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Helden Contra Corona – Erfahrungsbericht #22 „Unser Besprechungsraum war zwischenzeitlich ein Kinderhort“

Christian Jöst Quelle: PR

Die Firma Jöst, ein „Held des Mittelstands“, produziert Schleifmittel für das Handwerk und die Industrie. Die Coronakrise geht an dem Familienunternehmen vorbei – und befeuert die Kreativität, sagt Geschäftsführer Christian Jöst.

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Christian Jöst ist Chef der Jöst-Abrasives GmbH in der südhessischen Gemeinde Wald-Michelbach, östlich von Mannheim. Die Firma produziert und vertreibt Schleifmittel und setzt damit einen zweistelligen Millionenbetrag um.

Herr Jöst, die Coronakrise legt die globale Wirtschaft lahm. Doch bei Ihnen geht es wie gewohnt weiter?
Wir produzieren unsere Schleifmittel ganz normal weiter. Unser Unternehmen braucht sich keine Gedanken machen, wie so viele Unternehmen innerhalb nur weniger Wochen am Existenzminimum angelangt zu sein. Wir haben ausreichend finanzielle Puffer, um gut durch die Zeit zu kommen und unseren Mitarbeitern weiter die Löhne zu zahlen. Auch die Produktion leidet nicht, denn wir haben einen guten Bestand an Rohstoffen.

Die Krise geht also an Ihnen vorbei?
An sich ja. Im März lief unser Geschäft normal. Anfang April gingen die Aufträge ein wenig zurück. Aber wir sind optimistisch, dass es nur kurzfristige Schwankungen sind.

Sie produzieren Schleifmittel für das Handwerk und die Industrie. Was ändert sich gerade bei Ihren Kunden?
Die Märkte in den USA und Kanada sind komplett weggebrochen. Das gesamte Wirtschaftsleben steht dort still – damit auch der Handel mit unseren Partnern. Und der Zustand dürfte noch eine Weile anhalten. Denn die große Welle der Pandemie bricht erst noch über die USA herein – und wird wegen des schlechten Gesundheitssystems dort schlimmer verlaufen als bei uns.

Wie verhält es sich mit Ihren Kunden in Deutschland?
Das inländische Geschäft läuft weiterhin stabil. Wir beliefern viele große Firmen, die im Baugewerbe tätig sind – und der Bau boomt. Außerdem dürfen Handwerksbetriebe weiterhin arbeiten.

Und die Leute haben Zeit.
Genau. Was machen die Leute jetzt gerade? Sie sind im Garten beschäftigt – oder kümmern sich um ihr Aquarium. Hier profitieren wir derzeit auch. Seit letztem Jahr bieten wir auch ein paar Produkte aus dem Aquaristikbereich an. Unsere Reinigungspads für den professionellen Gebäudereiniger lassen sich nämlich auch fürs Säubern von Aquarien gebrauchen. Aus der ursprünglichen Schnapsidee haben wir ein Geschäft gemacht. Die Zoofachgeschäfte dürfen in der Coronakrise geöffnet bleiben – und die sind gerade sehr interessiert an unseren Produkten. Das Geschäft kommt gerade zum Laufen. Zwar macht es nur einen Bruchteil unseres Umsatzes aus, aber es macht Spaß, Neues zu probieren.

Die Krise fördert bei Ihnen also auch Kreativität.
Absolut. Wir arbeiten gerade auch daran, das deutschlandweit erste Fischtierheim zu öffnen. Hamster und Kanarienvögel zum Beispiel können in einem herkömmlichen Tierheim abgegeben werden, wenn die Besitzer versterben oder keine Zeit mehr für das Tier haben. Und der Fisch? Der landet entweder in der Toilette oder wird im Fluss ausgesetzt, wo er dann wegen der falschen Wassertemperatur stirbt. Das Fischtierheim ist ein Projekt, das zum Nachhaltigkeitsgedanken der Firma Jöst passt. In der Krise hat man auch mal Zeit, sich damit zu beschäftigen.

Die Produktion lässt sich bekanntlich nur schlecht ins Homeoffice verlagern. Wie hat sich das Arbeiten in Ihrem Betrieb im Zuge der Coronakrise verändert?
Die Produktionsmitarbeiter haben genug zu tun. Als Unternehmen liegt für uns das Wohlergehen unserer Mitarbeiter immer im Fokus. Ein Problem ist für viele Angestellte die Kinderbetreuung, die wir nun flexibel halten. Zwischenzeitlich war unser Besprechungszimmer ein Kinderhort mit Bastelsachen und Wachsmalstiften. Auch ich nehme meine Tochter ab und zu mit, wenn es nicht anders geht. Solch eine Situation kriegen wir als Firma gut hin.

Wie stellen Sie Sicherheit her?
Da wir große Räumlichkeiten und Hallen haben, kann der Mindestabstand von zwei Metern problemlos eingehalten werden.

Und was ist im Krankheitsfall?
Unsere Produktion teilt sich in mehrere Hallen auf. Für den Fall der Fälle müssten dann die Leute, die Kontakt mit Infizierten hatten, in Quarantäne. Aber größtenteils haben die Mitarbeiter keine Berührungspunkte.

Wie viele Ihrer Mitarbeiter mussten sie schon in Kurzarbeit schicken?
Nur zwei Mitarbeiter, die im Außendienst tätig sind. Mit dem Corona-Stillstand sind sie zur Untätigkeit verdammt. Sie bekommen aber einen Nettolohnausgleich und haben damit keinen Gehaltsverlust. Für unsere restlichen Mitarbeiter ist Kurzarbeit kein Thema.

Ihr Unternehmen rühmt sich damit, 100 Prozent der Ware „Made in Germany“ herzustellen. Sehen Sie sich in der Strategie bestätigt?
Ja, total. Wären wir jetzt auf Produkte aus China angewiesen, müssen wir mindestens sechs Wochen warten, bis das Schiff in Deutschland ankommt. Wir beziehen alles aus Deutschland oder dem näheren Ausland – ein großer Vorteil in der jetzigen Situation. Für das nächste halbe Jahr haben wir alles auf Lager. Ich hoffe, dass in der deutschen Industrie ein Umdenken stattfindet und die Betriebe wieder mehr in Deutschland und dem Umland produzieren. Und einige Player am Markt werden vielleicht auch akzeptieren, dass in Deutschland oder Europa hergestellte Produkte eventuell etwas teurer sind, dafür aber die Belieferung auch krisensicher ist.

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In der Rubrik Helden des Mittelstands porträtiert die WirtschaftsWoche regelmäßig einen Mittelständler, der eine Herausforderung kreativ, mutig und klug gemeistert hat. Doch was tun diese Helden gegen die Coronakrise? Wir haben nachgefragt. Alle Folgen der Serie „Helden Contra Corona“ finden Sie hier.

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