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RWTH Aachen Hinter den Kulissen der Ingenieurschmiede

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Forschungskooperationen ernten nicht nur Lob

Auf dem sogenannten Campus sollen Wissenschaftlerteams und Industriekonsortien Tür an Tür zusammenarbeiten – an Zukunftsfragen, die die Industrie betreffen. Noch gleicht das Gelände einem Industriegebiet im Aufbau. Das erste Grundstück hat sich im Jahr 2006 das E.On Energy Research Center gesichert. Ursprünglich einmal von dem Energieriesen finanziert, ist es heute ein Forschungszentrum für Energiefragen. Direkt nebenan steht die 1000 Quadratmeter große Forschungshalle.

Hier forscht auch Marco Stieneker an dem Projekt unter der Plane. „Geheimhaltung ist unseren Partnern aus der Industrie sehr wichtig“, sagt er. Ginge es nach so manchem an der RWTH, wäre wohl auch ein Skandal um eine Stickoxid-Studie der Uniklinik besser unaufgedeckt geblieben. Besser noch: Er wäre nie passiert.

Deutschlandweite Aufregung über ein Experiment, bei dem 25 gesunde Menschen unterschiedlich hohen Konzentrationen von Stickstoffdioxid ausgesetzt wurden, hat das Image der Aachener Industriekooperationen stark angekratzt. Bei der Studie führten Forscher Versuche über die Folgen der Arbeitsplatzbelastung mit dem Reizgas für Menschen durch, um gesundheitlichen Schäden für beispielsweise Kfz-Mechaniker vorzubeugen.

Experimentelle Untersuchungen mit Arbeitsstoffbelastungen laut RWTH zu den üblichen wissenschaftlichen Aufgaben der Arbeitsmedizin. Die Lobby-Organisation der Automobil-Industrie EUGT hat die Ergebnisse Anfang 2018 so interpretiert, dass sie mit Arbeitsschutz jedoch nichts mehr zu tun hatten – und sie in Zusammenhang mit gesundheitlichen Folgen von Dieselschadstoffen in Zusammenhang gebracht. „Die Stickoxid-Studie befasst sich inhaltlich gar nicht mit der Dieselbelastung von Menschen“, sagt Aloys Krieg. Kurzum: Die Aachener fühlen sich von Autoindustrie vorgeführt. Damit Studienergebnisse der Universität künftig nicht für Lobby-Zwecke missbraucht werden, werde die RWTH die Geber von Drittmitteln genauer überprüfen.

Dennoch ließ der Fall eine alte Diskussion wieder hochkochen: Die Nähe zur Wirtschaft gefährde die Unabhängigkeit der universitären Forschung, predigen Kritiker schon länger. Der frühere Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium Wolfgang Lieb nannte Zahlungen von der Industrie gegenüber dem Deutschlandfunk sogar gefährlich. Auch die Vorsitzende der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International Edda Müller klagte bereits im Jahr 2015, drei Jahre vor dem Missbrauch der Stickoxid-Studie: „Wir beobachten, dass zunehmend die Verwertungsinteressen der Wirtschaft die Lehre und auch die Forschung weitgehend bestimmen.“

Aloys Krieg entgegnet: „Viele klassische Universitäten wollen die Unternehmen nicht so nah an sich heranlassen, aber bei Ärzten legen sie ja auch Wert darauf, dass sie im Studium schon einmal einen Patienten gesehen haben.“ Außerdem halte sich die Universität an den Grundsatz der Freiheit von Lehre und Forschung. Eine RWTH ohne enge Verbindungen zur Industrie ist derweil fast undenkbar. Sie wurde schließlich dafür gegründet, maßgeschneiderte Ingenieure – im 19. Jahrhundert noch für den Bergbau – auszubilden. Dafür haben Unternehmen die Entstehung der Universität finanziell unterstützt.

Mit der Annahme von hohen Summen aus der Wirtschaft muss die RWTH versuchen, auf dem schmalen Grat zwischen Abhängigkeit von Geldgebern und Unabhängigkeit der Forschung zu balancieren. Bleibt eine Studie beispielsweise ergebnislos, hat ein Kooperationspartner tausende Euro für nichts bezahlt.

„Forschung ist immer Versuch und Irrtum: Es kann klappen, muss es aber nicht“, erklärt der Prorektor für Forschung und Struktur an der RWTH, Professor Rudolf Mathar. Die Unternehmen seien mit den Jahren offener für diesen Prozess geworden.

Einer, der davon profitiert, ist Marco Stieneker. Der Oberingenieur wird im Sommer sein zweites Zuhause – die Forschungsfläche des E.On Energy Research Centers – verlassen. Ein Unternehmen aus der freien Wirtschaft hat ihn überzeugt, künftig auf der anderen Kooperationsseite zu arbeiten. Noch darf er nicht sagen, wo er anfangen wird. Dass er den Job bekommt, hat aber ganz sicher mit der RWTH zu tun: „Das Networking hier kommt einem sehr zugute.“

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