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Toronto soll smarte Stadt werden Aufstand in „Google City“

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Unterirdische Roboter ersetzen Postboten

Auskunftsfreudiger sind die 70 Angestellten von Waterfront Toronto: Die zumeist jungen Leute, alle im blauen T-Shirt und mit einem Klebezettel samt ihrem Vornamen auf der Brust, haben abseits der Bühne Infostände aufgebaut. Sie erzählen einem, dass bei der Buchung einer Carsharingfahrt ein Fenster aufploppen könnte, das um die persönlichen Daten bittet. Ein Mitarbeiter ergänzt: „Sidewalk Labs geht davon aus, dass viele ohne Zögern zustimmen, um ihre Fahrt schnell buchen zu können.“

Am Stand daneben ist eine Zeichnung von grauen Roboterautos zu sehen, die unterirdisch den Müll der Bewohner abtransportieren. Postboten sollen ebenfalls aus dem Stadtbild verschwinden, Pakete stattdessen auf Transportschienen von Roboterhänden unterirdisch verteilt werden – oder per Drohne aus der Luft.

Smarte, mit Sensoren ausgestattete Ampeln sollen nur dann auf Rot springen, wenn jemand die Straße überqueren will. Viele Menschen in Toronto wüssten allerdings gerne, wie genau die Fußgänger dazu vermessen werden – und wer aus diesen Daten welche Schlüsse zieht. Wird, wer sich zügigen Schrittes nähert, Werbung für Turnschuhe aufs Handy erhalten? Aggarwala wiegelt ab: „Wir werden auf keinen Fall private Daten für Werbezwecke verkaufen.“ Sidewalk Labs sammle die Daten allein mit dem Ziel, das Leben in der Stadt zu verbessern. Die Konzernmutter Alphabet allerdings verdient ihr Geld vor allem mit Werbung. Die Versuchung, die vielfältigen Informationen aus Quayside anzuzapfen, dürfte zumindest groß sein.

Merkel auf Tuchfühlung mit den Robotern
Gemeinsam mit Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto vom diesjährigen Partnerland der Messe schaut sich die CDU-Politikerin zum Auftakt die Industrietechnik von morgen an. Quelle: REUTERS
Am Partnerstand Mexikos erklärt ein Mitarbeiter der Bundeskanzlerin und dem mexikanischen Präsidenten die Neuheiten des in der Röntgenfahrzeug-Entwicklung. Quelle: dpa
Der Kuka-Chef Till Reuter (links) stellt Merkel, Nieto und de Peno beim Rundgang den Kuka-Roboter "i do" vor. Quelle: dpa
Am Stand von Siemens erläutern Experten den dreien die Illustration eines Motors. Quelle: dpa
Siemens-Chef Joe Kaeser (links) schenkte der Bundeskanzlerin und Mexikos Präsidenten einen im 3D Druckverfahren hergestellten Turnschuh und ein Trikot. Quelle: dpa
Am Stand des Technologiekonzerns ABB bekamen die beiden Regierungschefs von ABB-Vorstandsvorsitzenden Ulrich Spiesshofer die Ladetechnik für Elektroautos präsentiert. Quelle: dpa
Auch ein Unterrichtsprojekt ist Teil des Merkel-Rundgangs auf der Hannover Messe: Schüler der David-Röntgen-Schule Neuwied zeigen der Bundeskanzlerin und Enrique Pena Nieto ein Roboterprojekt. Quelle: dpa

Ollie Sheldnick, groß gewachsen, blondes Haar, ist von den Gedankenspielen beeindruckt. Er ist in Toronto aufgewachsen, hat an der örtlichen Universität Ingenieurwissenschaften studiert und lebt nun in einem der Wolkenkratzer in der Stadtmitte. „Das Hafenviertel war immer ein Schandfleck“, sagt er. Dass sich das nun ändern soll, findet er gut. Aber es blieben wichtige Fragen. „Ich befürchte, dass wir nicht mehr Herr über unsere Daten sind“, sagt Sheldnick. „Ich warte immer noch auf eine klare Aussage, welche Daten die Projektplaner alle erheben werden und ob man sich dem als Einzelner entziehen kann.“

Für solche Details sei es zu früh, betont Aggarwala. Erst Anfang des kommenden Jahres will die Stadt Toronto einen Entwurf vorlegen. An diesem Abend denkt der Sidewalk-Labs-Mann aber schon mal laut darüber nach, auch die Krankenakten der Bewohner auszulesen, um die ärztliche Versorgung zu optimieren. Das sei beunruhigend, sagt Sheldnick. „Der gläserne Bürger kann nicht das Ziel sein, insbesondere wenn wie hier profitorientierte Unternehmen mit dabei sind“, sagt er.

50 Millionen US-Dollar investiert Sidewalk Labs in der ersten Projektphase, um den Stadtteil mitzugestalten. Mit der Frage nach den geschäftlichen Interessen tut sich Rohit Aggarwala merklich schwer. Natürlich sei Sidewalk Labs ein profitorientiertes Unternehmen, der Mutterkonzern Alphabet allerdings geduldig. „Es geht nicht darum, schnellstmöglich den maximalen Gewinn zu erwirtschaften.“ Vielmehr wolle man langfristig Ideen entwickeln und Dienste, die sich in Toronto bewiesen hätten, an andere Städte verkaufen. Doch wem gehören die Daten, die solche Angebote erst ermöglichen? Sidewalk Labs? Oder Waterfront Toronto? Womöglich beiden? Oder gar den Menschen, die dort leben? Sollten sie dann nicht auch etwas von dem Geld erhalten, dass sich mit Apps in anderen smarten Städten verdienen lässt? Fragen, die Aggarwala nicht beantwortet. „Offen gesagt ist unser Geschäftsmodell noch ein bisschen unklar.“

Neil McDonald, 55, verheiratet, Naturliebhaber, findet das Nachbarschaftsprojekt „visionär, mutig und spannend“. Und doch macht auch er sich Sorgen. Er fürchtet, dass im Hafengebiet eine digitale Enklave entsteht, in der für Zuwanderer, Senioren und Menschen mit Behinderung kein Platz ist. Bei der Bürgerversammlung sind die meisten Besucher zwischen 20 und 35 Jahren. Ihren Fragen ist anzumerken, dass die meisten von ihnen studiert haben. „Schon heute treiben die steigenden Mieten in der Stadt viele Menschen ins Umland“, sagt McDonald. „So kostspielig, wie mir das Projekt erscheint – im Bau und im Unterhalt –, frage ich mich, wie sich das der Durchschnittsbürger leisten soll.“

Sidewalk Labs sieht sich als Planer des Stadtteils, nicht als Finanzier – und erwartet von der öffentlichen Hand, nicht nur die Grundstücke, sondern auch den größten Teil des für den Aufbau nötigen Geldes zu stellen. Deshalb ist es den Bewohnern so wichtig, zu erfahren, was mit ihren Daten passiert: Sollen die Port Lands lebenswerter werden – oder das Quartier als Labor für ein neues Geschäft im Alphabet-Reich und die dortigen Bewohner nur als Quell für einen nach Daten gierenden Konzern dienen?

Im Sommer zieht Sidewalk Labs, derzeit noch in Downtown beheimatet, in ein Büro am 307 Lakeshore Drive – mitten ins Projektgebiet. An der Adresse steht noch ein grauer, zweigeschossiger Betonklotz. Ein Café oder Food Trucks werden die digitalen Stadtplaner hier vergebens suchen. Dafür gibt es eine Menge Parkplätze. Schön ist anders. Aber das wird sich vielleicht ändern.

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