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Krisenfälle im Unternehmen „Eine Insolvenz ist immer eine Extremsituation“

Wenn die Kasse nicht mehr stimmt: Rutscht ein Unternehmen in die Pleite, muss oft der Insolvenzverwalter ran. Quelle: Getty Images

Rolf-Dieter Mönning arbeitet seit 40 Jahren als Insolvenzverwalter. Jetzt hat er ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Es geht um Schatzsuchen, Neonazis und den Selbstmord eines Unternehmers. 

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Rolf-Dieter Mönning, 73, ist seit 1979 als Insolvenzverwalter im Einsatz. Seither hat er mehr als 3500 Verfahren bearbeitet, darunter Großpleiten wie der Cargolifter AG, die einst große Lasten-Zeppeline bauen wollte. Er ist langjähriges Mitglied des Gravenbrucher Kreises, einem Zusammenschluss renommierter Insolvenzverwalter in Deutschland. Bis zu seiner Emeritierung war er ordentlicher Professor für Unternehmensrecht an der Fachhochschule Aachen.

WirtschaftsWoche: Herr Mönning, Ihr Buch „Krisenfälle - Insolvenzen hautnah“ ist gerade erschienen. Warum haben Sie das Buch geschrieben?
Rolf-Dieter Mönning: Mir ging es darum, die Erfahrungen, die ich in über 40 Jahren als Insolvenzverwalter gewonnen habe, so darzustellen, dass auch Leser, die nicht jeden Tag mit der Materie zu tun haben, einen Eindruck gewinnen, was ein Insolvenzverwalter eigentlich macht. Viele Menschen gehen leider davon aus, dass wir im Grunde nur die Firma schließen, das vorhandene Geld zählen und den Großteil in die eigene Tasche stecken, bevor wir den kläglichen Rest an die Gläubiger verteilen. Dieses Bild würde ich gerne korrigieren.

Wie lange hat es von der Idee bis zur Veröffentlichung gedauert? 
Ein befreundeter Verleger war schon vor ein paar Jahren auf mich zugekommen: „Von Insolvenzverfahren weiß ja kein Mensch, was das wirklich ist. Willst Du das nicht mal aufschreiben?“ Ich wollte durchaus, hatte aber nie so richtig Zeit. Das änderte sich erst bei einer Reise nach Neuseeland. Wegen der Coronapandemie saßen meine Frau und ich dort sechs Monate fest. Und nach der Begegnung mit einem in Neuseeland lebenden deutschen Schriftsteller habe ich mir gesagt: So, jetzt ist die Zeit gekommen - und dann ging es relativ zügig los.

Sie beschreiben anhand von 13 Fällen die Arbeit eines Insolvenzverwalters. Wie nah sind die Geschichten an der Realität? 
Ich habe zwar auf meine persönlichen Erlebnisse in Verfahren zurückgegriffen, diese aber in verschiedenen Geschichten neu zusammengesetzt, angereichert und ausgeschmückt. Der italienische Schriftsteller Roberto Saviano hat gesagt: Eine Geschichte entfaltet nur dann eine Wirkung, wenn sie nicht die Realität eins zu eins abbildet, sondern zu einer Erzählung weiterentwickelt wird. Das war mein Ansatz. Nehmen Sie zum Beispiel das Kapitel „Der Absturz“.

Rolf-Dieter Mönning ist seit 1979 als Insolvenzverwalter im Einsatz. Quelle: PR

Darin geht es um die Cargolifter-Pleite, eines ihrer prominentesten Verfahren. 
Genau, die Geschichte hat einen realen Hintergrund, es geht mir aber primär darum, das Spannungsverhältnis zwischen Medien und der Insolvenzverwaltung bei einem solchen Großverfahren zu zeigen: Was sollte man bei der Arbeit mit Journalisten beachten? Und was darf man auf gar keinen Fall tun?

Sie schildern darin, wie der Insolvenzverwalter eine Journalistengruppe auf das Dach der riesigen Cargolifter-Halle führt, Absturzgefahr inklusive. Gab es den Besuch auf dem Dach tatsächlich? 
Ich bin mehrfach da oben gewesen, tatsächlich auch mit Journalisten – gottlob ist keiner heruntergefallen. Als erzählerisches Element soll dies Spannung aufbauen und der Geschichte dienen. Sie können ein Insolvenzverfahren nicht eins zu eins beschreiben, ohne ihre Leser nach einer halben Stunde in Tiefschlaf zu versetzen. Ich hatte schon mehrfach mit Filmproduzenten zu tun, die auf die Idee gekommen sind, einen Tatort oder Krimi über Insolvenzen zu drehen. Daraus ist nie etwas geworden, schon weil die Zeitspannen zu lang sind. Eine Insolvenz zieht sich über Jahre hin. Der Film würde wohl länger werden als „Das Boot“.

Sie beschreiben in dem Buch Konflikte mit Neonazis, berichten wie ein Insolvenzverwalter in detektivischer Kleinarbeit Millionenbeträge aufspürt und sich ein verschuldeter Bauunternehmer erschießt. Ist das tatsächlich der Alltag eines Insolvenzverwalters?
Das sind Dinge, die vielleicht nicht täglich passieren, aber sie kommen vor und sind deshalb auch in das Buch eingeflossen. Eine Insolvenz ist immer eine Extremsituation. Dem Unternehmer droht, das Lebenswerk zu entgleiten. Die Arbeitnehmer haben Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, die Gläubiger fürchten um ihr Geld. Das heißt, es stehen alle unter Strom. Kurzschlussreaktionen kann man deshalb nie ausschließen. Insolvenzverwalter sind auch schon verprügelt oder in Hinterhalte gelockt worden. Persönlich habe ich zwei Jahre lang eine unserer Töchter nicht vom Kindergarten abholen lassen, ohne dass die Mitarbeiter im Kindergarten vorher genau informiert wurden, wann wer kommt. Der Umgang mit solchen Bedrohungen und Anfeindungen ist leider ein Thema, mit dem sie als Verwalter immer wieder mal zu tun haben. Daneben gibt es aber viele anderen Punkte, die wichtig sind für den Beruf.

Nämlich?
Die Beharrlichkeit beispielsweise, die es bei langwierigen Insolvenzverfahren braucht, um nach und nach Erfolge zu erzielen. Oder die interkulturellen Herausforderungen, vor denen sie stehen, wenn sie mit Verhandlungspartnern aus unterschiedlichen Ländern zu tun haben. Wichtig ist auch, dass manchmal schlicht der Faktor Zufall Regie führt. Gleich in der ersten Geschichte – „Die Schatzsuche“ – geht es im Rahmen einer Nachlassinsolvenz um diese Themen. Ein anderer Punkt ist der Umgang mit Emotionen: Sie sind auch als Verwalter nicht jeden Tag gleich gut drauf. Es gibt Rückschläge im persönlichen wie im beruflichen Leben - und Sie müssen trotzdem ihren Job machen. All das habe ich versucht abzubilden.

Sie gehen oft auf Details wie die Büroausstattung ein, beschreiben die Kleidung und Körpersprache ihrer Protagonisten. Wie stark achten Sie in der Realität auf solche vermeintlichen Nebensächlichkeiten, um sich ein Bild von Schuldnern oder Verhandlungspartnern zu machen?
Ich bin in der Kanzlei tatsächlich gefürchtet als Perfektionist. Es traut sich niemand, ein Bild aufzuhängen oder einen Sessel schräg zu stellen, weil mir das sofort auffällt. Insofern achte ich schon stark auf Details. In der Insolvenzverwaltung ist das auch wichtig, vor allem wenn es um Kriminalinsolvenzen und Aufklärungsarbeit geht. Wenn Ihnen ein Geschäftsführer bei der ersten Begegnung eine Story auftischt, wie es zu den Problemen kam und er sich dabei fünfzigmal am Ohrläppchen zieht oder den Kopf kratzt, ist das natürlich schon ein Anlass, die Aussagen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Umgekehrt müssen Sie auch ein Gespür dafür entwickeln, wann jemand echte Hilfe braucht. Also die Signale wahrnehmen, ob ein tiefergehendes Problem irgendwo liegt. Ich glaube, das gehört zum Beruf dazu.

Einige der Fälle, die Sie beschreiben, liegen schon Jahre zurück. Was war damals anders als heute?
Früher lief vieles über einen Handschlag oder ein Telefonat und dann ging es los. Heute gibt es ein ausuferndes gesetzliches Regelwerk. Sie haben keine Banker oder Leute bei der Arbeitsagentur mehr, mit denen Sie auf Zuruf Vereinbarungen treffen können. Und bei den Verwaltern ist die Angst groß, in die persönliche Haftung genommen zu werden. Manchmal glaube ich, es gibt eine regelrechte Haftungsphobie in unserem Berufsstand.

Davon liest man in Ihrem Buch wenig.
Klar, die Verfahren, von denen ich berichte, sind ‚old school‘. Es geht um einen Typus Insolvenzverwalter, wie es ihn heute im Grunde nicht mehr gibt. Ein Kollege hat gesagt: Wir waren wie John Wayne. Von Dorf zu Dorf sind wir geritten und haben für Ordnung gesorgt – ein gutes Bild für die einsamen Entscheidungen eines Insolvenzverwalters, wie ich finde.

Der Verwalter als einsamer Sheriff?
Die Zeiten sind vorbei. Mit der Eigenverwaltung haben wir eine ganz neue Schlachtordnung bekommen. Die ‚Marlboro-Cowboys‘, die gewohnt waren, alles alleine zu entscheiden, wurden „verzwergt“, wie es ein Kollege einmal formuliert hat. Die sind jetzt Sachwalter und haben nicht einmal rote Karten in der Tasche, sondern nur gelbe Karten. Eine Ausnahme sind Kriminalinsolvenzen. Wenn der Geschäftsführer untergetaucht ist und ein vorläufiger Verwalter eingesetzt wird, geht es nach wie vor zur Sache. In diesen Fällen kann der Verwalter gestalten und ermitteln. Aber fast alle anderen Verfahren mit einer größeren Anzahl von Arbeitnehmern laufen als Eigenverwaltungen, in denen kein klassischer Insolvenzverwalter agiert, sondern ein Sachwalter. Das interessiert mich ehrlich gesagt wenig. Ich führe meine verbleibenden 20 bis 25 offenen Verfahren noch zum Abschluss, bewerbe mich aber nicht aktiv um neue Insolvenzverfahren. Wenn ein entsprechender Anruf kommt, versuche ich eher, Kollegen aus der Kanzlei ins Rennen zu schicken.

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Sie erwähnen im Buch, dass Sie quasi in einer Textilfabrik aufgewachsen sind, in der Ihr Vater Betriebsleiter war. Wie kamen Sie auf die Idee, Insolvenzverwalter zu werden? 
Das hat ein bisschen was mit Politik zu tun. Der erste Rechtsanwalt, bei dem ich Referendar war und dann auch zwei Jahre als Anwalt geblieben bin, war Fraktionsvorsitzender der SPD in einer mittelgroßen Stadt und der damalige SPD-Bürgermeister war Leiter der Vollstreckungsabteilung des Amtsgerichts und hatte auch die Insolvenzabteilung unter sich. Jedenfalls hat er zu seinem Kollegen und Genossen gesagt: ‚Hör mal, du hast doch jetzt einen jungen Burschen in deiner Kanzlei. Kein Mensch will mehr Konkurse machen. Wir haben hier nur ein, maximal zwei Konkursverwalter, die wir beauftragen können. Nimm doch mal die Akten mit und leg sie dem Burschen einfach mal auf den Tisch. Dann gucken wir mal, was er daraus macht.‘ Und so ging es los. 

Worum ging es in Ihrem ersten Verfahren?
Eine Bootswerft an einem See hatte Konkurs angemeldet. Ich hatte keine Ahnung von der Materie, aber ein erfahrener Kölner Kollege überließ mir zum Glück einen seiner Konkurs-Berichte. Damit hatte ich eine gute Vorlage und habe nach und nach gelernt, was Sequestration bedeutet. Das Gericht hat sich jedenfalls nicht beschwert. Im Gegenteil: Ich wurde mit Verfahren überhäuft und das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. 

Was ist aus der Werft geworden?
Die konnte ich verkaufen. Das war die erste übertragende Sanierung für mich und ich glaube sogar, die Werft existiert noch heute.

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