WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Industriestandort Wird Indien das neue China?

Seite 3/3

Kaum zu bremsenden Aufbruchstimmung

Im deutschen Stammwerk bauen die BPW-Tüftler Telematiktechnik in ihre Produkte ein. Das System gibt Daten zum Standort des Lkws, zum Reifendruck oder zur gerade im Kühlwagen herrschenden Temperatur an eine Leitstelle weiter. Für Indien ist das kein Thema – noch nicht, meint Bäcker: „In Indien weiß nie jemand, wo ein Lkw steckt und wann er ankommt.“

Nach deutscher Bauart: Bäcker (links) und Ley (Mitte) von BPW zeigen indischen Azubis, wie man Lkw-Achsen zusammenschraubt. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Sephi Bergerson für WirtschaftsWoche

Telematiksysteme könnten am indischen Markt aber ein wichtiges Angebot für die Zukunft sein. Zumindest, wenn es gelingt, die sparsame Kundschaft von den Vorteilen zu überzeugen. Ein Knochenjob: „Der indische Kunde will nichts bezahlen und ist trotzdem serviceorientiert“, klagt der Manager.

Selbst die erfolgsverwöhnten deutschen Autobauer haben die hohen Ansprüche der Kunden bereits zu spüren bekommen. Volkswagen und Mercedes-Benz sind in Pune mit relativ kleinen Fabriken vor Ort. Beide hatten mit Anlaufproblemen zu kämpfen, weil ihre Modelle für den indischen Premiumkunden, der am liebsten auf der Rückbank Platz nimmt, nicht lang oder nicht komfortabel genug waren.

Im Massengeschäft laufen derweil die billigeren japanischen Modelle den deutschen Karossen den Rang ab. Die Folge: Für die deutschen Autobauer bleiben bis auf Weiteres China und die USA die größeren Profitbringer.

Profitable Pharmazeuten

Von ausländischen Investoren gegründete Unternehmen, die ordentliche Gewinne schreiben, sind in Indien eher die Ausnahme. Immerhin, es gibt sie.

Die neue Anlage des Arzneiherstellers B. Braun liegt im Gewerbepark von Bhiwadi, einem Dorf in der Provinz Rajasthan, keine zwei Autostunden südwestlich von Neu-Delhi. „Wir haben hier kaum mit Stromausfällen zu kämpfen“, sagt Landeschef Anand Apte, während er durch die sanierte Fabrik führt, die die Nordhessen 2012 für rund 100 Millionen Dollar übernahmen und anschließend erweiterten. „Mit der Übernahme hatten wir Zugriff auf Personal und Lizenzen“, sagt Apte. Ein entscheidender Vorteil: Allein die Beantragung der Lizenzen hätte bis zum Verkaufsstart sonst drei bis fünf Jahre gekostet.

Deutsche Standards in Indien

Startklar ist die dritte indische Fabrik von B. Braun im Moment noch nicht. Seit dem Herbst werden Facharbeiter ausgebildet; erst Mitte Mai wird die erste von zwei Verpackungsmaschinen hochgefahren. Danach könnte die Serienfertigung anlaufen. Männer mit Mundschutz tippen auf den Steuerpanels der klobigen Edelstahlmaschinen, die im Stand-by-Modus vor sich hin surren. „Ziel ist es, dass sich das Fertigungsniveau nicht von den Standards in Deutschland unterscheidet“, erklärt Apte. Deshalb bilde er die Facharbeiter erneut aus, obwohl alle schon jahrelang in der Branche gearbeitet hätten.

Auch B. Braun hat Probleme, in Indien gute Leute zu finden. „Die Fachleute haben nur gute theoretische Kenntnisse, in der Praxis können sie aber nichts“, so Apte. Selbstständig arbeiten könne kaum einer – ein echtes Problem, wenn routinemäßige Abläufe gestört würden. Daran sei auch das indische Bildungssystem schuld: Es gebe eine Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Ausbildungsniveau an Schulen und Universitäten und den Anforderungen, die die Industrie an Schüler und Studenten habe.

Mittelstand und Weltmarktführer



Bislang hat sich die indische Regierung wenig für die Belange der Wirtschaft interessiert. Aber jetzt spürt Pharmamanager Apte, dass in Indien etwas in Bewegung gerät. Das gelte für das Bildungswesen, aber auch generell für die Verwaltung: „Ich habe den Eindruck, dass die Bürokratie schneller und transparenter wird“, sagt er. Künftig soll ein Antrag automatisch genehmigt sein, wenn der Antragsteller binnen 30 Tagen keine Antwort erhalten hat. Und auch das einheitliche Steuersystem für ganz Indien mit seinen 29 Bundesstaaten könnte 2016 eingeführt werden.

In ihrem Optimismus sind die Inder den Deutschen einfach voraus.

Die nächsten Jahre werden zeigen, wer recht behält: die deutschen Pessimisten – oder die Inder in ihrer kaum zu bremsenden Aufbruchstimmung.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%