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Future Thinker Google-Star Obi Felten scheitert richtig

Obi Felten, Chefstrategin bei Google X (Mitte), wurde von WirtschaftsWoche-Innovationschefin Léa Steinacker (links) und Herausgeberin Miriam Meckel (rechts) als „Future Thinker“ geehrt. Quelle: Stefan Obermeier

Unter der Obhut von Obi Felten soll bei Google das nächste Mondprojekt entstehen. Porträt einer Frau, die immer schon die nächste Revolution anschiebt.

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In ihrem Forschungslabor hat Obi Felten einen Tag der Toten eingeführt. Dann gedenken sie all ihrer beerdigten Ideen. Sich früh von lieb gewonnenen Einfällen trennen, wenn die nicht funktionieren, das erfordert Mut. Wenn es gelingt, zahlt Felten ihrem Team sogar einen Bonus. Schließlich sei eine Kultur des Scheiterns eine wichtige Bedingung, um „Geschäftsmodelle mit Milliarden Nutzern aufzubauen“, sagt Felten. Wenn die Kultur stimme, „lassen sich Innovationen wie in der Fabrik herstellen“.

Kaum ein Thema treibt deutsche Manager so um wie die Sehnsucht nach der Selbsterneuerung, seit der digitale Umbruch ihre Geschäftsmodelle zerrüttet. Bei der Frau im grauen Kapuzenpullover, die an diesem Morgen Anfang April so nüchtern von ihrem Arbeitszimmer in San Francisco aus in die Laptopkamera spricht, klingt die Aufgabe so leicht wie eine Datenwolke. Das mag an ihrem Selbstverständnis liegen: Felten arbeitet im radikalsten Forschungslabor, das sich ein Konzern weltweit leistet. Sie ist Top-Managerin bei X, dem Ideen-Brutkasten der Google-Mutter Alphabet.

Unter ihrer Obhut soll das nächste Google entstehen. Es war Felten, die dem selbstfahrenden Auto den ersten Businessplan mit auf die Straße gab. Daraus ist Waymo erwachsen, eine eigenständige Firma, die Analysten auf einen Wert von bis zu 70 Milliarden Dollar taxieren. Felten räumte die Hindernisse aus dem Weg, damit sie bei X mit Ballons aus der Stratosphäre das Internet in entlegene Weltwinkel beamen können. Die Deutsche klopft seit sechs Jahren luftig klingende Ideen im Labor darauf ab, ob sie die Landung in der Realität überleben. Auf ihrer Visitenkarte steht: Head of Getting moonshots ready for contact with the real world. Manager pilgern zu ihr, um sich in ihre Lehren einweisen zu lassen. Sie hat Innovationsmanagement auf eine höhere Stufe gehievt. Die WirtschaftsWoche verleiht ihr in diesem Jahr den Future-Thinker-Preis.

Sieger Future Thinker

Bei X geht es nicht darum, das wichtigste Geschäft von Google, die Suchmaschine, zu polieren. Sondern darum, „inspirierende Probleme dank unglaublich klingender Ideen“ zu lösen, sagt Felten. So wie eben jene, aus der Stratosphäre das schnelle Internet auf die Welt zu senden, weil Funktürme im entlegenen Dschungel schlichtweg zu teuer sind. „Die Hälfte der Menschheit besitzt keinen Zugang zum Netz“, sagt Felten. Bei X treten sie den Beweis an, dass sie die Lücke schließen und auch noch Geld damit verdienen können. X ist, wie Waymo, ein eigenständiges Unternehmen im Alphabet-Universum.

Man muss sich X, diesen unscheinbaren Glaskasten am Central Expressway zwischen Palo Alto und Mountain View, wie ein Biotop für exzentrische Tüftler vorstellen. Astro Teller, der Chef, fährt gerne auf schwarzen Rollerblades durch die Gänge. Sein Großvater Edward Teller hat die Wasserstoffbombe erfunden. Mit bahnbrechenden Erfindungen begnügen sich die Informatiker und Elektroingenieure, Physiker und Psychologen hier nicht. Sie wollen auch zeigen, dass sie damit Geld verdienen können. Nicht so wie einst bei Parc, dem legendären Forschungszentrum des IT-Unternehmens Xerox, wo in den Siebzigerjahren die Computermaus und der Cursor entstand – aber dann doch ein Außenstehender wie Steve Jobs damit Apple aufbaute.

Teller und Felten geben selbst für Valley-Verhältnisse ein ungewöhnliches Duo ab. Während Teller das Zugespitzte zelebriert, tritt Felten bodenständig auf. Sie betont etwa, was das Silicon Valley von Europa lernen könne: „Dort ist langfristiges Denken eine Selbstverständlichkeit.“ Wie Teller nutzt Felten nicht ihren echten Vornamen. Obi ist ihr Spitzname aus der Kindheit und steht für Oberwinzling – weil Bettina viel kleiner als die anderen war. Zusammen wirken sie ein wenig so, als habe sich Fantasy-Regisseur Tim Burton Charaktere für den Bastler und seine Aufpasserin ausgedacht.

Felten wollte nur für sechs Monate bleiben, als Teller sie nach Kalifornien einlud. Sie hatte am Londoner Google-Standort im Marketing Karriere gemacht, geheiratet, ein Kind bekommen und in der Stadt ein Haus gekauft. „Ich wollte nicht nach Mountain View“, sagt sie und lacht. Sie blieb wegen der Sache mit den Internetballons: „Ich habe mich in das Projekt Loon sofort verliebt.“

Die Sieger des Innovationspreises 2018
In der Münchener In-Location Kesselhaus trafen sich Deutschlands innovativste Unternehmen am Freitag zur 9. Verleihung des Deutschen Innovationspreises. Geladen hatten neben der WirtschaftsWoche auch Accenture, Daimler und EnBW. Quelle: Stefan Obermeier
Die TV-Journalistin Dunja Hayali moderierte die Veranstaltung vor rund 250 geladenen Gästen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Quelle: Stefan Obermeier
WirtschaftsWoche-Herausgeberin Miriam Meckel beschrieb den enormen Wissens- und Innovationsschub der vergangenen Dekaden und verglich die Kreativität der Menschen mit der digitaler Hirne. Künstliche Intelligenz sei keine Bedrohung, sondern schaffe Freiräume für menschliche Innovationskraft. Quelle: Stefan Obermeier
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) unterstrich die Bedeutung staatlicher Innovationsförderung für die Leistungsstärke der deutschen Wirtschaft. Er hatte zudem einen persönlichen Wunsch für eine bahnbrechende Erfindung: Spaghetti Carbonara, die nicht dick machen, sondern dafür sorgen, dass man nach dem Verzehr Italienisch sprechen kann. Quelle: Stefan Obermeier
Obi Felten, Chefstrategin bei Google X (Mitte), wurde von WirtschaftsWoche-Innovationschefin Léa Steinacker (links) und Herausgeberin Miriam Meckel (rechts) als „Future Thinker“ geehrt. Felten gab den Gästen einen Crashkurs in Innovationsmanagement. „Wenn Sie einen Affen wollen, der auf einer Säule steht und Goethe rezitiert, dann suchen Sie zuerst den Affen. Wie man eine Säule baut, wissen wir alle.“ Quelle: Stefan Obermeier
Scheinwerfer an: In der ehemaligen Industrieanlage im Münchner Norden wurden die Sieger des diesjährigen Innovationspreises ordentlich gefeiert. Quelle: Stefan Obermeier
Frank Riemensperger, Vorsitzender der Accenture-Ländergruppe Deutschland, Österreich und Schweiz, präsentierte die Sieger der Kategorie „Großunternehmen“. Quelle: Stefan Obermeier

Mike Cassidy, damals verantwortlich für Loon, hatte keine Zeit, einen Businessplan aufzustellen. „Er war zu sehr damit beschäftigt, sein großartiges Produkt zu bauen“, erzählt Teller. Die Ballons sind groß wie Tennisplätze, sie müssen nachts Kälte überstehen und tagsüber extreme Hitze aushalten. An ihnen hängen kleine Computer, die mit Funktechnologie ausgestattet sind, betrieben mit Solarenergie. Das alles galt es zu orchestrieren.

Also kümmerte sich Felten um die Finanzen und prüfte gleich mit, was Ingenieure gerne ausblenden: Gesetze, Datenschutzbestimmungen – und ob Menschen riesige Ballons am Himmel überhaupt wollen. „Wir haben jemanden gebraucht, der eine andere Perspektive hineinbringt und die Ingenieure herausfordert“, sagt Teller. „Jemanden wie Obi.“ Ihre Schwäche sei, dass sie zu direkt sei, habe sie ihm anfangs mitgeteilt. „Hier hat sie daraus eine Tugend gemacht.“

Vorbild für eine neue Generation Frauen

Inzwischen hat die Managerin eine ganze Abteilung aufgebaut, die Einfälle der X-Truppe auf Fehler im System abklopft. Daraus ist eine Art Korrektiv für allzu selbstvergessene Tüftler geworden. Feltens Devise dabei: Die schwierigsten Probleme müssen als Erstes gelöst werden. „Viele räumen die einfachen Hürden zuerst aus dem Weg. Das ist menschlich. Doch es bringt nichts, wenn sie zwei Jahre später an den unüberwindbaren Barrikaden scheitern.“

Felten entschied, dass sie bei Loon mit Telekommunikationskonzernen wie AT&T oder Telefónica zusammenarbeiten. „An den großen Telekomunternehmen sind meistens Regierungen beteiligt, oder sie waren es mal. Sie hätten gegen uns Lobby gemacht und gewonnen“, sagt sie. Mit Partnern könne X zudem schneller skalieren. So bringt X alle Projekte zur Marktreife. Waymo etwa arbeitet mit Ford zusammen. Und wie Waymo soll Loon eines Tages in die Eigenständigkeit entlassen werden. Die Ballons flogen über Neuseeland, sind in Puerto Rico im Einsatz und in Peru. Die Berater von Deloitte haben berechnet, dass Internetverbindungen, wie es sie in der westlichen Welt gibt, den Ländern Lateinamerikas, Asiens und Afrikas mehr als zwei Billionen Dollar zusätzliches Bruttoinlandsprodukt einbringen werden. Fällt davon auch nur ein Bruchteil für Loon ab, es wäre ein Milliardengeschäft.

Aufgewachsen ist Felten in Berlin-Dahlem. Der Vater ist Professor für mittelalterliche Geschichte, die Mutter Lehrerin. „Meine Freunde fragten immer, warum wir zu Hause so viel streiten“, sagt sie. „Dabei debattierten wir nur gerne.“ In Oxford studiert Felten Philosophie und experimentelle Psychologie, wird Beraterin in London, landet bei eToys, einem der ersten Onlinespielversender. Dann arbeitet sie sich zum Marketing-Shootingstar bei Google hoch und bringt die Deutschen dazu, Street View zu mögen. Nach den Amerikanern nutzt inzwischen kein anderes Land den Dienst so häufig. Weil sie die Empörung einfing, rief Teller bei ihr an.

Das Wichtigste, sagt Felten, sei die Kultur der „psychologischen Sicherheit“, die sie bei X hochhalten. Jeder dürfe hier ausprobieren und scheitern, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Deshalb der Totentag für gestorbene Ideen oder der Bonus fürs rechtzeitige Aufgeben. Nicht immer geht das gut, ohne dass X selbst Blessuren abbekommt.

So wie bei Google Glass, der Datenbrille, die weltweit zum Symbol für rücksichtslose Techies wurde, die mit der Kamerabrille selbst in Bars filmten, ohne die anderen Gäste um Erlaubnis zu fragen. Den ersten Prototyp, der mit riesigem Marketing eingeführt wurde, mussten sie wieder zurückziehen, so heftig war der Aufschrei. Im vergangenen Sommer erlebte die Brille für Geschäftskunden eine Neuauflage. Profinutzer seien immer mit dem Gerät zufrieden gewesen. „In der Öffentlichkeit gilt Glass als Misserfolg. Aber wir haben viel daraus gelernt. Nichts ist besser, als ein Produkt möglichst früh an Nutzern auszutesten“, sagt Felten.

Das Valley hat seine Unschuld verloren, seit Tesla-Prototypen und selbstfahrende Testautos von Uber in tödliche Unfälle verwickelt sind und Facebook, dieses größte soziale Experiment aller Zeiten, auseinanderzubrechen droht. Wäre es nicht an der Zeit, der Datenhörigkeit ein Update zu verpassen? Und droht der Industrie nicht sonst die Sympathien zu verspielen?

Welche Innovation braucht die Welt dringend?

Solche Fragen scheinen der Frau, die fürs Debattieren plädiert, zu heikel. Das müsse man die betroffenen Firmen fragen. Nur so viel: „Unternehmen aus dem Silicon Valley liefern bessere Produkte ab, wenn jene Menschen, für die sie hergestellt werden, auch in den Techkonzernen vertreten sind.“ Dazu leistet Felten ihren Beitrag. „Wann immer wir Stanford-Studierende zu X bringen, trägt Obi dafür Sorge, dass auch Frauen aus dem Team Vorträge halten. Es ist offensichtlich, dass sie Studentinnen in der Branche ermutigen will“, sagt Leticia Britos Cavagnaro. Sie gibt mit Felten in Stanford Kurse für Design Thinking.

An einem Abend im März vergangenen Jahres steht Felten im Berliner Betahaus, einem Treffpunkt der Digitalszene, und spricht zu Unternehmerinnen. Sie erzählt davon, wie ihr Mann die Hochzeit alleine planen musste, weil sie zu beschäftigt war. Das Leben als Karrierefrau und Mutter zweier kleiner Kinder sei nicht immer einfach, sagt sie. Isabelle Sonnenfeld, die Google-Mitarbeiterin, die Felten zu der Veranstaltung eingeladen hatte, ist begeistert: „Bei anderen Top-Managerinnen wie Sheryl Sandberg klingt alles immer so perfekt. Obi ist für mich ein überzeugenderes Vorbild.“

Marketing-Ass, Innovationstreiberin und Vorbild für die nächste Generation Techfrauen – Feltens Werdegang folgt einem Zickzackkurs. „Ich werde das ständige Weiterlernen einer geradlinigen Karriere immer bevorzugen“, sagt sie. Auf der Liste von deutschen Unternehmen, die nach Aufsichtsrätinnen und Aufsichtsräten suchen, steht sie schon. Fehlt nur noch, dass auch CEO in ihrem Lebenslauf folgt. Bei dem Gedanken bricht sie in ihrem Arbeitszimmer in San Francisco in Lachen aus. „Definitiv“, sagt Felten.

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