ziert.

Der Mentholgeruch wird intensiver - hinter einem kleinen Umkleideraum mit Schließfächern, in dem sich Lofthouse einen weißen Kittel überzieht, die Schuhe wechselt, ein Haarnetz aufsetzt und mit einem anderen seinen Schnauzer schützt. Er betritt den Produktionstrakt und nach und nach mischen sich andere Gerüche dazu - etwa Kirscharoma. Dutzende von Säcken, auf Holzpaletten gestapelt, warten in einem weiß gekachelten Raum darauf, verarbeitet zu werden.

Noch werfen an diesem sonnigen März-Tag die meisten Maschinen grüne Pastillen aus. Mint-Geschmack. Aus einigen kommt auch das grau-braune Original heraus: "Fisherman?s Friend extra stark".

Sie werden bis heute nach dem ursprünglichen Rezept von James Lofthouse hergestellt. Eine Mischung aus Eukalyptus, Lakritze, Menthol und Zucker hat der Apotheker zu einer teigigen Masse zusammengerührt, ausgerollt, daraus Pastillen ausgestanzt und diese an die Fischer von Fleetwood verkauft. Schnell gelten sie als Rachenputzer, als Balsam für raue Kehlen, als Geheimtipp für meerwunde Bronchien und gegen Halsschmerzen. Immer mehr Fischer wollen "eine Unze ihrer Freunde". Die Bonbons haben ihren Namen weg: "Fisherman?s Friend".

James Lofthouse gibt das Rezept an seinen Sohn weiter und der wiederum an seinen Sohn. Fast 100 Jahre bleibt der Vertrieb auf den Landstrich um Fleetwood beschränkt. Der Vater von Tony Lofthouse verkauft die Pastillen in seiner Apotheke, die Mutter beschriftet die weißen Papiertütchen - in schwarz und rot. "Weil die Schreibmaschinen damals nur rote und schwarze Farbbänder hatten", erzählt Tony Lofthouse.

Im Frühjahr und Sommer bietet sein Vater die Pastillen auch in zwei kleineren Läden in Strandnähe an, wo sich vor allem Touristen mit den Bonbons versorgen. Es sind die Urlauber, die Doreen Lofthouse auf die Idee bringen, mehr Geld mit den Pastillen zu verdienen - die Freunde der Fischer auch außerhalb von Fleetwood anzubieten.

"Nach ihrem Urlaub schickten uns die Touristen Bettelbriefe und fragten, wo sie denn in der Nähe ihres Heimatortes Fisherman?s Friend kaufen könnten", erzählt Lofthouse, "Doreen packte dann ihr Auto voll mit Pastillen, klapperte all die Städte ab, wo die Touristen lebten, und suchte dort nach Läden, die unser Produkt verkaufen würden."

Touristen geben den Ausschlag

Sie sammelt Vertriebspartner um Vertriebspartner, Bestellung um Bestellung. Lofthouse wächst. Mitte der 70er-Jahre stellt sich die Firma auf der Süßwarenmesse in Köln vor. Einige Jahre später baut das Import-Export-Unternehmen Impex das Auslandsgeschäft für Lofthouse auf. Bald ölen Ronald Reagan und Harald Juhnke, später auch George Bush, Michail Gorbatschow und Joschka Fischer ihre Stimmbänder mit den Fischerfreunden.

Heute stellt Lofthouse mehr als sechs Milliarden Pastillen pro Jahr her und exportiert sie in 120 Länder. Etwa drei Viertel der Produktion setzt das Unternehmen in Europa ab, vor allem in Deutschland. Doreen Lofthouse gilt in Großbritannien als eine der reichsten Unternehmerinnen, was sie stets mit diesen Worten kommentiert: "Wir können nur dreimal am Tag essen, uns einmal am Tag besaufen und ein Auto zur selben Zeit fahren."

Vor ein paar Jahren hat Lofthouse mit einem weiteren Produkt experimentiert: mit Kaugummis. Mitarbeiter der Entwicklungsabteilung hatten das vorgeschlagen. "Dann haben wir uns mit meiner Frau und meinem Stiefsohn hingesetzt, uns beraten", sagt Lofthouse. "Und irgendwann einstimmig - wie immer - beschlossen, es mit Kaugummis zu versuchen." Doch gegen die Großen der Branche kommt Lofthouse nicht an. Er räumt ein: "Wir hätten die Kaugummis zunächst bei einem Auftragsfertiger produzieren lassen und erst selbst in die Maschinen investieren sollen, wenn klar ist, dass es sich rechnet." So hat sich die Investition bislang nicht rentiert.

Aber auch das ist kein Problem für die Firma. Lofthouse hat keine Schulden - und das schon seit Jahrzehnten. "Das soll auch so bleiben. Wir lieben unser Geschäft und ohne Schulden lässt es sich unbelasteter wirtschaften", sagt Lofthouse, "und auch mal kritische Zeiten durchstehen."

Doch schlecht ging es dem Unternehmen selbst in der weltweit größten Wirtschaftskrise nicht. Im Gegenteil: Die Nachfrage nach "Fisherman?s Friend" stieg in Großbritannien im Herbst 2009 um bis zu 40 Prozent. Es war in erster Linie eine Sorte, die die Kunden massenweise kauften: Anis. Sie hofften sich damit vor Schweinegrippe schützen zu können. Denn auch Tamiflu, das Grippemedikament, enthält Anis.

Seit 1977 stellt Lofthouse die Anis-Pastillen her. Es ist die erste neue Geschmackrichtung, die Tony und Doreen Lofthouse entwickelten. Doreen Lofthouse bestimmt auch die Form und Größe der Bonbons. "Sie sollen so aussehen wie der Knopf meines Kleides", soll sie damals gesagt haben.

Die inzwischen fast 80-Jährige ist bis heute die eigentliche Chefin des Unternehmens. Doch nachdem sie und ihr Mann vor gut einem Jahr Opfer eines brutalen Raubüberfalls geworden waren, hat sich Doreen Lofthouse aus dem täglichen Geschäft etwas zurückgezogen.

Natürlich hat sich die Familie über Nachfolgeregelungen Gedanken gemacht. Denn auch Tonys Stiefsohn Duncan ist inzwischen Ende 50. "Wir werden wohl irgendwann mal einen Manager einstellen müssen, jemanden, dem wir vertrauen", sagt Tony Lofthouse. Aber das habe noch Zeit. "Ich bin täglich im Büro und habe noch vor, das eine ganze Weile durchzuhalten."

Lofthouse begleitet seinen Besucher zum Ausgang, öffnet die Tür des Taxis, wartet, bis der Wagen abgefahren ist. Ein Mann der alten Schule. Durch und durch.

Hustenbonbon

Medizin: 1865 entwickelt der Apotheker James Lofthouse eine Mischung aus Lakritz, Eukalyptus und Menthol gegen Husten und Halsschmerzen für die Fischer seines Heimatortes Fleetwood im Norden von England. Zunächst verkauft er das Mittel als Hustensaft. Weil die Gläser auf hoher See aber immer wieder kaputt gehen, entwickelt er Lutschpastillen.

Expansion: Etwa 100 Jahre bleibt der Vertrieb der Hustenbonbons auf Fleetwood und die Umgebung beschränkt. 1963 erkennt Doreen Lofthouse das Potenzial der Marke und baut den Vertrieb aus. Produziert wurde bis dahin immer noch im Hinterraum der Apotheke. 1972 entsteht ebenfalls in Fleetwood die Pastillen-Fabrik, in der "Fisherman?s Friend" bis heute hergestellt werden.

Auswahl: Zunächst gibt es nur eine Geschmacksrichtung: "Fisherman?s Friend extra stark". 1977 kommt eine weitere Sorte hinzu: Anis. Inzwischen gibt es 13 Geschmacksrichtungen. In den vergangenen Jahren hat Lofthouse vor allem fruchtige Sorten entwickelt wie Kirsche, Johannisbeere und Mandarine. Sie verkaufen sich am besten in Asien. Eine neue Geschmacksrichtung verkauft Lofthouse dagegen nur in Nordeuropa: Salmiak.

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