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Helden contra Corona – Erfahrungsbericht # 36 Zwölf Unternehmer und ihr Corona-Schicksal

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Schaukeln, Rutschen, Wippen – kein Einbruch im Spielplatzbau

Kreise, Städte und kommunale Tochterunternehmen investieren trotz des Alarms wegen angespannter Finanzen in ihre Freizeitstätten. Das bestätigt auch Klaus-Peter Gust. Der 61-Jährige war bis Ende April Inhaber des Spielplatzgeräte-Unternehmens SIK-Holzgestaltung, das im brandenburgischen Langenlipsdorf kreative Kinderspielplatzgeräte aus Robinienholz fertigt. Aus einer 1988 gegründeten privaten Hinterhofwerkstatt im DDR-Sozialismus haben Gust und seine Frau Claudia ein international agierendes Unternehmen mit heute 245 Mitarbeitern und 19 Millionen Euro Umsatz gemacht. Im strukturschwachen Süden des Landkreises Teltow-Fläming zählt das Familienunternehmen zu den wichtigen Arbeitgebern und Gewerbesteuerzahlern.

Dass 2020 für SIK das Jahr „mit dem höchsten Umsatz und Ertrag der Firmengeschichte“ würde, war im Frühjahr des Vorjahres nicht zu erwarten. Über 70 Prozent des Umsatzes bringen SIK-Holz Aufträge der öffentlichen Hand, rechnete Gust vor: „Die Probleme der Städte und Gemeinden treffen uns direkt.“ Worst-Case-Szenarien rechnete der Unternehmer im März 2020 durch.

Aber das dritte und vierte Quartal liefen „außerordentlich gut“. Die zwischenzeitlich geschrumpften Lieferzeiten liegen schon wieder bei 14 Wochen ab Bestellung. Zwei Erklärungen hat der Unternehmer dafür. Zum einen seien die Investitionen der Kommunen lange vor Corona beschlossen worden. Die 300.000 Euro etwa für den neuen Spielplatz in ihrem Zoo hatte die Stadt Sassnitz auf Rügen schon 2017 beschlossen. Und an Investitionen etwa in attraktive Spielplätze hielten die Städte und Gemeinden fest, weil sie um Einkommensteuer zahlende Einwohner und um Touristen konkurrierten: „Es machen ja mehr Leute Urlaub in Deutschland. Und dass es besser ist, draußen mit Abstand zu spielen, wird den Menschen auch nach Corona bewusst bleiben.“

Gust konstatiert für sich und den Bundesverband für Spielplatzgeräte- und Freizeitanlagen-Hersteller, in dem er aktiv ist: „Wumms und Bazooka von Finanzminister Scholz haben in unserem Bereich funktioniert.“ Gerade weil es gut läuft, übergaben Gust und seine Frau Anteile und Führung ihres Unternehmens nach 33 Jahren nun an ihre beiden Töchter und den langjährigen Mit-Geschäftsführer Marc Oelker, der SIK künftig steuert. „Mit einem sehr guten Gefühl“ gehen die Gusts in den Ruhestand.

Laufschuh-Händler im Regelwust

Nochmal gut gegangen – das würden die Brüder Ulf und Lars Lunge auch gerne sagen. Aber so weit ist es noch nicht. Gerade erleben die Unternehmer mit ihren Laufschuhläden hautnah, wie unterschiedlich die Regelungen in den Bundesländern aussehen – und welche Folgen das für sie hat. Ihren Shop im Berliner Stadtteil Charlottenburg etwa dürfen die Lunges nach dem Modus „Click & Meet“ plus Schnelltest betreiben.

Für die Zukunft wünschen sich die Brüder Lunge zwei Dinge: „Schadenersatz und freie Bahn, um unser wichtiges Beratungsgeschäft anbieten zu können.“ Quelle: PR

In Hamburg dagegen, wo sie drei große Läden betreiben, herrscht Flaute. „Unsere Verkäufer in Hamburg sind seit 4,5 Monaten in Kurzarbeit“, sagt Ulf Lunge Anfang Mai, „unsere Berater sind alle Wettkampftypen und können nur schwer ertragen, auf der Bank sitzen zu müssen, während Kollegen in Berlin oder die Mitbewerber in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen Kunden beraten dürfen.“ Statt Klicken und Treffen geht an der Alster nur Klicken und Abholen – bei einem erklärungsbedürftigen Produkt wie Laufschuhen keine ideale Lösung.  Die Folge: „In Hamburg können wir kaum Umsätze machen. Der Rückgang ist dramatisch und existenzgefährdend“, sagt Lunge.

Zwar haben die Brüder im vergangenen Jahr aus der Corona-Hilfe „eine kleine Zahlung“ erhalten. Aktuell werde ihnen die Überbrückungshilfe 3 gezahlt, die Hälfte sei bereits „auf unserem leidgeprüften Konto“ angekommen, berichtet Lunge. Aber „wir benötigen weitere Hilfen, um nicht beim Wareneinkauf eingeschränkt wieder starten zu müssen“, sagt Lunge. 

Der Verkauf über ihren eigenen Webshop kann die ausbleibenden Umsätze nicht ausgleichen. Zwar haben die Brüder zahlreiche Stammkunden. Diese könnten sie im Zweifel auch am Telefon beraten. Hinzu kommt, dass die Lunges die Laufbandanalysen und Daten ihrer Kunden mit deren Einverständnis für die Beratung nutzen. Das bleibe auch für die Zukunft ein wichtiger Teil des Geschäfts. Dennoch tragen die Verkäufe im Webshop weniger als zehn Prozent zum Umsatz bei.

Für die Zukunft wünschen sich die Brüder daher zwei Dinge: „Schadenersatz und freie Bahn, um unser wichtiges Beratungsgeschäft anbieten zu können“, sagt Ulf Lunge. Schließlich führten „abgenuckelte, schiefe und platte Laufschuhe oder die falschen Laufschuhe durch Blindkauf zu schweren Verletzungen - das wünscht man keinem.“

Ein Comeback für den Anzug?

Auch wenn Amazon riesige Umsatzsprünge macht – andere virtuelle Läden kämpfen mit Corona-Folgen, belehrte uns vor einem Jahr Renata dePauli, die 1997 den Mode-Onlineshop Herrenausstatter.de mit Sitz in Garching bei München gründete: „Wir verkaufen verglichen mit 2019 rund 70 Prozent weniger Anzüge. Wer trägt schon ein Sakko im Homeoffice?“

„Die Krawatte ist im freien Flug nach unten“, sagt Renate dePauli. Quelle: PR

Der Rückgang bei Anzügen pendelte sich übers Jahr 2020 hinweg dann bei 50 Prozent ein und „ließ sich mit Casual-Mode gut ausgleichen“, berichtet die 53-Jährige heute. Gleichzeitig befinde sich „die Krawatte im freien Flug nach unten“. Zwar schaffte es Herrenausstatter.de, insgesamt 2020 den Vorjahresumsatz von 2019 wieder zu erreichen – allerdings bei höheren Kosten. Denn der Aufwand steigt und die Marge schmilzt, wenn es darum geht, mehr T-Shirts und andere preiswertere Textilien an den Mann zu bringen. Um 20 Köpfe hat dePauli in den vergangenen Monaten ihre Mann- und Frauschaft dafür auf 250 erweitert.

Nun geht sie davon aus, dass „künftig wieder weniger Männer in der Jogginghose vor dem PC sitzen möchten“. Manche hätten ja wieder Lust aufs Sakko. Andererseits glaubt dePauli, werde der Onlinehandel nach Corona wieder Umsätze an den stationären Handel abgeben: „Die Leute wollen wieder live andere Menschen erleben.“ Und noch einmal andererseits werde es viele Insolvenzen geben unter den kleineren Textilshops und dadurch das „Einkaufserlebnis in den Fußgängerzonen unattraktiver werden“. Was final herauskommt bei dieser „Gemengelage vieler Faktoren“? Die erfahrene Unternehmerin kann das auch nicht vorhersagen. Für sie und viele andere Händler heißt das: Weiter wirtschaften im Blindflug.

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