Insolvenzen: In diesen Branchen gibt es weniger Pleiten als vor Corona
In der Coronazeit galt die Gastronomie zwar als Krisenbranche schlechthin. Trotzdem meldeten weniger Restaurants, Cafés und Eisdielen Insolvenz an als vor der Pandemie. Auch aktuell gibt es in der Branche weniger Insolvenzen als 2019.
Inmitten der Rezession nehmen die Firmenpleiten in Deutschland spürbar zu. Im ersten Quartal erhöhte sich die Zahl der beantragten Unternehmensinsolvenzen um 18,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 4117, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Die Zahlen wirken alarmierend, müssen aber eingeordnet werden. So spricht der Berufsverband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands von einer „Normalisierung des Insolvenzgeschehens an die Vor-Coronazeit“. Tatsächlich ist das insgesamt zwar richtig, für die einzelnen Branchen zeichnen sich aber höchst unterschiedliche Entwicklungen ab. Das zeigt eine exklusive Auswertung des Karlsruher Insolvenzdatenspezialisten STP Business Information.
„Wir haben alle Insolvenzverfahren von Personen- und Kapitalgesellschaften zwischen Januar 2019 bis Ende Mai 2023 analysiert“, sagt Geschäftsführer Michael Speckmann. „Die jeweiligen Unternehmen wurden Branchen zugeordnet. Auf dieser Basis haben wir dann die Insolvenzzahlen vor und während der Corona-Pandemie mit den aktuellen Entwicklungen verglichen“, so Speckmann.
Die Resultate sind durchaus überraschend: In einzelnen Branchen, die als große Corona-Verlierer galten, gibt es nach wie vor weniger Pleiten als vor Corona. In anderen Bereichen liegen die Insolvenzzahlen dagegen deutlich über dem Vor-Pandemie-Niveau.
Weniger Insolvenzen als in den ersten fünf Monaten 2019 gibt es aktuell etwa im Maschinenbau, bei Autohändlern und Werkstätten, aber auch bei Marktforschungsunternehmen und in der Gastronomie. „Wirtschaftsbereiche wie der Groß- und Einzelhandel, die Logistik oder auch Architektur- und Ingenieurbüros liegen in etwa auf dem Ausgangsniveau von 2019“, sagt Speckmann. Geschäftsaufgaben ohne Insolvenzverfahren werden in der Statistik allerdings nicht erfasst.
Deutlich mehr Insolvenzen als vor Corona gebe es dagegen im Grundstücks- und Wohnungswesen, bei Zeitarbeitsfirmen, IT-Dienstleistern, in der Gebäudereinigung. Und im Gesundheitsbereich, wo es „die größten Steigerungen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit gab“, so Speckmann.
Bundesgesundheitsminister Lauterbach verwies erst vor wenigen Tagen in einem Interview darauf, dass rund 25 Prozent aller Krankenhäuser in Deutschland insolvenzgefährdet seien. Die Branche leide unter einem enormen Ärzte- und Pflegekräftemangel. Wie angespannt die Lage ist, zeigt auch ein Blick auf die Entwicklung der Insolvenzen im Pflegebereich:
In den vergangenen Monaten meldeten mit Unternehmen wie Curata und Novent, Teilen von Doreafamilie und der Hansagruppe gleich mehrere große Pflegeheimbetreiber Insolvenz an. Dass das Geschäftsmodell der Altenpflege selbst ein Pflegefall ist, zeigt auch die Pleite der Convivo-Gruppe, über die die WirtschaftsWoche zuletzt im Detail berichtet hat.
Deutlich besser läuft es ausgerechnet in der Gastronomie und damit in einem Bereich, der in der Coronazeit noch als Krisenbranche schlechthin galt. Die Insolvenzstatistik zeige allerdings ein etwas anderes Bild, sagt Speckmann.
Wie in den meisten anderen Branchen auch sind die Insolvenzzahlen in der Gastronomie zunächst deutlich gesunken. Kein Wunder: Staatliche Hilfen sowie die teilweise ausgesetzten Insolvenzantragspflichten hielten die Zahl der Firmenpleiten trotz Corona- und Energiekrise auf niedrigem Niveau. Seit 2022 normalisieren sich die Insolvenzzahlen in der Gastronomie. „Insgesamt gibt es aber immer noch weniger Insolvenzen gastronomischer Betriebe als vor der Pandemie“, sagt Speckmann. Dass sich die Gastronomie dauerhaft vom Wirtschaftsgeschehen abkoppeln kann, ist wenig wahrscheinlich.
Von Januar bis März ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent und damit bereits das zweite Quartal in Folge geschrumpft, weshalb Europas größte Volkswirtschaft in einer sogenannten technischen Rezession steckt. Das spürt offenbar auch die bislang erfolgsverwöhnte IT-Branche.
„Inzwischen stellen deutlich mehr IT-Dienstleister Insolvenzantrag als vor Corona“, sagt Experte Speckmann dazu. Woran das liegt, sei unklar. „Betroffen ist aber insbesondere der Beratungsbereich.“
Deutlich einfacher ist die Ursachenforschung in der Immobilienwirtschaft, die vor allem unter den steigenden Zinsen leidet. Das bleibt nicht ohne Folgen für das Insolvenzgeschehen.
Erst am Donnerstag erhöhte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Einlagensatz erneut um einen Viertelpunkt auf 3,5 Prozent - das höchste Niveau seit 22 Jahren. Für den Juli stellte EZB-Präsidentin Christine Lagarde schon die nächste Anhebung in Aussicht, um die Inflation zu bekämpfen. Damit steigen nicht nur die Finanzierungskosten für neue Bauvorhaben, sondern auch die Refinanzierung bestehender Immobilien. Gewerbeimmobilien leiden zudem an der weiterhin schwachen Auslastung von Büros und dem Rückzug wichtiger Mieter etwa aus dem Einzelhandel. Kurzum, nach dem jahrelangen Boom des Immobilienmarktes geht’s jetzt in die andere Richtung: abwärts. Die Probleme der Immobilienentwickler schlagen auch auf die Baubranche durch.
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes brachen im April die Baugenehmigungen so stark ein wie seit über 17 Jahren nicht mehr. Nur noch 21.200 Wohnungen wurden genehmigt - fast ein Drittel (31,9 Prozent) weniger als ein Jahr zuvor. Vor diesem Hintergrund wären eigentlich deutlich mehr Bau-Pleiten zu erwarten. Allerdings sei die „Entwicklung sehr heterogen“, sagt Speckmann.
„Bei Bauinstallationen, also allen Gewerken die mit Dämmung, Heizungs-, und Elektroinstallationen zu tun haben, gibt es aber weiterhin vergleichsweise wenig Insolvenzverfahren“, sagt der Experte. „Bei Abbruch- und Baustellenarbeiten sehen wir dagegen deutlich mehr Insolvenzen als in den ersten fünf Monaten 2019.“ Sein Fazit: „Während Neubauprojekte kriseln, kann der Dämm- und Klimabereich weiter profitieren."
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