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Helden Contra Corona – Erfahrungsbericht #16 „Die Daten-Nutzung ist um 50 Prozent gestiegen“

David Zimmer Quelle: Inexio Dirk Guldner

Warum die Internetkapazität trotz Homeoffice-Ausbreitung ausreicht, man aber bei der Telefonkonferenz mitunter mal ein Besetztzeichen hören wird, erklärt Internetanbieter David Zimmer, ein echter „Held des Mittelstands“.

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David Zimmer ist Gründer und Chef der Inexio GmbH in Saarlouis. Das Unternehmen vertreibt Glasfaser-Internetanschlüsse, beschäftigt mehr als 400 Mitarbeiter und setzte zuletzt 97,5 Millionen Euro um.

„Ich bin überzeugt: Was das Team von Inexio leistet, das ist systemrelevant. Wir bringen schnelles Internet in die ländlichen Regionen. Also dort, wo gerade jetzt viele Menschen in ihren Home-Offices sitzen und den Anschluss an ihren Job, an ihre Kollegen und an den Arbeitgeber nicht verlieren – wenn sie denn schnelles Internet haben.

Obwohl die Kunden gerade jetzt von unserer Leistung profitieren – die Corona-Situation wird das Wachstum von Inexio erheblich bremsen. Finanziell stehen wir noch viele Monate gut da. Aber: Unsere Lagerbestände reichen nur noch zwei bis drei Monate. Und unser Neukundengeschäft leidet massiv. Das geht gegen Null. Normalerweise klingeln unsere Vertriebsleute an jeder Haustüre in den Orten, die wir gerade ausbauen. Das geht jetzt natürlich nicht. Hier setzen wir seit dieser Woche auf Videokonferenzangebote, über die sich die Menschen informieren können. Gleichzeitig ist es so, dass die Menschen momentan auch andere Sorgen haben, als sich um einen neuen Internetanschluss zu kümmern, der in zwei Jahren kommt.

Die Orte, die Inexio ans Netz bringt, haben im Durchschnitt 300 Haushalte. Je kleiner, desto besser. Wir würden unser Netz nie in Berlin ausbauen, da gibt es zu viele Wettbewerber. Normalerweise läuft das so: Wir schauen, wo es noch kein schnelles Internet gibt. Dann versuchen wir, den zuständigen Bürgermeister dafür zu gewinnen, dass wir in seinem Ort Info-Veranstaltungen für die Bürger machen können. Wir brauchen in der Regel 40 Prozent der Haushalte, die zu uns wechseln wollen. Erst dann fangen wir mit dem Bau an. Dann muss die Planung gemacht werden. Dann kommt der Bautrupp, verlegt die Kabel. Und wenn alles fertig ist, können die Kunden zu uns wechseln.

So ein Glasfaser-Ausbau dauert im Schnitt zwischen zwei und drei Jahren, manchmal auch länger. Wenn die Kommune Fördermittel vom Bund einholen will, muss sie ein diffiziles Ausschreibungsverfahren durchlaufen. Dann dauert es noch länger. Aktuell haben wir zwischen 100 und 120 Ortschaften parallel im Bau. Bei einigen haben wir gerade angefangen. Andere sind fast fertig. Diese unterschiedlichen Stadien sind wichtig, damit die Maschine am Laufen bleibt. Denn bis sich so ein Projekt für uns rechnet, dauert es rund acht bis zehn Jahre.

Aktuell wird in allen Projekten mit Hochdruck gearbeitet. Inwieweit wir diese Bauleistung halten können, ist im Moment nicht absehbar, da wir auf dem Bau viel mit osteuropäischen Arbeitern zusammenarbeiten. In einem Projekt hat uns der Generalunternehmer genau aus diesem Grund in der letzten Woche eine Verzögerung angezeigt.

Und dann gibt es noch die Lieferketten. Die Glasfaserkabel kommen in der Regel aus China. Unsere Bestände reichen noch für zwei bis drei Monate. Aber wenn die Industrien nicht schnell wieder in Gang kommen, haben wir bald keine Leerrohre und keine Kabel mehr. Selbst die Fritzbox, ein deutsches Produkt, wird aus Komponenten aus China gefertigt. Unsere Fritzboxen reichen noch für ungefähr einen Monat. Und dann? Wir wissen es nicht. Hoffen aber auf schnellen Nachschub.

60 Prozent unseres Umsatzes kommt von Privathaushalten – die restlichen 40 Prozent sind Geschäftskunden. Unsere Netze gehen auch nach Frankreich und Luxemburg. Die Nutzung vermieten wir auch an die Internetriesen – etwa aus dem Silicon Valley. Aber wenn unser Techniker über die Grenze fahren muss, um etwas zu reparieren, steht der da drei, vier Stunden. Das sind alles enorme Herausforderungen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass wir als Europäer nochmals in eine solche Situation kommen würden.

Kurzarbeit habe ich nur für die Kolleginnen und Kollegen im Vertrieb beantragt. Das sind knapp 30 Personen. Alle anderen können normal weiterarbeiten, denn ich habe sehr früh auf Homeoffice umgestellt. Und das schon Anfang März. Zehn Prozent der Mitarbeiter sind noch im Büro. Um etwa eine Fritzbox aus dem Lager zu holen und bei DHL einzutüten – das geht nicht von zu Hause.

Im Vergleich sind wir wohl noch in einer relativ komfortablen Situation. Wir haben mit unseren Kunden Abonnement-Verträge. Das heißt: Geld kommt stetig rein. Wir merken sogar kurzfristig eher eine Umsatzsteigerung, weil viele Firmen ihre Mitarbeiter nach Hause geschickt haben. Die brauchen dort mehr Bandbreite und müssen an uns mehr bezahlen. Es wird auch mehr telefoniert. Die Daten-Nutzung der Netzkapazität ist um 50 Prozent gestiegen, seit Corona in der Form wütet. Wir haben aber ausreichend Netzkapazität für Daten, selbst wenn die Nachfrage nochmal um 50 Prozent steigen sollte.

Wo die ganze Branche aber ein Problem hat ist bei der Telefonie. Da gibt es mitunter den Effekt, wie man ihn von Silvester kennt: Man muss manchmal mehrfach anrufen. Diese Engstellen beobachten wir beim sogenannten Netzübergang: Normalerweise haben wir bei Anrufen von unserem Netz zu Telekom oder anderen Anbietern zwischen 1800 und 2000 parallele Verbindungen. Die Kapazität ist auf derzeit 3000 gleichzeitige Verbindungen ausgelegt. Es gab nun aber schon die Situation, dass es in Spitzenzeiten über 3000 parallele Verbindungsaufbauten zwischen den beiden Netzen gab, und der 3001. Anrufer hört dann nur noch ein Besetztzeichen. Er muss auflegen und neu wählen, bis einer aus der Leitung geht. Das werden wir wohl noch häufiger erleben. Denn die Netze sind ja auf ein Durchschnittsvolumen ausgelegt. Um das zu lösen, müssten wir eine koordinierte Aufrüstung machen. Das geht nicht per Knopfdruck. Und da braucht man auch wieder Technik aus China. Die ist aber nicht lieferbar. Und schon verschenkt man wieder Zeit.

Auch wenn Inexio hier und da noch profitieren kann von einer gesteigerten Nachfrage nach schnellem Internet: Corona ist ein Desaster. Für die Gesamtwirtschaft ist das brutal. Ich komme mir vor wie im Krieg. Ich hätte nie geglaubt, dass uns das nochmal passieren kann.“

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In der Rubrik Helden des Mittelstands porträtiert die WirtschaftsWoche regelmäßig einen Mittelständler, der eine Herausforderung kreativ, mutig und klug gemeistert hat. Doch was tun diese Helden gegen die Coronakrise? Wir haben nachgefragt. Alle Folgen der Serie „Helden Contra Corona“ finden Sie hier.

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