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Industriestandort Wird Indien das neue China?

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"Make in India" soll die Industrie locken

Die Probleme kann auch Modi nicht über Nacht lösen. Und trotzdem glaubt das Gros der indischen Geschäftsleute an den einstigen Teehändler und dessen Reformpläne. Drei Themen misst Modi besondere Bedeutung zu:

  • Erstens startete er die Kampagne Make in India: Waren sollen künftig weniger importiert, sondern vielmehr vor Ort gefertigt werden. So will Modi das Handelsbilanzdefizit reduzieren und pro Monat eine Million Jobs schaffen. Zum Erhalt des sozialen Friedens wäre das dringend notwendig. In Hannover wollen die Inder um Investitionen deutscher Unternehmen werben, auf dass diese Jobs in Indien schaffen.
Pionierarbeit: Liebherr-Produktionschef Knorr rüstet sich für den Fall, dass in Indien die Nachfrage nach Kränen anzieht. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Sephi Bergerson für WirtschaftsWoche
  • Zweitens will Modi sein Land zum Exporteur innovativer Industrieprodukte machen. Das setzt jedoch ein besseres Investitionsklima voraus. Indien soll sich vom schwachen Platz 142 im Weltbank-Ranking der wirtschaftsfreundlichsten Staaten nach vorne schieben, durch Deregulierung, Bürokratieabbau, bessere Gesetze für Landkäufer und einheitliche Steuern.
  • Drittens will Modi die marode Infrastruktur verbessern: Auch dies ist Voraussetzung für den Aufschwung in einem Land, in dem Stromausfälle zum Fabrikalltag zählen und die Hälfte aller Lebensmittel mangels Kühlung und Straßen verrottet.

Liebherr-Produktionschef Knorr kennt die Widrigkeiten der indischen Wirtschaft nur zu gut. Auf seinem Gelände in Pune hat der Kranbauer eine lange, graue Halle hochgezogen. Darin dürfen Knorrs Arbeiter am mit 50 Meter Höhe kleinsten Krantyp ihre Grundausbildung im Unternehmen absolvieren.

„Das ist für Liebherr fast schon Spielzeug“, scherzt der Ingenieur, der die mühelos rekrutierten indischen Schweißer oft umso mühevoller ausbilden muss. Schließlich soll die Verarbeitung jener der europäischen Werke in nichts nachstehen, zumal einige der Kräne von Indien aus an anspruchsvolle Kunden in Südostasien und Australien verschifft werden. Zudem nimmt er bald eine Lackieranlage in Betrieb, um unabhängiger von indischen Lieferanten mit ihrer oft schwankenden Qualität zu werden.

In Kürze soll sogar ein speziell für Indien entwickelter Kran in die Fertigung kommen – produziert aus lokalem Stahl, um im Preiswettbewerb mitzuhalten. „Indien ist zu 99 Prozent preisgetrieben“, sagt Knorr. Der Markt verlange sehr viel Geduld und einen langen Atem, zumal Kräne auf indischen Baustellen längst keine Standardwerkzeuge sind. „In Indien sind einfache Arbeitskräfte extrem günstig“, sagt Knorr. „Wenn Sie 100 Arbeiter für wenig Geld einstellen können, die Ihnen die Steine zur Not bis aufs Dach tragen, brauchen Sie auch keinen Kran zu kaufen.“ Und den teuren deutschen sowieso nicht.

Nichts für Ungeduldige

Dass Geschäft in Indien anders läuft als erwartet, weiß Philipp Bäcker nur zu gut. Er ist Direktor der BPW Bergische Achsen KG in Pune. Im Jahr 2010 ging er für das Familienunternehmen aus Wiehl im Oberbergischen, das eine Milliarde Euro mit Achsen und Aufbauten für Lkw-Zugmaschinen umsetzt, nach Indien.

Ursprünglich sollte er vor Ort einen Servicepartner und Lieferanten finden, die einzelne Komponenten gut und günstig an die BPW-Werke in Europa und Asien liefern könnte. Beides klappte nicht. Nun baut Bäcker auf eigene Faust in einer gemieteten Halle im Norden von Pune ohne Partner einen neuen Standort auf. Von hier aus will er vor allem den langsam erwachenden indischen Achsenmarkt bedienen.

Fakten und Hintergründe zu Indien

Die Fabrik in Pune gleicht einer Lehrwerkstatt: Ordentlich aufgereiht hängen Hammer, Muttern und Schraubendreher an einem Brett. Links neben der Werkbank wird eine Trommelbremse montiert. Fast alle Teile, die 15 frisch eingestellte BPW-Mitarbeiter unter Aufsicht von Ausbildungs- und Designchef Alexander Ley montieren, kommen aus dem BPW-Werk in China – sauber verpackt in Holzkisten.

Preisdrücker mit Ansprüchen

Weil Bäcker und Ley im Inland schrauben lassen, sind die Achsen konkurrenzfähiger als zuvor die komplett importierten Produkte. Unverdrossen suchen die beiden weiter gute Zulieferer, die die China-Importe von Teilen ersetzen könnten. „Importieren ist in Indien so bürokratisch und teuer, dass man um Make in India gar nicht herumkommt“, sagt Bäcker. Zumal viele Investoren die Sorge plagt, die Regierung könnte sie über höhere Zollsätze zu einer Lokalisierung zwingen.

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