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Jobst Wellensiek im Interview „Insolvenz kommt durch Managementfehler“

Insolvenzverwalter Jobst Wellensiek erklärt, warum zu viele Geldgeber den Job erschweren und weshalb eine Transfergesellschaft für Schlecker der richtige Weg wäre.

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Jobst Wellensiek hat mehr als 900 Insolvenzverfahren abgewickelt. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt

Heidelberg Handelsblatt: Herr Wellensiek, der scheidende RWE-Chef Jürgen Großmann verdankt Ihnen seinen Aufstieg.

Wellensiek: Dies sicherlich nicht. Allerdings werde ich die Zeit kurz vor Weihnachten 1992 nie vergessen, als ich vorläufiger Vergleichsverwalter von Klöckner geworden bin. Nach einer Vorstandssitzung in Duisburg sind Jürgen Großmann und ich im Höllentempo nach Osnabrück in die Georgsmarienhütte gefahren zu einer Betriebsversammlung unter dem Weihnachtsbaum. Anschließend ging es nach Bremen ins Parkhotel, und dort eröffnete er mir bei einem Abendessen, dass er die Hütte erwerben wolle.

Ihre erste Reaktion?

Ich war beeindruckt von dem Vertrauen. Schließlich kannten wir uns erst ein paar Stunden.

Vertrauen hatten offenbar vor allem Sie. Denn später verkauften Sie Großmann die Hütte für zwei Mark und legten auch noch 30 Millionen Anschubfinanzierung drauf.

Das waren Verpflichtungen des Klöckner-Konzerns gegenüber der Hütte. Aber ich muss sagen, Großmanns Konzept fand ich von Anfang an interessant und überzeugend.

Und Großmann?

Ich bin ein Fan von Jürgen Großmann. Er hat seine Ziele klar vor Augen. Wenn ich es einmal salopp formulieren darf, so glaube ich, in meinem Berufsleben immer ein gutes Gespür für Leute gehabt zu haben, die unternehmerische Qualitäten haben.

Wäre eine solche Aktion mit einem unbeschriebenen Blatt wie Jürgen Großmann heute noch möglich?

Jürgen Großmann war für mich als Mitglied des Vorstands kein unbeschriebenes Blatt. Dennoch, die Zeiten haben sich verändert. Die Prozesse in der Wirtschaft sind einerseits transparenter geworden, das Klima allerdings aggressiver und misstrauischer. Selbst die Banken beharken sich inzwischen untereinander. Das Geschäft ist rau, für Unternehmer wie auch für Insolvenzverwalter.

Scheitern Sanierungen, weil sich die Gläubiger nicht einigen?

Seit die Banken ihre Kredite an Investoren weiterverkaufen, hat man es als Verwalter plötzlich mit Geldgebern zu tun, die sie vorher nicht kannten, die aber auch von der Materie nichts verstanden. Das macht es nicht leichter.


„In vielen kleinen Verfahren sind Insolvenzverwalter unterbezahlt“

Den Spanplattenkonzern Pfleiderer hat der Streit unter den Investoren sogar in die Insolvenz getrieben.

Diesen Fall kann ich nicht beurteilen. Generell habe ich allerdings den Eindruck, der Umgang unter den Beteiligten ist inzwischen wieder besser geworden. Ich selbst habe mich immer als Konsensverwalter gesehen, der versucht, die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen. Und ich glaube, viele meiner Kollegen sehen ihre Aufgabe inzwischen auch so.

Reformen haben bislang wenig dazu beigetragen, die Sanierung von Pleitefirmen voranzutreiben.

Nun warten wir erst einmal ab, was die jüngste Reform bringt.

Die seit Jahren propagierte Eigenverwaltung ist aber ein Flop?

Die Eigenverwaltung, das heißt die Sanierung mit Hilfe des alten Managements, ist hauptsächlich daran gescheitert, dass darüber erst bei Eröffnung des Verfahrens entschieden wurde. Da hatte der vorläufige Insolvenzverwalter schon seit Monaten die Weichen gestellt. Es war einfach zu spät.

Und viele Ihrer Kollegen wollen die alten Köpfe auch gar nicht.

Das kann ich sogar verstehen. Eine Insolvenz wird oft nicht durch äußere Umstände ausgelöst, sondern durch Managementfehler.

Keiner will den Bock als Gärtner?

Ich bin auch skeptisch, ob derjenige, der die Pleite nicht verhindern konnte, nun die Karren wieder aus dem Dreck fahren kann.

Sind zweistellige Millionenbeträge wie bei Karstadt überzogen?

Der Gesetzgeber hat wohl nicht daran gedacht, dass es einmal so große Insolvenzverfahren geben wird. Er sollte deshalb einmal prüfen, ob hier eine Korrektur der Vergütungsverordnung zu erfolgen hat. Man muss aber auch wissen, dass in vielen kleinen Insolvenzverfahren die Verwalter völlig unterbezahlt werden. Hier kann man nur sagen: „Außer Spesen nichts gewesen.“


„Bei Schlecker würde sich eine Transfergesellschaft rechnen“

Was war denn Ihr lukrativster Fall?

Der war eher unspektakulär. Der Autozulieferer Peguform. Da kam eine freie Insolvenzmasse von rund 700 Millionen Euro zustande. Die Gläubiger wurden übrigens zu einhundert Prozent befriedigt. Ein äußerst seltener Fall. Ich glaube, dies hatte ich nur drei Mal in meiner langjährigen Praxis.

Würden Sie heute nicht eher Wirtschaft studieren statt Jura?

Mit meinen 80 Jahren darf ich wohl sagen, ich würde alles noch einmal so machen. Es war für mich ein großes Glück, umfangreiche Erfahrungen in vielen kleinen Konkursverfahren sammeln zu können, bevor ich den ersten großen Fall mit dem Küchengerätehersteller Neff bekam, dem eine Vielzahl von spektakulären Großverfahren folgten. Das ist heute so nicht mehr denkbar.

Wie wichtig sind Transfergesellschaften?

Sehr wichtig. Ich bin ein großer Anhänger davon und habe dieses Instrument schon in den 1990er-Jahren beim Bremer Vulkan genutzt. Eine Transfergesellschaft brauchen Sie, um ein insolventes Unternehmen gesundzuschrumpfen und damit attraktiv für einen Käufer zu machen.

Bei Schlecker scheiterte die Transfergesellschaft am Widerstand einiger Bundesländer. War dies berechtigt?

Da kann ich die Auffassung der FDP schwer nachvollziehen. Ihre Argumente klingen zwar gut, aber Staatsbürgschaften für eine Schlecker-Transfergesellschaft abzulehnen, könnte als politische Profilierungssucht ausgelegt werden.

Sie halten den Einsatz von Steuergeldern für gerechtfertigt?

Man muss überlegen: Was ist wirtschaftlich die bessere Lösung? Für den Staat und für die Gläubiger. Wenn der Insolvenzverwalter keine Transfergesellschaft hat, muss er entlassen. Dann zahlt der Staat Arbeitslosengeld. Und wenn er keinen Käufer findet, muss der Staat sowieso zahlen. Ich bin überzeugt, dass sich auch bei Schlecker eine Transfergesellschaft rechnen würde, insbesondere wenn es ernsthafte Kaufinteressenten gibt.

Herr Wellensiek, vielen Dank für das Interview.


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