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Lagebericht aus dem Corona-Hotspot „Eine Vision, wie es für uns weitergehen kann, gibt es nicht“

Allein die Stadt Hof hat einen Corona-Inzidenzwert von 456, der Landkreis Hof 329. Quelle: Getty images

In kaum einer Region in Deutschland ist die Zahl der Coronainfektionen so hoch wie in Oberfranken. Wie Unternehmen versuchen, die Betriebe am Laufen zu halten.

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Einen seiner besten Kunden wird Christian Herpich nicht mehr sehen. Ein Künstler, Musiker, der stets als erster vor Ladenöffnung des Familienbetriebs, der Metzgerei Herpich in Hof im oberfränkischen Teil des Freistaats Bayern, vor der Tür saß. Ein Buch habe er immer gelesen, solange er wartete, es war schon Tradition. Ein älterer Herr, der vor einiger Zeit an Corona verstorben sei. „So etwas geht einem dann schon sehr nahe“, sagt Christian Herpich, Inhaber des 116 Jahre alten Familienbetriebs und Mitglied im Vorstand der Handwerkskammer Oberfranken.

„Hof – in Bayern ganz oben“, rühmt sich die Stadt nahe der tschechischen Grenze. In diesen Zeiten klingt das wie ein makabrer Gag. In Hof lag der Inzidenzwert, also die Zahl der Coronainfektionen pro 100.000 Einwohnern, am frühen Mittwochmorgen bei 456 so hoch wie in keinem anderen Kreis in Deutschland.

Christian Herpich ist ein gebürtiger Hofer, aufgewachsen mit dem Metzgereibetrieb. Zusammen mit seinem Bruder Stephan und seiner Frau Alexandra hat er das Familienunternehmen übernommen und zu einem Cateringservice erweitert. 50 Menschen arbeiten heute für seine zwei Geschäfte in der Stadt. Seine Region, so erzählt er stolz, habe die höchste Brauerei-, Bäckerei-, und Metzgereidichte der Welt. Und nun auch noch die höchste Coronadichte. „Dass die Zahlen trotz der Beschränkungen noch so hoch gehen, belastet uns sehr.“

Maskenpflicht schon auf dem Parkplatz

Allein die Stadt Hof hat einen Corona-Inzidenzwert von 456, der Landkreis Hof 329. Bürgermeisterin Eva Döhla (SPD) führt die hohen Zahlen vor allem auf Ansteckungen in der Familie und am Arbeitsplatz zurück - und erhöht damit den Druck auf die Produktionsstätten und Betriebe, die überhaupt noch geöffnet sind. „Wir haben alle Hygienemaßnahmen und Arbeitsschutzstandards umgesetzt, gerade die Betriebe, die seit vergangenem Jahr von der Schließung betroffen sind“, betont der oberfränkische Handwerkskammer-Vizepräsident Matthias Graßmann.

Er kritisiert außerdem, dass handwerkliche Betriebe "im perspektivlosen Lockdown-Modus“ verharren, obwohl mit Impfungen, Testungen und umfassenden Hygienekonzepten weit mehr Instrumente zur Pandemiebekämpfung als vor einem Jahr zur Verfügung stehen würden. Schnelles Impfen und Testen wäre der einzige Weg zu umfassenden Öffnungen. „Ein solcher Strategiewechsel ist dringend notwendig, um ein massives Betriebesterben zu verhindern“, beklagt Graßmann. Auch die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) warnte bereits vor einer angespannten Lage am bayerischen Arbeitsmarkt. Eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Oberfranken Bayreuth zeigt: Die Umsatzentwicklung in der Wirtschaft war für das Jahr 2020 rückläufig - erwartungsgemäß. Massiv wirkten sich wegbrechende Aufträge, Stornierungen, Betriebsuntersagungen und unterbrochene Lieferketten aus. 58 Prozent aller befragten Firmen der Region mussten das Jahr 2020 mit einem geringeren Umsatz im Vergleich zu 2019 abschließen. Einen Rückgang, der mehr als 25 Prozent des Vorjahresumsatzes beträgt, meldeten gar 24 Prozent aller Befragten.

Christian Herpich hat für seine Geschäfte habe er Plexisglaswände besorgt, die FFP2-Maskenpflicht schon auf den Parkplätzen vor seinen Geschäften eingeführt und lässt nur wenige Kunden gleichzeitig in den Laden. Pausen und Schichten teilt er so ein, dass Mitarbeiter kaum aufeinandertreffen. „Wir haben einen großen Veranstaltungsraum gegenüber von unserem Geschäft, wo die Mitarbeiter Pause machen“, erzählt er. Homeoffice aber ginge nun einmal für seine Metzgerei kaum, nur drei Mitarbeiterinnen aus der Verwaltung arbeiten nun manchmal von zu Hause. In der Belegschaft habe sich in seinem Betrieb bisher niemand angesteckt. „Das ist ja ein Zeichen, dass die Maßnahmen richtig umgesetzt werden“, sagt Herpich. „Aber man weiß ja nicht, was die Menschen machen, sobald sie nach Hause gehen.“

Hoffen auf den Impftermin

Immerhin: Weil seine Metzgerei als Lebensmittelbetrieb systemrelevant ist, können sich alle Mitarbeiter, die sich impfen lassen wollen, bei einer Hausärztin in Hof ab nächster Woche impfen lassen. Knapp 90 Prozent seiner Angestellten haben sich bereits auf die Liste setzen lassen. Außerdem hat Herpich einige online eine Schulung absolviert, wie sie einen Coronaschnelltest bei ihren Kollegen durchführen. Nun können sich seine Mitarbeiter täglich testen lassen.

Auch Jürgen Krauß von der Nexans Power Accessoires, einem internationalen Kabelhersteller, hat die Test-Schulung mitgemacht. Er ist technischer Leiter in der Produktion und kümmert sich nebenbei um all die Maßnahmen, die die Pandemie seit nun schon mehr als einem Jahr die 200 Mitarbeiter mit sich bringt. Sein Betrieb hätte noch Glück gehabt, und wäre bis jetzt von Fällen verschont geblieben, erzählt er. Knapp 80 Prozent seiner Kollegen seien im Homeoffice. Wer doch vor Ort arbeitet, müsse am Eingang bereits mit einem Thermometer seine Temperatur messen lassen.



„Bis Anfang März haben wir anlassbedingt getestet und ab jetzt gibt es für alle Mitarbeiter wöchentlich kostenlose Tests“, sagt Krauß. Nur die Mitarbeiter aus dem Nachbarland Tschechien werden jeden Tag getestet. „Erst seit vergangener Woche dürfen unsere tschechischen Kollegen wieder über die Grenze kommen.“ Zuvor hatte Tschechien ab Ende Februar einen erneuten Notstand ausgerufen und die Bewegungsfreiheiten stark ein eingeschränkt. Außerdem durften nur Berufspendler für systemrelevante Berufe nach Deutschland einreisen. 

Die Firma Rapa aus Selb in Oberfranken etwa, direkt an der tschechischen Grenze, musste deshalb Sondergenehmigungen für seine Mitarbeiter aus dem Nachbarland einholen. „Da wir nicht nur in der Autoindustrie tätig sind, sondern auch in der Medizintechnik, wurden diese Genehmigungen für unsere tschechischen Mitarbeiter durch das Landratsamt aber ausgestellt“, sagt die Vorständin beim Technologiebetrieb für Automobilindustrie, Karin Wolf.
850 Mitarbeiter arbeiten am Standort in Selb, etwa zehn Prozent davon seit Beginn der Coronakrise laut Wolf im Homeoffice. „Die Mitarbeiter aus Tschechien müssen außerdem jeden zweiten Tag einen Coronatest machen, entweder an der Grenze oder im angrenzenden Testzentrum.“ Auch alle anderen Mitarbeiter müssten sich regelmäßig testen lassen. „Dies wird firmenintern überprüft.“

Es fehlt die Perspektive

Noch belastender ist die Lage für Unternehmen, die gar nicht mehr öffnen dürfen. Das Restaurant von Eduard Stähle in Hof etwa steht still. „Die gesamte Planungssicherheit ist weg. Eine Vision, wie es für uns weitergehen kann, gibt es nicht“, sagt Stähle. Neben seinem Restaurant betreibt der 35-Jährige fünf Betriebskantinen. Dazu bietet er seit drei Jahren in seinem Onlineshop Kochboxen an, also Gerichte zum Selbstkochen für zu Hause. So kann er den Betrieb zumindest am Laufen halten. Stähle befürchtet nur, dass viele durch die Pandemie die Lust verloren haben, auf einen Schweinebraten oder ein paar Bier ins Wirtshaus zu gehen. „Wir hoffen natürlich, dass die Menschen irgendwann das nachholen, was sie jetzt verpassen.“ Aber sicher ist er sich da keineswegs. In ein paar Wochen will er sich entscheiden, ob der klassische Gastrobetrieb noch zukunftsfähig ist.



So gehe es auch anderen Gastrobetreibern in und um Hof, sagt Stähle. „Die meisten sind schon älter als 50 und tun sich noch schwerer damit, sich zu motivieren.“ Viele sehen einfach keinen Grund mehr, warum sie noch weitermachen sollen. Stähle versucht, das Positive nicht aus dem Blick zu verlieren – alleine schon, um ein Vorbild für seine Kinder zu sein. Einfach fällt ihm das nicht. Und dass es nach der Pandemie nicht mehr so sein wird wie früher, davon ist er jetzt schon überzeugt. „Das sollte man akzeptieren, auch wenn es schwerfällt.“

Auch Christian Harpich macht sich Sorgen. Weniger wegen seiner Verkaufszahlen in der Metzgerei, wie er sagt, er hätte immer noch viele Kunden. Eher wegen der Coronaleugner. Oder wegen all der Todesanzeigen, die nun so zahlreich in der Lokalzeitung erscheinen. Die wirtschaftlichen Folgen, so glaubt er, werde die Stadt ohnehin erst viel später zu spüren bekommen. 

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Mit dem 24-Stunden-Impfangebot, bei dem eine Person 24 Stunden Zeit bekommt zum vorgeschlagenen Impftermin zu gehen, ehe er an jemand anderen vergeben wird, gebe es immerhin mehr und mehr Menschen in Hof, für die Corona keine Gefahr mehr ist. „Man muss jetzt einfach alles mobilisieren für das Impfen, so schnell es geht“, fordert der Unternehmer. Er selbst, so sagt er, würde für den Termin dann auch um zwei Uhr in der Früh aufstehen und ihn wahrnehmen.

Mehr zum Thema: Kaum ein Gastronom ist derzeit so weit von Öffnungen entfernt wie Eduard Stähle im Corona-Hotspot Hof in Bayern. Doch er kommt ganz gut durch die Krise, Kochboxen und Kantinen sei Dank. Sieht so die Gastronomie der Zukunft aus?

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