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Helden contra Corona – Erfahrungsbericht # 36 Zwölf Unternehmer und ihr Corona-Schicksal

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In Terrassen investiert, Gänse storniert

Burghard und Sascha Bannier hingegen ahnen, was kommt. Die beiden sind Inhaber des Flair Hotel Deutsches Haus am Arendsee in Sachsen-Anhalt und haben ihr Hotel-Restaurant im Lockdown neben anderen Renovierungen und Investitionen um zwei zusätzliche Terrassen erweitert. „Terrasse brauche ich immer“, weiß der Senior-Chef – und im bevorstehenden Sommer ganz besonders, weil das Bewirten in den Gasträumen anderen Restriktionen unterliegen dürfte als die Outdoor-Gastronomie: „Wenn wir wieder öffnen können, dann zuerst im Außenbereich.“ Aber auch dort werden voraussichtlich Abstandsregeln gelten, so dass auf derselben Fläche weniger Tische und Stühle stehen als bisher.

Die Ausbauflächen mussten die Banniers „vom Parkplatz abknapsen“. Das Geld für die Maßnahme war „quasi  geschenkt“, denn Terrasse und Überdachung wurden komplett aus dem Corona-Bundespaket 3 bezahlt, das unter anderem die Erweiterung von Außenflächen fördert. 25.000 Euro waren das – die Hotelierfamilie hat die Baumaßnahmen nur vorfinanziert. Künftig können die Banniers an der frischen Luft trotz Abstandsregel nicht mehr 60, sondern 80 Gäste bewirten.

Das tröstet ein wenig darüber hinweg, dass das „Deutsche Haus“ nach einem guten Sommergeschäft 2020 im Oktober wieder schließen musste und seitdem allenfalls Geschäftsreisende beherbergen und verköstigen darf. Dabei waren für den Herbst 1000 Gänse bestellt. Nur 300 davon haben die Banniers den Bauern tatsächlich abgenommen. Was die Landwirte mit den anderen 700 Gänsen gemacht haben, weiß Burghard Bannier nicht. Man kann sich die unerfreulichen Gespräche aber vorstellen. Bei aller Zuversicht und Cleverness gibt der Unternehmer zu: „Nervlich geht die ganze Situation an die Substanz.“

Keine Sorgen in der Manufaktur und im Fahrradshop

So findig musste Nicole Willig-Pachaly nicht sein. Mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einem Mitarbeiter fertigt sie im niedersächsischen Neustadt am Rübenberge spezielle Hobel für den Oboe- und Fagottrohr-Bau, die in alle Welt verschickt werden. Die heutige Firmenchefin hat 2014 das kleine Unternehmen vom inzwischen verstorbenen Gründer Kunibert Michel übernommen, unter dessen Namen und Marke es bis heute firmiert.

Brach das vom Musizieren abhängige Geschäft des „Michel-Teams“ angesichts geschlossener Konzerthäuser nicht ein? Tat es nicht, sagt die Handwerkerin: „Wir haben von Corona geschäftlich nichts wirklich gemerkt.“ Das spricht einerseits für Ruf und Qualität des Produkts. Andererseits „üben Musikstudenten und fertige Oboisten vermutlich nicht weniger als sonst“,  mutmaßt Willig-Pachaly – nur zu Hause und in virtuellen Lehrstunden.

Unbeschadet durch die Krise: Nicole Willig-Pachaly fertigt spezielle Musikinstrumente und sagt: „Musikstudenten und fertige Oboisten üben vermutlich nicht weniger als sonst.“ Quelle: PR

Noch besser geht es Markus Storck. Der  Chef und Inhaber des Fahrradherstellers Storck aus Idstein im Taunus gehört zu den Profiteuren der Coronakrise. „Die Menschen haben in der Coronakrise das Fahrrad für sich entdeckt“, sagt der 56-Jährige. So richtig profitieren kann der Unternehmer vom Zweiradboom aber erst in diesem Jahr.

2020 habe sich die Produktion bei den Zulieferern unter anderem durch Werksschließungen aufgrund der weltweit unterschiedlichen Verbreitung der Corona-Pandemie reduziert. Erwartete Lieferungen trafen nicht ein. „Im vergangenen Jahr konnten wir den Grip noch nicht auf die Straße bringen“, sagt der Unternehmer.

Nach einem moderaten Umsatzplus 2020 läuft es nun richtig rund: „Im ersten Quartal verzeichnen wir ein Umsatzplus von fast 300 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, sagt der Unternehmer. Die Kunden lernen die Marke schätzen, das Konzept „D2C“ ("Direct to Consumer"), also vom Hersteller direkt zum Kunden, gehe auf, sagt Storck. Für ihn zahlt es sich nun aus, dass er bereits vor einigen Jahren verstärkt auf den Vertrieb über den eigenen Webshop gesetzt hat. Pro Monat registriert der Unternehmer derzeit 120.000 bis 150.000 Besucher auf der Homepage. Zu den Verkaufsschlagern zählen unter anderem Rennräder, aber auch E-Bikes.

Wegen der hohen Nachfrage müssen sich die Kunden allerdings teils auch auf längere Lieferzeiten einstellen. Laut Storck gibt es Bestellungen, die erst im dritten oder vierten Quartal ausgeliefert werden könnten. „Die Nachfrage wird sich dieses Jahr noch weiter steigern“, sagt der Unternehmer, und ist überzeugt: „Radfahren macht süchtig.“

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