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Future Thinker Google-Star Obi Felten scheitert richtig

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Vorbild für eine neue Generation Frauen

Inzwischen hat die Managerin eine ganze Abteilung aufgebaut, die Einfälle der X-Truppe auf Fehler im System abklopft. Daraus ist eine Art Korrektiv für allzu selbstvergessene Tüftler geworden. Feltens Devise dabei: Die schwierigsten Probleme müssen als Erstes gelöst werden. „Viele räumen die einfachen Hürden zuerst aus dem Weg. Das ist menschlich. Doch es bringt nichts, wenn sie zwei Jahre später an den unüberwindbaren Barrikaden scheitern.“

Felten entschied, dass sie bei Loon mit Telekommunikationskonzernen wie AT&T oder Telefónica zusammenarbeiten. „An den großen Telekomunternehmen sind meistens Regierungen beteiligt, oder sie waren es mal. Sie hätten gegen uns Lobby gemacht und gewonnen“, sagt sie. Mit Partnern könne X zudem schneller skalieren. So bringt X alle Projekte zur Marktreife. Waymo etwa arbeitet mit Ford zusammen. Und wie Waymo soll Loon eines Tages in die Eigenständigkeit entlassen werden. Die Ballons flogen über Neuseeland, sind in Puerto Rico im Einsatz und in Peru. Die Berater von Deloitte haben berechnet, dass Internetverbindungen, wie es sie in der westlichen Welt gibt, den Ländern Lateinamerikas, Asiens und Afrikas mehr als zwei Billionen Dollar zusätzliches Bruttoinlandsprodukt einbringen werden. Fällt davon auch nur ein Bruchteil für Loon ab, es wäre ein Milliardengeschäft.

Aufgewachsen ist Felten in Berlin-Dahlem. Der Vater ist Professor für mittelalterliche Geschichte, die Mutter Lehrerin. „Meine Freunde fragten immer, warum wir zu Hause so viel streiten“, sagt sie. „Dabei debattierten wir nur gerne.“ In Oxford studiert Felten Philosophie und experimentelle Psychologie, wird Beraterin in London, landet bei eToys, einem der ersten Onlinespielversender. Dann arbeitet sie sich zum Marketing-Shootingstar bei Google hoch und bringt die Deutschen dazu, Street View zu mögen. Nach den Amerikanern nutzt inzwischen kein anderes Land den Dienst so häufig. Weil sie die Empörung einfing, rief Teller bei ihr an.

Das Wichtigste, sagt Felten, sei die Kultur der „psychologischen Sicherheit“, die sie bei X hochhalten. Jeder dürfe hier ausprobieren und scheitern, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Deshalb der Totentag für gestorbene Ideen oder der Bonus fürs rechtzeitige Aufgeben. Nicht immer geht das gut, ohne dass X selbst Blessuren abbekommt.

So wie bei Google Glass, der Datenbrille, die weltweit zum Symbol für rücksichtslose Techies wurde, die mit der Kamerabrille selbst in Bars filmten, ohne die anderen Gäste um Erlaubnis zu fragen. Den ersten Prototyp, der mit riesigem Marketing eingeführt wurde, mussten sie wieder zurückziehen, so heftig war der Aufschrei. Im vergangenen Sommer erlebte die Brille für Geschäftskunden eine Neuauflage. Profinutzer seien immer mit dem Gerät zufrieden gewesen. „In der Öffentlichkeit gilt Glass als Misserfolg. Aber wir haben viel daraus gelernt. Nichts ist besser, als ein Produkt möglichst früh an Nutzern auszutesten“, sagt Felten.

Das Valley hat seine Unschuld verloren, seit Tesla-Prototypen und selbstfahrende Testautos von Uber in tödliche Unfälle verwickelt sind und Facebook, dieses größte soziale Experiment aller Zeiten, auseinanderzubrechen droht. Wäre es nicht an der Zeit, der Datenhörigkeit ein Update zu verpassen? Und droht der Industrie nicht sonst die Sympathien zu verspielen?

Welche Innovation braucht die Welt dringend?

Solche Fragen scheinen der Frau, die fürs Debattieren plädiert, zu heikel. Das müsse man die betroffenen Firmen fragen. Nur so viel: „Unternehmen aus dem Silicon Valley liefern bessere Produkte ab, wenn jene Menschen, für die sie hergestellt werden, auch in den Techkonzernen vertreten sind.“ Dazu leistet Felten ihren Beitrag. „Wann immer wir Stanford-Studierende zu X bringen, trägt Obi dafür Sorge, dass auch Frauen aus dem Team Vorträge halten. Es ist offensichtlich, dass sie Studentinnen in der Branche ermutigen will“, sagt Leticia Britos Cavagnaro. Sie gibt mit Felten in Stanford Kurse für Design Thinking.

An einem Abend im März vergangenen Jahres steht Felten im Berliner Betahaus, einem Treffpunkt der Digitalszene, und spricht zu Unternehmerinnen. Sie erzählt davon, wie ihr Mann die Hochzeit alleine planen musste, weil sie zu beschäftigt war. Das Leben als Karrierefrau und Mutter zweier kleiner Kinder sei nicht immer einfach, sagt sie. Isabelle Sonnenfeld, die Google-Mitarbeiterin, die Felten zu der Veranstaltung eingeladen hatte, ist begeistert: „Bei anderen Top-Managerinnen wie Sheryl Sandberg klingt alles immer so perfekt. Obi ist für mich ein überzeugenderes Vorbild.“

Marketing-Ass, Innovationstreiberin und Vorbild für die nächste Generation Techfrauen – Feltens Werdegang folgt einem Zickzackkurs. „Ich werde das ständige Weiterlernen einer geradlinigen Karriere immer bevorzugen“, sagt sie. Auf der Liste von deutschen Unternehmen, die nach Aufsichtsrätinnen und Aufsichtsräten suchen, steht sie schon. Fehlt nur noch, dass auch CEO in ihrem Lebenslauf folgt. Bei dem Gedanken bricht sie in ihrem Arbeitszimmer in San Francisco in Lachen aus. „Definitiv“, sagt Felten.

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