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Immer wieder innovativ Findige Mittelständler erfinden Alltagsprodukte neu

Kfz-Kennzeichen, Rasierpinsel oder Hundeleinen – deutsche Mittelständler sind nicht nur in High-Tech-Branchen spitze, sie holen auch aus simplen Produkten des täglichen Bedarfs immer wieder etwas Neues heraus.

Helmut Jungbluth Quelle: Klaus Weddig für WirtschaftsWoche

Irgend etwas gibt es immer zu verbessern. Für die meisten Autofahrer ist etwa ein Nummernschild nur ein gestanztes Stück Metall oder Kunststoff. Nicht so bei Utsch, dem Weltmarktführer für Kfz-Kennzeichen aus Nordrhein-Westfalen: Dessen Leute tüfteln zum Beispiel an fälschungssicheren UV-Markern, um Manipulationen am Schild zu verhindern.

Ein Parkticket ist auch nicht bloß ein Stück Papier. Der ebenfalls nordrhein-westfälische Hersteller Nagels experimentiert mit Funketiketten, um Autofahrern die Ausfahrt aus dem Parkhaus zu erleichtern. Dabei wird das Ticket in der Jackentasche automatisch gescannt.

Und der schleswig-holsteinische Unternehmer Manfred Bogdahn hat Hundeleinen einen pfiffigen Zusatznutzen verpasst: Künftig leuchten sie Herrchen und Hund beim abendlichen Gassigang den Weg aus.

Typisch deutsche Mittelständler – sie holen selbst aus einfachsten Produkten noch etwas Neues heraus. Sie sind nicht nur bei Maschinen Weltspitze, sondern auch mit simplen Alltagsprodukten. Utsch, Nagels und Flexi Bogdahn etwa glänzen weltweit als Nummer eins in ihren Nischen. Auch bei Rasierpinseln, Wurstpellenclips, Schnupftabak, Honigfliegenfängern, Reißverschlüssen oder Einkaufswagen spielen deutsche Mittelständler vorne mit.

Die spektakulärsten Spezialisten
1,97 Milliarden Euro Umsatz, 12 320 Mitarbeiter, in 160 Länder aktiv: Der Motorsägen-Weltmarktführer Stihl trotzt den Rückschlägen in Südeuropa und setzt seinen Wachstumskurs weiter fort. In den ersten acht Monaten dieses Jahres steigerte Stihl seine Erlöse gleich um 7,9 Prozent. Ein Drittel aller Motorsägen weltweit vertreibt Stihl nach eigenen Angaben und diese weltweite Präsenz hat dabei geholfen, die regionalen Einbußen in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland abzufedern. Im vergangenem Jahr ging es dem Weltmarktführer aus Waiblingen auch sehr gut: Er machte ein sattes Rekordumsatzplus von 10,8 Prozent. Für 2012 rechnet Stihl mit einem etwas schwächeren Wachstum von "nur" 5 bis 10 Prozent. Quelle: dpa
Pisten plätten und Halfpipes formen, eine Pistenraupe muss für alles gerüstet sein. In der Umgangssprache heißen die Maschinen "Pistenbully". So, wie das Produkt der Kässbohrer Geländefahrzeug AG. Mit den unverkennbar roten Pistenraupen ist das Unternehmen zum Weltmarktführer aufgestiegen. Vorher stellte es Reisbusse und LKW-Anhänger her. Quelle: Presse
Nicht nur bei Kindern beliebt, auch auf Musikfestivals ein Renner: die "Pustefix"-Seifenblasen der Firma Hein aus Tübingen. In mehr als 50 Ländern gibt es das Produkt zu kaufen. Besonders Amerikaner und Japaner stehen auf die bunten Blasen aus Deutschland. Quelle: REUTERS
Roll-Leinen für Hunde kommen von Flexi. 1972 entwarf die Firma den Prototyp aus Holz. Heute gibt es auch Luxusmodelle mit Swarovski-Kristallen. Produziert wird nach Unternehmensangaben ausschließlich in Deutschland, verkauft in 90 Ländern weltweit. Quelle: dpa
Blick in die Tiefe: In einer Übung seilen sich Feuerwehrmänner am Hochhaus "Taipei 101" ab. Die Fassade für das 508 Meter hohe Gebäude in Taiwans Hauptstadt Taipeh hat der deutsche Spezialist Gartner gefertigt. Nur eines von vielen Großprojekten; auch in Dubai, London, New York und München stehen Glasfassaden von Gartner. Quelle: AP
Edles Ambiente im Bundeskanzleramt. Gespeist wird hier mit feinstem Silber. Das Besteck liefert die Silbermanufaktur Robbe und Berking aus Flensburg. 1874 gegründet, hat die Firma international einen Marktanteil von 40 Prozent erreicht. Ein Viererset (Gabel, Messer, Ess- und Kaffeelöffel) ihres Besteck Modells "Dante" aus dem Bundeskanzleramt kostet 575 Euro in 925er Sterling Silber oder 283 Euro mit 150 Gramm Massiv-Versilberung. Quelle: dpa
Der Prothesenhersteller Otto Bock Healthcare ist offizieller Ausrüster der Paralympics in London. Für Rollstühle, Arm- und Fußprothese und viele weitere Hilfsmittel gibt es technische Unterstützung. Als Weltmarktführer fördert Otto Bock auch die Athleten des Deutschen Behindertensportverbands. 400-Meter-Sprinter Oscar Pistorius, der schon bei den Olympischen Spielen gestartet war, setzt dagegen auf Prothesen vom isländischen Konkurrenten Össur. Quelle: dapd

Die gleichen Strategien wie erfolgreiche Maschinenbauer

Die Alltags-Champions setzen auf die gleichen Strategien wie erfolgreiche Maschinenbauer. „Entscheidend sind die Konzentration auf die Nische, ein weltweiter Vertrieb und eine effiziente Produktion“, sagt Bernd Venohr, Münchner Unternehmensberater und Wirtschaftsprofessor. „Vor allem ist die ständige Innovation bei Produkten und Abläufen entscheidend für den Erfolg.“ Diese Erfolgsfaktoren nennt Venohr die „deutsche DNA“. Sechs Beispiele zeigen, wie der Gencode funktioniert.

2008. Der Irak ist noch von den Amerikanern besetzt, der Bürgerkrieg tobt, Autobomben detonieren, kaum ein deutsches Unternehmen traut sich nach Bagdad. Doch Helmut Jungbluth schließt mit dem irakischen Innenministerium einen Vertrag in Höhe von zwölf Millionen Dollar ab.

Jungbluth leitet Utsch, Weltmarktführer für Kfz-Kennzeichen. Jedes zweite Auto auf Deutschlands Straßen ist mit einem Nummernschild des globalen Mittelständlers aus Siegen unterwegs.

Sichere Kennzeichen

Auch im Irak, wo Selbstmordattentäter ihre Bomben oft in gestohlenen Fahrzeugen zünden, konnte Jungbluth mit seinen fälschungssicheren Kennzeichen überzeugen. Ähnlich war die Situation in Sri Lanka. Utsch ist geschickt darin, in schwierige Märkte vorzustoßen. Als Marktöffner dienen lokale Partnerunternehmen, die branchenerfahren sind und ihren eigenen nationalen Markt bestens kennen.

Die Schilder aus dem Siegerland enthalten holografische Heißprägefolien, Wasserzeichen, gelaserte Seriennummern oder UV-Marker. All dies hat der 1961 gegründete Hersteller selbst entwickelt und damit Standards gesetzt. Beispiel UV-Marker: Das Schild wird mit speziellen Sicherheitsschrauben befestigt. Mit einer UV-Lampe lässt sich feststellen, ob an den Schrauben manipuliert wurde.

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