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Helden contra Corona – Erfahrungsbericht # 36 Zwölf Unternehmer und ihr Corona-Schicksal

Corona hat ihr Geschäft häufig erschüttert. Doch die

Seit einem Jahr porträtiert die WirtschaftsWoche Unternehmer im Kampf gegen die Pandemie. Zwölf „Helden gegen Corona“ ziehen nun Bilanz: Sie berichten über fragmentierte Lebenswerke, üppige Krisengewinne - und erstaunlich viel Zuversicht.

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„Vor einer zweiten Welle habe ich Angst“, sagte Wilfried Hänchen, ein gestandener Großküchenbetreiber aus Dreiskau-Muckern unweit von Leipzig, als die WirtschaftsWoche ihn Mitte Mai 2020 fragte, wie sein Unternehmen durch die Coronakrise kommt. Der Sachse – im Segment Schul- und Kinderspeisung mit 20 Millionen Euro Umsatz die Nummer drei der deutschen Cateringbranche hinter Sodexo und Apetito – fühlte sich damals „wie im falschen Film“. Totenstille in seinen Küchen, 92 Prozent Umsatzausfall, das Geschäftsvolumen „plötzlich auf acht Prozent des Vorjahresniveaus“. 170 der 200 Schulen, Kindergärten, Behindertenwerkstätten und andere Einrichtungen, für die Hänchens 400 Mitarbeiter bis dahin kochten, hatten dichtgemacht. Die restlichen machten Notbetrieb. Sie zu beliefern, war Ehrensache – bloß rentabel war es angesichts der geringen Abnahmemengen bei gleich langen Touren nicht.

Wie steht es nun, ein Jahr später und nach der mittlerweile dritten Welle der Pandemie in Deutschland, um das Unternehmen?

Gefasst auf das Schlimmste erreichen wir Hänchen – und hören durchs Telefon sein kräftiges Stimmorgan in fröhlich sächselnder Frequenz. Die Umsatzverluste des Frühjahrs habe er im Laufe des Jahres 2020 bis auf ein Minus von 15 Prozent ausgleichen können, sagt der Firmenchef zufrieden. Mit Zwölf-Stunden-Arbeitstagen sei es ihm gelungen, zehn neue Kunden zu gewinnen, die täglich 2000 Mahlzeiten brauchen. Wenn es so laufe, habe er trotz seiner Bypässe „einfach Spaß“. Den teilt er sich mit Sohn Mirko, der Ende 2021 die Geschäftsführung übernehmen wird.

Wilfried Hänchen (l.) setzt auf die Zukunft: 2022 werde „ein wahnsinnig tolles Jahr“.

Seine Mannschaft, die angesichts der Herausforderungen verantwortungsvoll und selbstständig agiere, begeistert das Unternehmerurgestein: „Die Leute geben sich so eine Mühe!“ Corona-Hilfen, Kurzarbeit: Voll des Lobes ist Hänchen auch für flexible Behörden, Agentur für Arbeit, „riesengroße Unterstützung vom Staat“ und für die Hausbank. Die half ihm, einen KfW-Kredit über 500.000 Euro zu bekommen: „14 Tage nachdem wir den Antrag gestellt haben, war das Geld da, und der Zinssatz ist moderat.“ Weitere 500.000 Euro brachte Hänchen aus dem eigenen Vermögen ins Unternehmen ein, um sein Lebenswerk vor dem Virus zu retten. Und Hänchen hat auch noch 400.000 Euro investiert, unter anderem in Um- und Ausbau der Gebäude und moderne Verpackungs- und Gargeräte.

2022 werde „ein wahnsinnig tolles Jahr“, prognostiziert der Unternehmer. Dann will er einige kleinere Wettbewerber übernehmen, von denen er ahnt oder schon weiß, dass sie die Krise weniger gut überstehen. Wie hart der Schock für ihn selbst war, wird Hänchen – inzwischen doppelt geimpft – allerdings sein Lebtag nicht vergessen: „Das war eine schlimme Zeit. Ich hatte schlaflose Nächte und richtig Angst, dass wir es nicht schaffen.“

Die WirtschaftsWoche hat nachgefragt bei Mittelständlern, die uns im vergangenen Jahr verrieten, wie die Wirtschaft in den frühen Zeiten der Coronapandemie tickte – unter Prämissen vom damals angenommenen Verlauf der Corona-Infektionen und von prognostizierten wirtschaftlichen Reaktionen, die schnell überholt waren. So ergibt das Recherche-Update vom Mai 2021 ein Puzzle fragmentierter Lebenswerke, üppiger Krisengewinne – und Zuversicht, wo sie nicht zu erwarten ist. Wie bei Wilfried Hänchen.

Retten, was zu retten ist

Anderswo hingegen haben sich Befürchtungen nicht nur realisiert – es kam schlimmer als erwartet. Bei der Buhl-Unternehmensgruppe in Augsburg zum Beispiel. Aktuelle Bestandsaufnahme dort: Seine vor drei Jahren feierlich als „Business Center“ eröffnete Firmenzentrale hat Hermann Buhl vor einigen Wochen verkauft und zurück gemietet. 170 Autos aus seiner Firmenflotte haben seit Mitte 2020 ebenfalls neue Besitzer und werden auch nicht mehr gebraucht. Verkauft hat der 65-Jährige dabei ­immer fünf oder sechs der Fahrzeuge im Paket, um angemessene Preise zu erzielen. Noch gravierender: 25 seiner 53 deutschen Niederlassungen hat Buhl inzwischen dichtgemacht und sich von 3300 seiner zuvor 4200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getrennt. Die Entscheidung bleibt für ihn unumkehrbar: „In die mittleren und kleineren Städte gehen wir nicht mehr zurück, obwohl das Geschäft dort immer profitabel war. Die Investitionen, das noch einmal aufzubauen, wären zu hoch.“

Liquidät sichern, Fixkosten senken, retten was zu retten ist: Buhl fährt sein bis vor 16 Monaten glänzendes Unternehmen, das im Januar 2020 die besten Zahlen in der 33-jährigen Firmengeschichte erreicht hatte, gerade auf die Vitalfunktionen herunter. Die Buhl-Gruppe ist bekannt als Nummer eins im Verleih gastronomischer Fachkräfte für Events in Arenen und Hotels – und im Lockdown folglich maximal getroffen. Das Ergebnis von dreieinhalb Jahrzehnten Lebensleistung sieht Buhl „ausradiert“, zumindest fragmentiert. Dass ihn das quält – keine Frage. Seine Frau habe psychisch aber noch mehr Probleme mit dieser Krise als er selber, berichtet Buhl besorgt.

38 Prozent Eigenkapital hatte die Buhl-Gruppe 2019. „Hätten wir die Erträge früher nicht im Unternehmen gelassen, wären wir heute tot“, sagt Buhl. Von 60 Millionen Euro Jahresumsatz konnte er 2020 ein Drittel retten, weil die von Events unabhängige eigene Jobbörse Studentpartout floriert. Die baut Buhl weiter aus. Aber 2021 wird nicht viel besser als das desaströse Vorjahr. 

„Ab Oktober geht das Geschäft langsam wieder los“, versucht sich der Unternehmer Mut zu machen. Gleichzeitig weiß er: Die Eventbranche wird die letzte sein, die zur vollen Normalität zurückkehrt. Und: „Ein neues Problem werden wir haben, wenn die Aufträge erst einmal kommen“, sagt Buhl. Denn dann muss er aus den leeren Kassen die Einsätze seiner Küchen- und Service-Teams vorfinanzieren, bis die ersten Veranstaltungen vorbei sind und Buhls Auftraggeber die Rechnungen bezahlt haben: „Das wird noch einmal eine ganz kritische Phase.“

Rund 2,6 Millionen kleine und mittlere Unternehmen, schrieb die Förderbank KfW in ihrem Research-Bericht im Februar, haben gegenwärtig mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen, also 68 Prozent des gesamten deutschen Mittelstandes: „Die Auswirkungen der Eindämmungsmaßnahmen - Kontaktverbote, Reisebeschränkungen, Quarantäneverordnungen, angeordnete Geschäftsschließungen, generelles „Abstandhalten“ sowie Kita- oder Schulschließungen - treffen damit etwa 220.000 Unternehmen mehr als im September 2020.“

Aber viele, die der WirtschaftsWoche im vergangenen Jahr von ihren existenziellen Sorgen berichteten, traf es nicht so hart wie erwartet. Obwohl sie Niedergang und Insolvenz fürchteten, kamen die meisten der Corona-Helden besser zurecht als sie es vor einem Jahr erwarteten.

Riffbecken-Aquarium statt Aerosol-Trenner

Florian Schuran etwa. Der Unternehmer aus dem Städtchen Heinsberg nahe der niederländischen Grenze, das vor einem Jahr als erster deutscher Corona-Hotspot Schlagzeilen machte, ist ein gefragter Aquarienbauer für große Hotels und Zoos. Hilfsgelder? Hat er keine beantragt, seine Rückkehr in die geschäftliche Normalität kam schneller als erwartet. Während der ersten Welle hatte Schuran die Produktion umgestellt. Da seine Kunden Projekte verschoben, fertigte er damals statt Aquarienwände aus Kunststoff nun Trennscheiben für Supermarktkassen und Arztpraxen. Die Nachfrage nach den Aerosol-Fängern war hoch. Inzwischen aber widmet sich Schuran schon wieder den Aquarien: Für den Düsseldorfer Aquazoo polierte und schliff er im November und Dezember vergangenen Jahres die Scheiben des Großen Riffbeckens. Bei den Innenscheiben kam auch Druckluft zum Einsatz, einige Male tauchte Schuran selbst ins Becken. Auch andere Hotels und Zoos vergaben wieder Aufträge. Für ein neues Hotel am Timmendorfer Strand baute Schuran ein Thekenaquarium.

Schaukeln, Rutschen, Wippen – kein Einbruch im Spielplatzbau

Kreise, Städte und kommunale Tochterunternehmen investieren trotz des Alarms wegen angespannter Finanzen in ihre Freizeitstätten. Das bestätigt auch Klaus-Peter Gust. Der 61-Jährige war bis Ende April Inhaber des Spielplatzgeräte-Unternehmens SIK-Holzgestaltung, das im brandenburgischen Langenlipsdorf kreative Kinderspielplatzgeräte aus Robinienholz fertigt. Aus einer 1988 gegründeten privaten Hinterhofwerkstatt im DDR-Sozialismus haben Gust und seine Frau Claudia ein international agierendes Unternehmen mit heute 245 Mitarbeitern und 19 Millionen Euro Umsatz gemacht. Im strukturschwachen Süden des Landkreises Teltow-Fläming zählt das Familienunternehmen zu den wichtigen Arbeitgebern und Gewerbesteuerzahlern.

Dass 2020 für SIK das Jahr „mit dem höchsten Umsatz und Ertrag der Firmengeschichte“ würde, war im Frühjahr des Vorjahres nicht zu erwarten. Über 70 Prozent des Umsatzes bringen SIK-Holz Aufträge der öffentlichen Hand, rechnete Gust vor: „Die Probleme der Städte und Gemeinden treffen uns direkt.“ Worst-Case-Szenarien rechnete der Unternehmer im März 2020 durch.

Aber das dritte und vierte Quartal liefen „außerordentlich gut“. Die zwischenzeitlich geschrumpften Lieferzeiten liegen schon wieder bei 14 Wochen ab Bestellung. Zwei Erklärungen hat der Unternehmer dafür. Zum einen seien die Investitionen der Kommunen lange vor Corona beschlossen worden. Die 300.000 Euro etwa für den neuen Spielplatz in ihrem Zoo hatte die Stadt Sassnitz auf Rügen schon 2017 beschlossen. Und an Investitionen etwa in attraktive Spielplätze hielten die Städte und Gemeinden fest, weil sie um Einkommensteuer zahlende Einwohner und um Touristen konkurrierten: „Es machen ja mehr Leute Urlaub in Deutschland. Und dass es besser ist, draußen mit Abstand zu spielen, wird den Menschen auch nach Corona bewusst bleiben.“

Gust konstatiert für sich und den Bundesverband für Spielplatzgeräte- und Freizeitanlagen-Hersteller, in dem er aktiv ist: „Wumms und Bazooka von Finanzminister Scholz haben in unserem Bereich funktioniert.“ Gerade weil es gut läuft, übergaben Gust und seine Frau Anteile und Führung ihres Unternehmens nach 33 Jahren nun an ihre beiden Töchter und den langjährigen Mit-Geschäftsführer Marc Oelker, der SIK künftig steuert. „Mit einem sehr guten Gefühl“ gehen die Gusts in den Ruhestand.

Laufschuh-Händler im Regelwust

Nochmal gut gegangen – das würden die Brüder Ulf und Lars Lunge auch gerne sagen. Aber so weit ist es noch nicht. Gerade erleben die Unternehmer mit ihren Laufschuhläden hautnah, wie unterschiedlich die Regelungen in den Bundesländern aussehen – und welche Folgen das für sie hat. Ihren Shop im Berliner Stadtteil Charlottenburg etwa dürfen die Lunges nach dem Modus „Click & Meet“ plus Schnelltest betreiben.

Für die Zukunft wünschen sich die Brüder Lunge zwei Dinge: „Schadenersatz und freie Bahn, um unser wichtiges Beratungsgeschäft anbieten zu können.“ Quelle: PR

In Hamburg dagegen, wo sie drei große Läden betreiben, herrscht Flaute. „Unsere Verkäufer in Hamburg sind seit 4,5 Monaten in Kurzarbeit“, sagt Ulf Lunge Anfang Mai, „unsere Berater sind alle Wettkampftypen und können nur schwer ertragen, auf der Bank sitzen zu müssen, während Kollegen in Berlin oder die Mitbewerber in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen Kunden beraten dürfen.“ Statt Klicken und Treffen geht an der Alster nur Klicken und Abholen – bei einem erklärungsbedürftigen Produkt wie Laufschuhen keine ideale Lösung.  Die Folge: „In Hamburg können wir kaum Umsätze machen. Der Rückgang ist dramatisch und existenzgefährdend“, sagt Lunge.

Zwar haben die Brüder im vergangenen Jahr aus der Corona-Hilfe „eine kleine Zahlung“ erhalten. Aktuell werde ihnen die Überbrückungshilfe 3 gezahlt, die Hälfte sei bereits „auf unserem leidgeprüften Konto“ angekommen, berichtet Lunge. Aber „wir benötigen weitere Hilfen, um nicht beim Wareneinkauf eingeschränkt wieder starten zu müssen“, sagt Lunge. 

Der Verkauf über ihren eigenen Webshop kann die ausbleibenden Umsätze nicht ausgleichen. Zwar haben die Brüder zahlreiche Stammkunden. Diese könnten sie im Zweifel auch am Telefon beraten. Hinzu kommt, dass die Lunges die Laufbandanalysen und Daten ihrer Kunden mit deren Einverständnis für die Beratung nutzen. Das bleibe auch für die Zukunft ein wichtiger Teil des Geschäfts. Dennoch tragen die Verkäufe im Webshop weniger als zehn Prozent zum Umsatz bei.

Für die Zukunft wünschen sich die Brüder daher zwei Dinge: „Schadenersatz und freie Bahn, um unser wichtiges Beratungsgeschäft anbieten zu können“, sagt Ulf Lunge. Schließlich führten „abgenuckelte, schiefe und platte Laufschuhe oder die falschen Laufschuhe durch Blindkauf zu schweren Verletzungen - das wünscht man keinem.“

Ein Comeback für den Anzug?

Auch wenn Amazon riesige Umsatzsprünge macht – andere virtuelle Läden kämpfen mit Corona-Folgen, belehrte uns vor einem Jahr Renata dePauli, die 1997 den Mode-Onlineshop Herrenausstatter.de mit Sitz in Garching bei München gründete: „Wir verkaufen verglichen mit 2019 rund 70 Prozent weniger Anzüge. Wer trägt schon ein Sakko im Homeoffice?“

„Die Krawatte ist im freien Flug nach unten“, sagt Renate dePauli. Quelle: PR

Der Rückgang bei Anzügen pendelte sich übers Jahr 2020 hinweg dann bei 50 Prozent ein und „ließ sich mit Casual-Mode gut ausgleichen“, berichtet die 53-Jährige heute. Gleichzeitig befinde sich „die Krawatte im freien Flug nach unten“. Zwar schaffte es Herrenausstatter.de, insgesamt 2020 den Vorjahresumsatz von 2019 wieder zu erreichen – allerdings bei höheren Kosten. Denn der Aufwand steigt und die Marge schmilzt, wenn es darum geht, mehr T-Shirts und andere preiswertere Textilien an den Mann zu bringen. Um 20 Köpfe hat dePauli in den vergangenen Monaten ihre Mann- und Frauschaft dafür auf 250 erweitert.

Nun geht sie davon aus, dass „künftig wieder weniger Männer in der Jogginghose vor dem PC sitzen möchten“. Manche hätten ja wieder Lust aufs Sakko. Andererseits glaubt dePauli, werde der Onlinehandel nach Corona wieder Umsätze an den stationären Handel abgeben: „Die Leute wollen wieder live andere Menschen erleben.“ Und noch einmal andererseits werde es viele Insolvenzen geben unter den kleineren Textilshops und dadurch das „Einkaufserlebnis in den Fußgängerzonen unattraktiver werden“. Was final herauskommt bei dieser „Gemengelage vieler Faktoren“? Die erfahrene Unternehmerin kann das auch nicht vorhersagen. Für sie und viele andere Händler heißt das: Weiter wirtschaften im Blindflug.

In Terrassen investiert, Gänse storniert

Burghard und Sascha Bannier hingegen ahnen, was kommt. Die beiden sind Inhaber des Flair Hotel Deutsches Haus am Arendsee in Sachsen-Anhalt und haben ihr Hotel-Restaurant im Lockdown neben anderen Renovierungen und Investitionen um zwei zusätzliche Terrassen erweitert. „Terrasse brauche ich immer“, weiß der Senior-Chef – und im bevorstehenden Sommer ganz besonders, weil das Bewirten in den Gasträumen anderen Restriktionen unterliegen dürfte als die Outdoor-Gastronomie: „Wenn wir wieder öffnen können, dann zuerst im Außenbereich.“ Aber auch dort werden voraussichtlich Abstandsregeln gelten, so dass auf derselben Fläche weniger Tische und Stühle stehen als bisher.

Die Ausbauflächen mussten die Banniers „vom Parkplatz abknapsen“. Das Geld für die Maßnahme war „quasi  geschenkt“, denn Terrasse und Überdachung wurden komplett aus dem Corona-Bundespaket 3 bezahlt, das unter anderem die Erweiterung von Außenflächen fördert. 25.000 Euro waren das – die Hotelierfamilie hat die Baumaßnahmen nur vorfinanziert. Künftig können die Banniers an der frischen Luft trotz Abstandsregel nicht mehr 60, sondern 80 Gäste bewirten.

Das tröstet ein wenig darüber hinweg, dass das „Deutsche Haus“ nach einem guten Sommergeschäft 2020 im Oktober wieder schließen musste und seitdem allenfalls Geschäftsreisende beherbergen und verköstigen darf. Dabei waren für den Herbst 1000 Gänse bestellt. Nur 300 davon haben die Banniers den Bauern tatsächlich abgenommen. Was die Landwirte mit den anderen 700 Gänsen gemacht haben, weiß Burghard Bannier nicht. Man kann sich die unerfreulichen Gespräche aber vorstellen. Bei aller Zuversicht und Cleverness gibt der Unternehmer zu: „Nervlich geht die ganze Situation an die Substanz.“

Keine Sorgen in der Manufaktur und im Fahrradshop

So findig musste Nicole Willig-Pachaly nicht sein. Mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einem Mitarbeiter fertigt sie im niedersächsischen Neustadt am Rübenberge spezielle Hobel für den Oboe- und Fagottrohr-Bau, die in alle Welt verschickt werden. Die heutige Firmenchefin hat 2014 das kleine Unternehmen vom inzwischen verstorbenen Gründer Kunibert Michel übernommen, unter dessen Namen und Marke es bis heute firmiert.

Brach das vom Musizieren abhängige Geschäft des „Michel-Teams“ angesichts geschlossener Konzerthäuser nicht ein? Tat es nicht, sagt die Handwerkerin: „Wir haben von Corona geschäftlich nichts wirklich gemerkt.“ Das spricht einerseits für Ruf und Qualität des Produkts. Andererseits „üben Musikstudenten und fertige Oboisten vermutlich nicht weniger als sonst“,  mutmaßt Willig-Pachaly – nur zu Hause und in virtuellen Lehrstunden.

Unbeschadet durch die Krise: Nicole Willig-Pachaly fertigt spezielle Musikinstrumente und sagt: „Musikstudenten und fertige Oboisten üben vermutlich nicht weniger als sonst.“ Quelle: PR

Noch besser geht es Markus Storck. Der  Chef und Inhaber des Fahrradherstellers Storck aus Idstein im Taunus gehört zu den Profiteuren der Coronakrise. „Die Menschen haben in der Coronakrise das Fahrrad für sich entdeckt“, sagt der 56-Jährige. So richtig profitieren kann der Unternehmer vom Zweiradboom aber erst in diesem Jahr.

2020 habe sich die Produktion bei den Zulieferern unter anderem durch Werksschließungen aufgrund der weltweit unterschiedlichen Verbreitung der Corona-Pandemie reduziert. Erwartete Lieferungen trafen nicht ein. „Im vergangenen Jahr konnten wir den Grip noch nicht auf die Straße bringen“, sagt der Unternehmer.

Nach einem moderaten Umsatzplus 2020 läuft es nun richtig rund: „Im ersten Quartal verzeichnen wir ein Umsatzplus von fast 300 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, sagt der Unternehmer. Die Kunden lernen die Marke schätzen, das Konzept „D2C“ ("Direct to Consumer"), also vom Hersteller direkt zum Kunden, gehe auf, sagt Storck. Für ihn zahlt es sich nun aus, dass er bereits vor einigen Jahren verstärkt auf den Vertrieb über den eigenen Webshop gesetzt hat. Pro Monat registriert der Unternehmer derzeit 120.000 bis 150.000 Besucher auf der Homepage. Zu den Verkaufsschlagern zählen unter anderem Rennräder, aber auch E-Bikes.

Wegen der hohen Nachfrage müssen sich die Kunden allerdings teils auch auf längere Lieferzeiten einstellen. Laut Storck gibt es Bestellungen, die erst im dritten oder vierten Quartal ausgeliefert werden könnten. „Die Nachfrage wird sich dieses Jahr noch weiter steigern“, sagt der Unternehmer, und ist überzeugt: „Radfahren macht süchtig.“

Ein Glasfaserverleger, den gelockdownte Behörden ausbremsen

Zu den Optimisten gehört eigentlich auch Florian Arens. Eigentlich. Für den geschäftsführenden Gesellschafter der Stuttgarter Econtech GmbH, einer Firma, die das Land mittels Glasfaserleitungen mit schnellem Internet versorgt, war 2020 „trotz allem ein gutes Jahr“. Arens stellte im vergangenen Jahr zu seinen bis dahin 35 Angestellten fünf weitere Mitarbeiter neu ein. Econtech schaffte eine Verdoppelung des Umsatzes auf einen mittleren, einstelligen Millionenbetrag. Probleme gibt es trotzdem, sagt Arens: „Jetzt merken wir langsam was passiert, wenn der Staat der beste Unternehmer sein möchte.“

Mit dem Staat macht der 41-Jährige Geschäfte. Seine Auftraggeber sind neben Netzbetreibern vor allem Zweckverbände und Kommunen. Das Hauptproblem für Econtech: Die Genehmigungsbehörden seien „untergetaucht“, wie Arens das nennt. „Die sind es offenbar nicht gewohnt, aus dem Homeoffice zu arbeiten. Es dauert einfach deutlich länger, die sind einfach nicht verfügbar.“ Das hatte er bereits im ersten Lockdown im April 2020 festgestellt; offenbar hat sich daran in den vergangenen zwölf Monaten wenig geändert.

Es komme in der Folge zu langsameren Genehmigungen und auch zu verzögerten Zahlungen. Zudem kommen nun auch weniger Projekte auf den Markt, berichtet Arens. Gleichzeitig aber mache ihm der Staat mehr und mehr Vorschriften (Homeoffice-Pflicht, Testpflicht, Quarantäne-Regeln), was ihm die Abwicklung von Projekten „leider teilweise extrem erschwert“. Er sagt: „Ich bin als Unternehmer versucht, viele Bälle in der Luft zu halten. Aber der Staat gibt einem immer noch mehr Bälle in die Hand – und stellt noch ein Bein. Irgendwann ist halt mal gut.“

Durch die staatlichen Vorschriften werde ihm die Arbeit „leider teilweise extrem erschwert“: Econtech-Chef Florian Arens.

In der Konsequenz hat Arens nun beschlossen, eine geplante Expansion zunächst einmal zurückzustellen. „Wir investieren weniger in den Aufbau von Maschinen und Personal. Und das bedeutet auch: Der Glasfaserausbau wird zurückgefahren. Dann dauert es noch länger bis der erwartete Glasfaseranschluss montiert wird, er kommt nicht in zwei Jahren, sondern erst in vier Jahren.“ Arens hat zwar kürzlich erst im südlichen Schwarzwald für seine Firma eine zusätzliche Immobilie gekauft, aber die Entscheidung darüber hatte er bereits im Juli 2020 getroffen. „Heute würde ich nicht mehr so entscheiden.“

Ein anderes Problem aus dem ersten Lockdown hat sich für Arens hingegen gelöst: Seine Monteure, die auf Baustellen in oftmals ländlichen Gegenden unterwegs sind, standen im Frühjahr 2020 vor der Herausforderung, Hotelzimmer beziehen zu dürfen. Das sei mittlerweile keine Schwierigkeit mehr, berichtet Arens. Sein Fazit: „Uns geht es schon noch relativ gut. Aber die Angestrengtheit als Unternehmer, mit zwei kleinen Kindern zu Hause, ohne Erholungsmöglichkeit, mit schwindendem sozialen Zusammenhalt – das ist echt schwierig.“ Der Staat, schließt er, solle „wieder ein paar Schritte zurücktreten und die Leute endlich mal wieder in Ruhe arbeiten lassen.“

Kurse statt Kreuzfahrt 

Besser als vor einem Jahr läuft es auch bei Thomas Tibroni – allerdings nicht in seinem Hauptgeschäft, sondern weil er in der Not auf ein zweites Feld setzte und dabei einen boomenden Markt erwischt: Fernstudien. Hier betreibt der Kölner mit seinen Geschäftsführungskollegen Jörn Michelsen und Fabian Siegberg die Vergleichsportale Fernstudiumcheck.de und Studycheck.de. Das Trio kann sich über ein Wachstum von rund einem Drittel pro Jahr freuen. „In der aktuell unsicheren Lage ist für viele Menschen Weiterbildung wichtiger denn je“, sagt Tibroni. „Und im Homeoffice ist das deutlich leichter als zuvor.“
Das gilt umso mehr in der zweiten und dritten Corona-Welle: Die Zahl der Angebote hat kräftig zugenommen – und damit auch der Beratungsbedarf durch Fernstudiumcheck.de und Studycheck.de. „Erst jetzt ist wirklich allen Bildungseinrichtungen klar, dass sie in großem Umfang Alternativen zum Präsenzunterricht bieten müssen“, so Tibroni.
Geplant hatten die drei Kölner das mal ganz anders. Mit ihrem Vermittlungsportal Meravando setzten sie auf den Boom bei nachhaltigen Kreuzfahrten. Das lief auch gut an, bis der Markt im Februar 2020 innerhalb weniger Tage kollabierte. In der ersten Phase von Corona schlossen immer mehr Länder ihre Häfen. Alle Reedereien mussten ihre Touren absagen. Also schwenkte Meravando um. Die drei Geschäftsführer fuhren die Seite auf ein Minimum runter. Die Computer-Server und die Entwickler arbeiten seitdem für die Bildungsseite. Und weil das Kreuzfahrtportal als fast reiner Digitalbetrieb keine großen Räume, Maschinen oder viele Mitarbeiter braucht, sind die Kosten niedrig. So niedrig, dass Tibroni seit November nicht mal staatliche Hilfen beantragt hat.
In dem Minimalbetrieb arbeitet Meravando heute noch. Denn auch wenn die Reedereien immer wieder neue Touren angesetzt haben, in der Regel mussten die bislang alle abgesagt werden. Die wenigen Reisen, die stattfanden, wie etwa die vom TUI-Konzern angesetzten „Blue Cruises“, bei denen die Ozeanriesen eine Woche über die Meere fuhren ohne unterwegs in einen Hafen einzulaufen, brachten Meravando kein Neugeschäft. „Das passt nicht zu unserer Klientel, denen es nicht nur um die Schiffe, sondern mehr um die Stopps mit den Ausflügen geht“, so Tibroni.
Aufgeben wollen er und seine Kollegen das Kreuzfahrtgeschäft aber nicht. Die Buchungsmaschine ist weiterhin online und nimmt Reservierungen an – wenn auch recht wenige und vor allem für das kommende Jahr. „Doch sobald die Häfen wieder öffnen und das Geschäft Fahrt aufnimmt, sind wir innerhalb von einer Woche wieder in alter Stärke unterwegs“, so Tibroni.

Preis-Gezerre um einen kultigen Pfefferminzlikör

Auch Erlfried Baatz hat nur Probleme, um die ihn andere beneiden. Der geschäftsführende Gesellschafter des Berliner Spirituosenherstellers Schilkin schaut auf die Fotowand in seinem Büro und sagt wehmütig: „Normalerweise bekomme ich jeden Tag fünf bis sechs Fotos von Feiern, Volksfesten oder aus Diskotheken mit unseren Getränken oder Werbeartikeln zugeschickt. Das vermisse ich.“ Die Schilkin-Marke „Berliner Luft“, ein Pfefferminzlikör, ist in Deutschland über die Jahre zum Kult geworden.

Andere Auswirkungen auf Baatz´ Geschäft hat die Pandemie kaum. „Der Außer-Haus-Verkauf ist zwar durch die Schließung der Gastronomie sowie der Diskotheken infolge der Corona-Maßnahmen eingebrochen“, sagt Baatz. „Doch wir konnten den Absatzrückgang größtenteils durch den Lebensmitteleinzelhandel kompensieren.“

So hat Schilkin die Preise für seine Spirituosen zu Jahresbeginn erhöht. Doch nicht alle Händler wollen das mittragen, sagt der Unternehmer. Die Folge: Der Spirituosenhersteller beliefert einige Supermarktketten aktuell nicht. „Man hat mit uns immer gutes Geld verdient“, sagt Baatz. Doch die Preise müssten auch für sein Unternehmen vertretbar bleiben. Er rechnet damit, dass das Gezerre um den Preis noch eine Weile andauern werde. „Wir bleiben aber gesprächsbereit“, signalisiert er.



Vorgesorgt hat der Berliner für den Fall, dass Corona-infizierte Mitarbeiter Quarantäne auslösen und die Produktion lahmlegen könnte. Eine gesamte Monatsproduktion hat Baatz deshalb zusätzlich einlagern lassen, um im Notfall lieferfähig zu bleiben.

Viele Unternehmerinnen und Unternehmer aber dürften nach der irgendwann überstandenen Corona-Krise bei künftigen Herausforderungen wie der sächsische Catering-Unternehmer Wilfried Hänchen sagen: „Ich habe wohl zu viel erlebt, um nun fassungslos zu sein.“

Mehr zum Thema: Mal entwickeln sich Umsätze anders als geplant, die IT-Probleme sind größer als erwartet oder Fachkräfte Mangelware. Die WirtschaftsWoche porträtiert jede Woche einen Mittelständler, der eine Herausforderung kreativ, mutig und klug gemeistert hat. Hier geht es zu den Helden des Jahres 2021.

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