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Industriestandort Wird Indien das neue China?

Im Partnerland der Hannover Messe herrscht Wachstumseuphorie, beflügelt von den Plänen des neuen Premiers. Doch deutsche Investoren bleiben skeptisch: Die Probleme des Landes sind gewaltig.

Straßenbau in Indien Quelle: REUTERS

Jeder deutsche Investor in der westindischen Millionenstadt Pune kennt die Parabel vom Stein, den sie dem Kranbauer Liebherr in den Weg gerollt haben. Ein hüfthoher Felsbrocken versperrt die Zufahrt zu dem deutschen Vorzeigewerk im Süden der Stadt. Sobald ein Lkw kommt, bockt ein Stapler den Stein auf und räumt ihn aus dem Weg. Anschließend wird der Brocken wieder vor dem Tor platziert, unter dessen Stacheldrahtkrone sich Eidechsen sonnen.

Offizieller Grund für die Stein-Rochade: Auf der Betriebsgenehmigung für die Straße, die der originär schwäbische Konzern eigens schottern ließ, fehlt ein Stempel. Mit anderen Worten: Es wurde kein Schmiergeld für die Genehmigung der Zufahrtsstraße gezahlt, also darf es sie nicht geben. Da die indischen Beamten aber offenbar auch nicht die Stilllegung der Fabrik riskieren wollen, geben sie sich mit dem Felsbrocken als mobile Straßensperre zufrieden.

In Pune schmunzeln deutsche Investoren über den Fall, der so typisch ist für Indien wie Curry und Yoga. Viele von ihnen haben Ähnliches erlebt.

„Irgendwann wird es losgehen“

Mathias Knorr ist Produktionschef des Liebherr-Standorts. Er will nicht über den Stein reden, sondern übers Geschäft. Und das, davon ist er aller Possen zum Trotz überzeugt, nimmt jetzt Fahrt auf: Die Regierung in Neu-Delhi plant gewaltige Infrastrukturprojekte – Eisenbahnstrecken, neue Kraftwerke, Industriegebiete, größere Häfen und Flughäfen. Das verspreche Delhi zwar schon lange, weiß Knorr. „Irgendwann aber wird es losgehen. Dann ist es für Liebherr wichtig, am Markt zu sein.“ Wer bloß aus China oder Europa den indischen Markt bearbeiten will, dürfte keine Chance haben: Womöglich werden Lieferanten, die keine Fertigung im Land haben, künftig von Projekten staatlicher Auftraggeber ausgeschlossen.

Steht Indien wirklich vor dem großen Sprung? Ist das Land tatsächlich in der Lage, zum nächsten Megawachstumsmarkt nach China zu werden?

Indien in Zahlen

Klar ist: Auf dem Subkontinent, der sich diese Woche als Partnerland der Hannover Messe präsentieren wird, ruhen gewaltige Erwartungen. Geweckt hat sie der Hindu-Nationalist Narendra Modi, der im Mai 2014 die Wahlen haushoch gewann. Seither herrscht er als überaus mächtiger Premierminister, den sie in der Heimat wahlweise als wirtschaftsfreundlichen Messias verehren oder antimuslimischen Spalter der Gesellschaft fürchten.

Bei der weltgrößten Industriemesse in Hannover wird sich Modi den Deutschen vorstellen, deren duales Ausbildungssystem aus Lehre und Berufsschule er gern kopieren würde. Als „König von Indien“ bezeichnet manch ein Inder den graubärtigen Herrscher; fern von der Heimat will er Bundeskanzlerin Angela Merkel und die versammelte deutsche Wirtschaft von seiner Reformpolitik überzeugen und neue Investoren gewinnen. Mit dem Aufbau der Infrastruktur, Erleichterungen für Exporteure und einer Öffnung für Investoren hofft Modi eine neue Industrialisierungswelle zu starten, die das Land mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern aus der Armut führt – und auf Augenhöhe zum Wirtschaftsrivalen China.

Keine Profite seit drei Jahren

Und tatsächlich: Noch in diesem Jahr, so schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF), wird Indien mit einem Wirtschaftswachstum von 7,1 Prozent am schwächelnden China vorbeiziehen – und das, bevor Modi mit seinen Reformen überhaupt ernsthaft begonnen hat. Fast vergessen scheint, dass Indiens Bruttoinlandsprodukt vor zwei Jahren um weniger als fünf Prozent zulegte. Fast blamabel für ein Wachstumsland, in dem ab 2025 mehr Menschen leben werden als in China.

Während sich die Inder in ihrem Optimismus überschlagen, bleiben die meisten deutschen Investoren vor Ort eher vorsichtig: Sie stören sich an der miserablen Infrastruktur mit Stromausfällen und schlechten Straßen, an Korruption, Überregulierung und Bürokratie, an dem mangelhaften Bildungswesen. Zudem hemmen immense Transportkosten, Zölle und Dumpingpreise der Wettbewerber die Geschäfte der deutschen Unternehmen. „Ich kenne kaum ein Unternehmen, das in den letzten drei oder vier Jahren in Indien Profit gemacht hat“, sagt ein Investor in Delhi.

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