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Geistesblitze vom Fließband „Irgendwo lauert immer einer wie Amazon“

Quelle: imago

Die Digitalisierung hat längst auch deutsche Unternehmen erreicht. Allzu oft aber bleibt es noch bei einzelnen Projekten. Wie daraus eine dynamische Innovationskultur in Unternehmen wird und wie sich der kreative, digitale Wandel skalieren lässt, diskutierten Experten vor der Verleihung des Deutschen Innovationspreises in München.

Beim Blick auf die berufliche Laufbahn von Elizabeth Theophille wäre es nur verständlich, wenn sich die IT-Expertin irgendwann einen ganz anderen Arbeitgeber sucht. Einen, der weniger dem Disruptionsdruck ausgesetzt ist. Immerhin hat die energische Managerin, die am späten Freitagvormittag auf die Bühne der Alten Ziegelei im Münchener Vorort Ismaning springt, in den vergangenen knapp zwei Dekaden schon in IT-Unternehmen, im Luftverkehr, der Verkehrswelt und der Telekommunikationsbranche gearbeitet. Immer hat sie digitale Umbrüche durchlebt.

Zuletzt war sie CIO bei Nokia. Viel heftiger, meint man, kann es nicht mehr werden. Ein Irrtum. Technologiechefin beim Pharmakonzern Novartis ist Theophille seit Herbst 2016. Und dieser Job womöglich der anspruchsvollste ihrer Karriere.

„Hi, I’m ‚Liz‘“, sagt sie und lächelt breit als sie ihre aktuelle Aufgabe präsentiert: „Wir sind dabei, das ganze Unternehmen zu digitalisieren“, erzählt sie – und meint damit ausdrücklich nicht nur neue Computersysteme oder Programme aus der Cloud. Klar, die brauche es auch. Aber vor allem ginge es darum, den Menschen im Unternehmen – Management und Mitarbeitern gleichermaßen – die Digitalisierung als Werkzeug und Chance für Kreativität und dynamische Entwicklung zu erschließen.

Die eigentliche Frage lautet: Lassen sich Geistesblitze im Digitalzeitalter sozusagen am Fließband produzieren und erfolgreich in marktfähige Produkte verwandeln?

Novartis sei auf dem Weg von einer „Drug Company“ zur „Drug and Data Company“, sagt Theophille. Sie will ein Unternehmen, dessen Kerngeschäft Medikamente sind, in eines verwandeln, dessen Geschäft auf der Arbeit mit Medikamente und Daten basiert. So sollen die Chancen genutzt werden, die aus der smarten Interpretation von endlosen Datenreihen an Medikamententests und anderen medizinischen Daten erwachsen.

„Dazu müssen und wollen wir 120.000 Mitarbeiter befähigen, digitale Innovation zu denken, Ideen zu kreieren und diese dann auch umzusetzen“, sagt die Managerin. „Nicht bloß einmal, sondern immer und immer wieder.“

Damit trifft Theophille, eine zierliche, dunkelhäutige Schottin und zugleich Kosmopolitin, genau das Thema des Innovationsforums. Das Forum, das von der Unternehmensberatung Accenture ausgerichtet wird, bildet den Auftakt zur Verleihung des Deutschen Innovationspreises. Dieser wird am Freitagabend von der WirtschaftsWoche gemeinsam mit Accenture, Evonik und Daimler an die innovativsten Konzerne, Mittelständler und Start-ups Deutschlands vergeben.

„Lässt sich auch Innovation skalieren?“

Schon vor der Verleihung diskutieren rund 250 Gäste im alten Ziegelbau, wie es Unternehmen gelingen kann, auf die Herausforderungen der Digitalisierung nicht bloß mit einzelnen Innovationsprojekten zu antworten, sondern eine digital inspirierte Innovationskultur zu etablieren. Demonstrationsstände mit holografischen Projektionen, Bremsscheiben aus dem 3-D-Drucker und in digitalen Simulationen entwickelte Dämmstoffe setzen dabei gleichermaßen einen technologischen wie optischen Kontrapunkt zur Architektur des alten Industriebaus.

Eine Frage eint alle Gäste: Wie lassen sich die neuen Chancen, die der technologische Wandel bietet, kreativ und kontinuierlich für die Unternehmensentwicklung nutzen? Zu diesen Chancen zählt die Vernetzung ebenso wie künstliche Intelligenz und die digitale Kundenansprache. „Wir haben uns bisher immer gefragt: Wie lassen sich Geschäftsmodelle erfolgreich skalieren?“, so Frank Riemensperger, Geschäftsführer von Accenture in der Region Deutschland, Schweiz und Österreich. „Nun geht es darum: Lässt sich Innovation auch skalieren? Und wie machen wir das?“

Die Antwort darauf gibt an diesem Freitag nicht bloß Novartis-Spitzenfrau Theophille. Armin Pohl, Chef und Mitgründer des Stuttgarter Designstudios Mackevision, beschreibt, wie computergenerierte Visualisierungen gleichermaßen die Entwicklung von Produkten und deren Vermarktung radikal beschleunigen können.

Markus Pertlwieser, im Vorstand in der Privat- und Geschäftskundensparte der Deutschen Bank für die Digitalstrategie und den Aufbau der „Digital Factory“ verantwortlich, betont, dass der technologische Wandel auch sein Pendant in einem neuen Führungsverständnis brauche. „Wir müssen im Zeitalter digitaler Innovation weg von der Idee, dass einer den Vordenker gibt und die Mitarbeiter folgen“, fordert Pertlwieser. Vielmehr gelte es, die Kreativität aller Beschäftigten zu aktivieren. „Ein Großteil der Leute, die heute in einer Bank arbeiten, bringen ja von zuhause jede Menge digitales Denken mit“, sagt Pertlwieser. „Wir müssen nun bloß dafür sorgen, dass sie das auch aktiv mit ins Unternehmen hineintragen.“

Das gilt nicht für die Deutsche Bank allein. Das wissen alle, die beim Innovationsforum zwischen historischen, gebrannten Ziegeln und gedruckten Autoteilen diskutieren. „Wenn wir in den alten Konzernen nicht rasch das neue digitale Denken etablieren“, sagt im Halbdunkel des Auditoriums ein Gast im dunklen Anzug zu seinem Nachbarn, „dann läuft uns die Konkurrenz davon“. Sein Nachbar nickt. „Stimmt, irgendwo lauert immer einer wie Amazon.“

Das weiß auch Novartis-Managerin Theophille. In den USA hat der Technologie- und Handelsriese schon eine Lizenz zum Medikamentenhandel. 

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