Herr Babiš kauft ein Tschechiens Finanzminister kauft halb Wittenberg

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Gekreuzte Wege von Babiš und Wittenberg

Um die Statue Luthers am Wittenberger Marktplatz wird das Gedränge und Geschiebe unter den Touristen an dessen Gedenktag immer dichter. An der Häuserzeile mit den beiden renovierten Häusern von Babiš schieben sich die Massen vorbei und schielen neugierig durch die Schaufenster in das erleuchtete Haus. Über drei Stockwerke hat Babiš hier das sogenannte Science-Center errichten lassen. Es ist ein Museum über Chemie im Agrarbereich und soll subtil die Marke des heimischen Chemieparks stärken. Drei Millionen Euro hat Babiš in die multimedialen Schaustücke gesteckt. Zugleich ist Babiš mit dieser Investition in die Mitte Wittenbergs gerückt.

Diese Investmentlegenden sollten Anleger kennen
Benjamin Graham (1894 - 1976) Graham wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, nachdem seine verwitwete Mutter alles Hab und Gut durch Aktienspekulationen verloren hatte. Der Ausnahmeschüler schloss bereits mit 20 Jahren sein Studium ab und arbeitete anschließend an der Wall Street, wo auch die New Yorker Börse beheimatet ist. Später lehrte er an der Columbia University Wirtschaftswissenschaften. Sein Buch
André Kostolany Quelle: dpa/dpaweb
Warren Buffett Quelle: REUTERS
George Soros Quelle: dpa
Jens Ehrhardt Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör steht im wehenden Mantel vor dem Museum und spricht deutlich aus, was dieses Museum für die Beziehung zwischen der Stadt und ihrem reichen Gönner bedeutet: „Mit dem Museum am Marktplatz ist Herr Babiš in die gute Stube der Stadt gerückt.“ Allzu kritische Töne pflegt man in der „guten Stube“ offenbar nicht. Zwar moniert Wittenbergs Oberbürgermeister, dass er das Museum partout nicht vor der Eröffnung sehen durfte, und bemängelt die „nicht immer gegebene Transparenz“. Doch das ist nur ein Nebensatz in der Hymne auf Babiš’ Investitionen und sein soziales Engagement in Wittenberg. Ministerpräsident Haseloff ist an möglichen Interessenkonflikten von Babiš offenbar gar nicht interessiert. Danach gefragt, antwortet er: „Herr Babiš ist ein erfolgreicher Unternehmer, der in Wittenberg Einmaliges leistet.“

Der Grund, warum Babiš in Wittenberg so hofiert wird, ist in der Geschichte der Lutherstadt zu suchen. Der Mauerfall traf Wittenberg wie so viele Städte im Osten fundamental. Die maroden Betriebe waren nicht konkurrenzfähig und zogen kaum Investoren an. Weil Berlin keine Stunde mit dem Zug entfernt liegt, lag die Landflucht ohnehin näher als die kargen Aussichten in der Kleinstadt. Doch während Wittenberg nach 1989 in Schockstarre verharrte, legte Babiš in Tschechien inmitten der Trümmer des Kommunismus eine atemberaubende Karriere als Kapitalist hin. 1993 gründete Babiš mit einem Kollegen den Düngemittellieferanten Agrofert, der damals gerade eine Handvoll Mitarbeiter zählte. Heute beschäftigt sein Konzern rund 34.000 Mitarbeiter und umfasst die gesamte Lieferkette von der Saat bis zum fertigen Brotlaib. Weil seinem Konzern Anfang der 2000er-Jahre noch ein Ammoniakwerk fehlte, griff Babiš dort zu, wo andere nur Verluste sahen: im Chemiepark von Wittenbergs Stadtteil Piesteritz. 2002 übernahm Babiš die Stickstoffwerke in dem Chemiepark (SKW Piesteritz). Seitdem sind die Wege von Babiš und Wittenberg eng miteinander verknüpft.

Welche Familien in Deutschland die Macht haben
Rang 20: Liebherr InternationalBranche: Nutzfahrzeuge Umsatz 2015: 9,2 Milliarden Euro Beschäftigte 2015: 41.500 Über die Dachgesellschaft kontrolliert die Familie Liebherr das Firmenimperium, das unter anderem Baufahrzeuge, Kräne, Verkehrstechnik, Hausgeräte und Hotels umfasst. Quelle: FAZ, Unternehmen Quelle: dpa
Rang 19: MaxingvestBranche: Nahrung und Genuss Umsatz 2015: 10,1 Milliarden Euro Beschäftigte 2015: 30.000 Unter dem Dach der Maxingvest sind der Kaffeehändler Tchibo und der Nivea-Hersteller Beiersdorf vereint. Kontrolliert wird die Holding von der Hamburger Unternehmerfamilie Herz. Quelle: AP
Rang 18: WürthBranche: Befestigungstechnik Umsatz 2015: 11,0 Milliarden Euro Beschäftigte 2015: 69.000 Als Schraubenkonzern ist Würth vielen bekannt. Dabei hat sich der Konzern unter Reinhold Würth, Sohn des Firmengründers Adolf Würth, zu einem weltweiten Großhandel mit Befestigungs- und Montagetechnik entwickelt. Sitz des Unternehmens ist Künzelsau bei Stuttgart. Quelle: dapd
Rang 17: Marquard & BahlsBranche: Mineralölhandel Umsatz 2015: 11,1 Milliarden Euro Beschäftigte 2015: 8.700 Zu den Geschäftsbereichen des Konzerns gehören der Mineralölhandel, die Flugzeugbetankung – aber auch die erneuerbaren Energien. Sitz des Familienunternehmens ist in Hamburg. Quelle: dpa/dpaweb
Rang 16: MahleBranche: Autozulieferer Umsatz: 11,5 Milliarden Euro Beschäftigte: 75.600 Der Autozulieferer aus Stuttgart blickt auf eine fast 100-jährige Unternehmensgeschichte zurück und zählt heute zu den größten Firmen der Branche. Der Konzern ist zu 99,9 Prozent im Besitz der Mahle-Familienstiftung. Quelle: dpa
Rang 15: OttoBranche: Handel Umsatz 2015: 12,1 Milliarden Euro Beschäftigte 2015: 49.600 Hinter Amazon ist Otto einer der größten Onlinehändler weltweit. Vom Internetverkauf profitiert der traditionelle Versandhändler so stark, dass die diversen Web-Shops in den vergangenen Jahr stark gewachsen sind. Quelle: dpa
Rang 14: Oetker-GruppeBranche: Mischkonzern Umsatz 2015: 12,2 Milliarden Euro Beschäftigte 2015: 30.800 Zur Oetker-Gruppe mit Firmensitz in Bielefeld gehören rund 400 Unternehmen. Oetker ist unter anderem in den Bereichen Lebensmittel (Dr. Oetker GmbH), Bier (Radeberger), Sekt und Wein (Henkell), Schifffahrt (Hamburg Süd) und dem Bankwesen (Bankhaus Lampe) tätig. Quelle: dpa

Fährt man vom Wittenberger Marktplatz gen Westen, stößt man im Stadtteil Piesteritz unausweichlich an einen markanten blauen Zaun. „Alles hinter dem Zaun ist Babiš-Land“, sagt SKW-Chef Rüdiger Geserick. Geserick steht in der obersten Reihe eines Vorlesungssaales im Ausbildungstrakt des Werksgeländes und zeigt durch das Fenster auf die Werksteile. Links steht das Medicum genannte Ärztecenter samt Fitnessbereich. Unter dem Fenster schaufeln die Bagger gerade das Fundament für die neue Kita. Und rechts spannt sich ein grüner Zaun um die neue Brotfabrik von Lieken, die gerade fertig gestellt wird.

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