Hannover Messe Der Kampf um die Fabrik der Zukunft

Die Roboter kommen in der Fabrik aus ihren Käfigen, Entwicklung und Produktion werden vernetzt: Die vierte industrielle Revolution wird die Fabrikhallen der Zukunft umkrempeln – und den Arbeitsmarkt.

Roboter Handshake Quelle: dpa/Montage

Klamotten rein, Waschpulver einfüllen, Programm auswählen – fertig. So einfach funktioniert eine Waschmaschine. Aus Sicht des Kunden. Eduard Sailer hat einen anderen Blick auf die Dinge.

Der studierte Physiker ist Technik-Geschäftsführer beim Gütersloher Traditionsunternehmen Miele – und will die Haushaltsgeräte für das vernetzte Haus bereit machen. „Heute haben wir selbst in einer Waschmaschine eine so komplexe Software, dass wir die ganzen möglichen Zustände, die das Programm annehmen kann, im Praxistest gar nicht mehr abbilden können“, sagt Sailer auf der Hannover Messe. „Das würde Jahre dauern, diese Zeit haben wir in der Produktentwicklung nicht. Über Software-Tests, die auf eine reale Steuereinheit zugreifen, finden wir die Bugs im Programmcode.“

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Dafür ist aber ein virtueller Prototyp des Geräts notwendig – und ein vollkommen neuer Entwicklungsansatz. Fast alle Schritte werden digital ausgeführt, von der ersten Skizze über den Prototypen bis hin zum fertigen und digital getesteten Produkt. Die Vernetzung verkürze nicht nur die Entwicklungszeit, so Sailer, sondern erhöhe auch die Produktivität.

Schneller zum fertigen Produkt

Eine Voraussetzung: Die Software ermöglicht all diese vernetzten Schritte. Miele zum Beispiel arbeitet mit Dassault Systèmes zusammen. „In unserem Konzept können die Daten ohne Zwischenschritte von Programm zu Programm verschoben werden“, sagt Andreas Barth, Geschäftsführer Zentraleuropa bei Dassault. „Das geht nicht nur zwischen verschiedenen Programmen für das 3D-Modeling, sondern zum Beispiel auch hinüber zur Simulation der Produktionsabläufe.“

Damit beschreiben Dassault und Miele das Leitmotto der diesjährigen Hannover Messe: „Integrated Industy: Join the Network!“. Von der Idee bis zum fertig produzierten Produkt wird alles in einem Ablauf integriert. Dazu muss aber nicht nur die Entwicklung, sondern auch die Fabrik digitalisiert werden.

Kollege Roboter lässt grüßen
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schäkert bei der Eröffnung der Hannover Messe in Hannover mit indischen Maskottchen. Schon vor der Eröffnung hat sich Merkel für intensivere Handelsbeziehungen zum diesjährigen Messepartnerland Indien ausgesprochen. „Der Handel zwischen Deutschland und Indien kann noch verbessert werden, obwohl Deutschland schon der größte europäische Handelspartner Indiens ist“, sagte Merkel am Sonntagabend. Quelle: dpa
Merkel eröffnete die Messe am Abend gemeinsam mit dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi. Dabei mahnte sie zur Wachsamkeit: „Wir müssen in Europa einfach einen Zahn zulegen, genauso wie wir auch in Deutschland einen Zahn zulegen müssen“, sagte sie am Sonntag zur Eröffnung der weltgrößten Industrieschau . „Wir müssen uns jeden Tag ändern“, forderte Merkel mit Blick auf das Zukunftsthema vernetzte Produktion. Auch Modis Land will sich in Hannover als fortschrittliches Technologieland präsentieren. Modi versprach Reformen in seinem Land, um Handel zu erleichtern. „Für uns hat es außerdem höchste Priorität, eine Weltklasse-Infrastruktur zu schaffen“, sagte er. Quelle: dpa
Obwohl beide Länder ihre Beziehungen seit der Öffnung Indiens für Europa durch diverse Reformen ab 1991 intensivieren wollen, hat der bilaterale Handel wegen der Wachstumsschwäche der indischen Wirtschaft zuletzt abgenommen. So schrumpfte das Handelsvolumen in der Saison 2013 -2014 im Vergleich zur Vorperiode um 7,4 Prozent auf 16,1 Milliarden Euro. In der Rangfolge der deutschen Handelspartner steht Indien auf Platz 24, bei Ein- und Ausfuhren auf Platz 25. Umgekehrt steht Deutschland in Indien als Lieferant an 9. Stelle und als Abnehmer indischer Waren an 8. Stelle. In Indien werden vor allem Investitionsgüter nachgefragt, also Maschinen, die etwa ein Drittel am Gesamtexport nach Indien ausmachen, sowie Elektrotechnologie, Metallwaren, Chemie, Automobile. Nun will Indien wieder in di Offensive gehen und selbst als Handelspartner attraktiver werden. Mit seiner Milliardenbevölkerung will in diesem Jahr China als wachstumstärkstes Schwellenland überholen. Quelle: dpa
Nach Dampfmaschine, Fließband und Elektronik soll der Wirtschaft nun die vierte Revolution bevorstehen: die Vernetzung von Produkt, Maschine und Werkzeug in der Industrie 4.0. Quelle: dpa
Doch nur schleppend nimmt die nächste Entwicklungsstufe der Produktion in Deutschland Fahrt auf: Nur etwa die Hälfte der großen Unternehmen und 43 Prozent der Mittelständler messen der Industrie 4.0 eine hohe Bedeutung bei, ergab eine aktuelle Umfrage des Digitalverbands Bitkom. Quelle: dpa
Ein Grund ist laut Bitkom, dass viele Unternehmen die Chancen der Industrie 4.0 unterschätzen. Bei der Hannover Messe sollen ihre Möglichkeiten Gestalt annehmen. Schon zum dritten mal verschreibt sich die Hannover Messe damit demselben Thema, dieses Mal unter dem Titel „Integrated Industries – Join the Network“. Quelle: dpa
Mensch-Maschine-Kooperation ist ein zentrales Thema bei der diesjährigen Ausgabe der Messe. Die nächste Generation Roboter soll nicht mehr hinter Gittern, sondern Seite an Seite mit dem Facharbeiter werken. Ein Beispiel ist das Greifsystem des Herstellers Schunk. Quelle: dpa
Messe-Star aus dem Bereich ist der Kleinroboter der Firma ABB. Kurz bevor die ersten Besucher die Messehallen erobern, bereitet ein Ingenieur YuMi auf seinen großen Auftritt vor. Quelle: dpa
An der Seite von Messe-Vorstand Jochen Köckler hatte YuMi schon vor dem Veranstaltungsbeginn seinen ersten großen Auftritt. Bei der Eröffnungs-Pressekonferenz führte er auf der Bühne seine gelenkigen Arme Form. (Foto: Hannover Messe) Quelle: Handelsblatt Online
Die Firma Kuka will sich mit ihren Leichtrobotern ebenfalls in dem Feld positionieren und liefert bereits Modelle etwa an die großen Autobauer. So bedient eine Softwareentwicklerin auf der Hannover Messe am Stand von Volkswagen einen Kuka-Roboter. Quelle: dpa
„eMotion“ heißt es am Messestand der Firma Festo. Das Unternehmen für Steuerungs- und Automatisierungstechnik stellt in Hannover unter anderem ultraleichte Flugobjekte in Gestalt von Schmetterlingen vor, die ihr Flugverhalten im Kollektiv koordinieren. Quelle: REUTERS
Und Festo hat weitere Technologien im Angebot, die Vorbilder in der Natur haben. Für die Roboterameisen „BionicANTs“ hat sich die Firma nicht nur die filigrane Anatomie der natürlichen Ameise zum Vorbild genommen. Sie hat auch das kooperative Verhalten der Insekten mittels komplexer Regelalgorithmen in die Welt der Technik übertragen. Quelle: dpa
Indien ist in diesem Jahr erneut Partnerland der Hannover Messe. Rund 400 Aussteller aus dem Land sind vertreten und eine hochkarätig besetzte Delegation reist nach Deutschland. Mit dabei ist auch der neue Premierminister Narendra Modi. Quelle: dpa

Wie das aussehen kann, lässt sich in Halle 8 der Hannover Messe beobachten. An mehreren Ständen sind kleine Produktionslinien aufgebaut, die im geschrumpften Maßstab das Konzept einer vernetzten Fertigung vorführen. Das sind aber nicht Produktionslinien, die ein großer Konzern im Alleingang entwickelt hat. Es sind Gemeinschaftsstände, mal von Phoenix Contact, Rittal und Eplan, mal von der Technologie-Plattform SmartFactoryKL, einem Konsortium aus 15 Unternehmen und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

Das Stichwort bei der smarten Fabrik heißt „Plug&Produce“. Man kennt es vom „Plug&Play“ beim heimischen PC: Einen neuen Drucker oder Scanner an den Rechner anzuschließen, ist kein Problem – Stecker und Schnittstellen sind standardisiert. Drucker und Computer verstehen sich, kommunizieren in der gleichen Sprache. Wie die einzelnen Geräte im Hintergrund funktionieren, ist vollkommen egal. Hauptsache, die Kommunikation stimmt.

So schneidet Deutschland als Wirtschaftsstandort ab

Das Prinzip „Stecker rein und los geht’s“ soll jetzt auch auf die Fabrik übertragen werden. Die einzelnen Maschinen verschiedener Hersteller können entlang der Produktionslinie beliebig umpositioniert werden – je nach dem, was das aktuelle Produkt erfordert. Die Software, die alle Module verbindet, erkennt von allein, wann und wo welcher Stecker verbunden wird und passt die Steuerung entsprechend an.

Im Falle von SmartFactoryKL kommt die Software von IBM. Neben der Flexibilität bietet die vernetzte Industrie laut dem IT-Riesen noch weitere Vorteile: „Viele Produkte werden immer komplexer“, sagt Siegfried Florek, Experte für Industrie 4.0 bei IBM. „Um die Entwicklung und Produktion weiter zu verbessern, gewinnen Themen wie vorausschauende Wartung und eine Qualitätssicherung, die bereits während der Produktion stattfindet, zunehmend an Bedeutung.“

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