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Industrie 4.0 Warum die Digitalisierung dem Mittelstand Angst macht

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Sorge um die Sicherheit

Eine Metastudie des IW Köln, die 46 Studien zusammen fasst, nennt die größten Hemmnisse für Digitalisierung im Mittelstand: die hohen Anforderungen an die IT-Sicherheit, fehlende Standards und die aufwendige Strategieplanung. Außerdem kommt die Digitalisierung die Mittelständler teuer zu stehen. „Wir haben gesehen, dass die Hälfte der Studien die hohen Kosten beziehungsweise den hohen Investitionsbedarf als Hemmnis sehen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist schwer einzuschätzen und das fördert auch eine gewisse Angst vor der Digitalisierung“, ist sich IW-Expertin Engels sicher.

Die Kosten

Das Problem: Die Ausgaben fallen sofort an. „Bis man Erträge sieht, können auch Jahre ins Land gehen“, sagt Engels. Das mache die Kosten-Nutzen-Rechnung und eine gezielte positive Prognose schwierig. „Der Kostenaspekt ist so gravierend, weil Digitalisierung ganzheitlich gedacht werden muss“, erklärt die IW-Ökonomin. „Eine punktuelle Digitalisierung funktioniert nicht. Es muss die gesamte Wertschöpfungskette digitalisiert werden und das bläht natürlich den Kostenapparat auf.“

So kommen beispielsweise teure Schulungsmaßnahmen auf die Unternehmen zu. „Der Mangel an technisch versiertem Personal stellt eine zentrale Hürde für den digitalen Fortschritt im Mittelstand dar“, heißt es in der IW-Studie. „Eine solche Technologie braucht geschulte Anwender – und da müssen auch die Mitarbeiter mitgenommen werden“, so Engels.

Während zum einen viele Mitarbeiter erst in Digitalisierungs-Technologien weitergebildet werden müssen, steigt zudem auch der Bedarf an IT-Spezialisten. „Solche Leute sind vielfach teurer und der Mittelstand ist dann häufig auch kein interessantes Arbeitsfeld für sie“, schätzt Engels. „Als Datenanalyst ist mein Wunscharbeitgeber häufig eher Microsoft oder Google als etwa ein kleinerer Stahlproduzent.“

Fehlende Standards

Bei der Gestaltung einheitlicher digitaler Standards, stehe Deutschland noch ganz am Anfang, hielt 2016 der Digitalverband Bitkom fest. Auch im DIHK-Barometer beklagt rund jedes dritte Unternehmen die fehlenden Standards für die Digitalisierung. „Es bedarf einer gemeinsamen Sprache, in der die digitalisierten Maschinen und Systeme miteinander sprechen und es gibt derzeit noch viel zu wenige zugängliche Standards, in denen diese Kommunikation stattfindet“, sagt Engels.

Ebenso stoßen viele Unternehmen auf die Schwierigkeit, analog-digitale Schnittstellen zu überwinden. Nicht jede Maschine lässt sich „mal eben“ koppeln – und manche vielleicht sogar gar nicht. „Die Vernetzung über den gesamten Wertschöpfungsprozess hinweg erfordert ein hohes Level an unmittelbarer IT-Sicherheit“, heißt es in der Studie. Datenverschlüsselung, regelmäßige Updates, stabile Firewalls und funktionierende Virenscanner etwa. Die zuverlässige Einführung dieser Standards bringt an sich häufig schon ein Problem mit sich, so die IW-Wissenschaftler: „Viele Mittelständler verfügen nicht über das notwendige Wissen und die Ressourcen, um zu identifizieren, wo Sicherheitsprobleme liegen und wie sie sich schützen können.“

Diese Motive treiben den Mittelstand bei der Digitalisierung an

Das ist für Mittelständler jedoch notwendig, wenn sie in die Industrie 4.0 eintauchen. Mit mehr als 60 Prozent aller bekannten Fälle ist insbesondere der Mittelstand von Datendiebstahl und Cyberspionage betroffen. Auf einen Schaden von 51 Milliarden Euro pro Jahr, beziffern Experten die Verluste durch Cyberkriminalität für die deutsche Wirtschaft. Da wundert es nicht, dass sich jeder zweite Mittelständler sich vor Ideenklau fürchtet, weil die Abwehrtechnik im digitalisierten Unternehmen nicht stabil genug sein könnte.

Diese Angst bezieht sich vor allem auf das Cloud-Computing, also dem Auslagern von Daten an externe Dienstleister. Die Idee, die ganz zentral für die Industrie 4.0 steht, birgt etwa nach Meinung von einem Großteil der Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe (78 Prozent) Probleme bei der Datensicherheit, ergab 2016 eine Umfrage des DIHK.

„Es herrscht eine große Unwissenheit“, sagt Engels. Zwar könnten Mittelständler in der Regel davon ausgehen, dass, wenn sie auf den Service eines IT-Dienstleisters zurückgreifen, ihre Daten dort sicher sind. Allerdings gäbe es noch immer das Risiko an der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Dienstleister – und den Risikofaktor Mensch: „Gerade Mittelständler müssen ihre Mitarbeiter dafür sensibilisieren, weil sehr viele Sicherheitslücken durch den Menschen entstehen – und das macht natürlich Angst“, sagt Engels.

Das entscheidende Problem für Mittelständler: Digitalisierung vollzieht sich nicht im Tempo einer Dampflok, sondern im Tempo des Hyperloops. „Die Entwicklungen in diesem Bereich sind beeindruckend schnell und das bringt die Unternehmen in Zugzwang, irgendetwas zu machen“, sagt Engels. Dies führe häufig zu falschen, voreiligen Entscheidungen – oder zu gar keinen, weil man sie aus Angst auf die lange Bank schiebt.

„Digitalisierung macht derzeit nicht für jeden gleich viel Sinn“, macht Engels deutlich. „Deshalb sollte man das Thema auch nicht mit der Brechstange angehen.“ Unter Umständen sei es sinnvoller, nach und nach kleine Schritte im eigenen Unternehmen zu machen. Losgehen müssen sie aber auf jeden Fall, meint die Ökonomin: „Am Ende gibt es zur Digitalisierung keine Alternative.“

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