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Höhere Kreditkosten Mittelstand leidet unter Bankenregulierung

Die Politik will die Banken kontrollieren. Doch wenn die Geldinstitute mehr Eigenkapital vorweisen müssen, verteuern sich die Kreditkosten für die Unternehmen. Besonders kleine Firmen müssen dann höhere Zinsen fürchten.

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Die Regulierung trifft nicht nur die Banken, sondern auch den Mittelstand. Quelle: dpa

Düsseldorf Es war in guter Absicht: Nach der Immobilien- und Bankenkrise haben die 20 großen Industriestaaten und die EU-Kommission zwei Dutzend neue Vorschriften auf den Weg gebracht. Alle verfolgen das Ziel, eine Wiederholung der Finanzkrise von 2008, als die Investmentbank Lehman pleiteging, zu verhindern. Die Regierungen wollen Banken kontrollieren und sie zwingen, mehr Eigenkapital vorzuhalten.

Nicht bedacht haben die Politiker vermutlich, dass andere die Rechnung bezahlen müssen. Denn Leidtragende sind die Konsumenten und Unternehmen, denen die Banken die künftigen Mehrkosten weiterreichen werden.

Die Auswirkungen der Regulierung sind gravierend. Das zeigt eine dem Handelsblatt exklusiv vorliegende Untersuchung von Christoph Kaserer, Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der Technischen Universität München, in Zusammenarbeit mit der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw).

Das Ergebnis: Eigen- und Fremdkapitalfinanzierungen werden sich verteuern, die Kreditkosten werden steigen.

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    Wenn sich die Finanzinstitute verpflichten, künftig höhere Eigenkapitalquoten und Liquiditätspolster auszuweisen, dürften sich laut Studie die Refinanzierungskosten für die europäischen Banken im Durchschnitt um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte erhöhen. Dabei unterstellt Kaserer, dass die Banken eine Kernkapitalquote von elf bis 14,5 Prozent vorhalten. Weiterer Bedarf entsteht aus dem neuen Restrukturierungsgesetz, wonach alle Kreditinstitute jährlich ihren Obolus in einen Krisenfonds einzahlen müssen. Das dürfte die Firmen weitere 0,3 Prozentpunkte kosten.

    „Allein aus diesen beiden Initiativen werden den Unternehmen jährlich rund fünf Milliarden Euro zusätzliche Kreditkosten entstehen“, sagt Kaserer. Dabei unterstellt er ein Gesamtvolumen an inländischen Unternehmenskrediten von rund einer halben Billion Euro. Diese Zahl lässt sich aus der Bundesbank-Statistik über die Kredite aller inländischen Firmen errechnen. Dabei sind Darlehen aller Selbstständigen und Hypothekenkredite nicht einbezogen.

    Die zwei Neuregelungen sind Kern der Regulierung der Finanzmärkte. Doch es gibt 20 weitere Vorhaben, um die Banken stärker an den Risiken zu beteiligen. Dazu gehören höhere Einlagensicherungen, die Finanztransaktionssteuer und die europäische Aufsichtsbehörde. Ziel ist es, die Finanzmärkte zu stabilisieren, den Schutz der Anleger zu verbessern und die öffentlichen Haushalte zu entlasten, indem der Staat in neuen Krisen in ferner Zukunft nicht mehr für systemrelevante Finanzinstitute haften muss.


    Kleine Unternehmen sind stärker von Banken abhängig

    Die Kosten all dieser Regulierungen tragen zwar zunächst die Banken selbst. Einen Großteil werden sie aber auf ihre Kunden abwälzen, indem sie die Kreditzinsen erhöhen. „Viele Kostensteigerungseffekte lassen sich aber nicht seriös mit einem Preisschild versehen“, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Die Gesamtbelastung lässt sich schwer vorhersagen.

    Sicher ist aber, dass mittelständische und oft familiendominierte Firmen stärker unter Druck geraten als Großkonzerne. Nicht weil sie mehr Kredite benötigen, sondern weil sie stärker von den Banken abhängig sind. Börsennotierte Konzerne beschaffen sich Kapital an den Anleihemärkten oder durch die Ausgabe neuer Aktien.

    Unternehmen mit guter Bonität wie BASF zahlen zurzeit für mehrjährige Schuldtitel weniger als zwei Prozent Zinsen pro Jahr - Tendenz fallend. Mit solchen günstigen Sätzen kommen sogar die hochverschuldeten Autohersteller VW, Daimler und BMW davon. Sie profitieren davon, dass immer mehr Geld an die Finanzmärkte und immer weniger davon in Anleihen der angeschlagenen Schuldenstaaten fließt.

    Nutznießer dieser Entwicklung sind aber nur die großen Unternehmen. Hochverschuldete Firmen wie Air Berlin und Solarworld müssen zehn und mehr Prozent Zinsen bieten, wenn sie Anleihen herausgeben. Für viele solide, mittelständische Firmen kommen Anleihen kaum infrage, weil sie ihre Geschäftszahlen nicht offenlegen und über keine Bonität bei den Ratingagenturen verfügen. Ihnen bleibt nur die Hausbank.

    „Mehr Eigenkapital, weniger Fremdkapital, ist folglich eine denkbare Antwort der Unternehmen auf die Entwicklung“, sagt Brossardt. Was bedeutet, dass sich die Firmen unabhängig machen, indem sie mehr Kapital vorhalten und sich weniger verschulden.

    Das heißt aber auch: weniger Forschung und Entwicklung, weniger neue Maschinen, Werkshallen und Mitarbeiter. „Wer viel investiert und dafür ins Risiko geht und Kapital in die Hand nimmt, gerät durch die Bankenregulierung am stärksten unter Druck“, warnt Studienautor Kaserer vor einer investitionsfeindlichen Entwicklung.

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