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Langjährige Marktführer Das Erfolgsgeheimnis der besten Mittelständler

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1. Der Hopfenhändler Joh. Barth&Sohn

Regine Barth Quelle: Dieter Mayr für WirtschaftsWoche

Das Wetter meint es in diesem Jahr nicht gut mit dem Hopfen, es war zu kalt und zu trocken. Die Pflanzen gleichen noch bräunlichen Büschen und haben wenig gemein mit den meterhohen, sattgrünen Hopfenranken, die im Herbst das Naturbild in Teilen Bayerns, Baden-Württembergs und Sachsen-Anhalts prägen. Doch bis der Sommer sich verabschiedet, werden sie noch kräftig wachsen, ist sich Regine Barth sicher. Aber die Chefin des Nürnberger Hopfenhändlers Joh. Barth & Sohn, weiß auch: Jede Ernte ist anders. "Mein Vater predigte den Spruch jedes Jahr, jetzt hört man ihn genauso oft von mir", sagt sie.

Barth ist 26 Jahre alt, als eines Nachts das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist ihr Vater, fragt, ob sie die Firma übernehmen will. Regine Barth schreibt gerade an ihrer BWL-Abschlussarbeit über Personalmarketing, vom Hopfenhandel hat sie bisher keine Ahnung. In der Familie Barth ist die Rollenverteilung klassisch: Während Vater und Sohn im Wohnzimmer über Hopfenpreise diskutieren, sitzen Mutter und Tochter lieber in der Küche und unterhalten sich über Schule, Freunde, Nachbarn. Doch als sich der Bruder überraschend gegen die Nachfolge entscheidet, soll Regine Barth zusammen mit ihren zwei Cousins das Unternehmen führen. Sie nimmt sich einen Monat lang Zeit, denkt nach, sagt zu. Und löst damit eine Revolution in der 219-jährigen Firmengeschichte aus, denn zuvor sah der Gesellschaftervertrag nur Männer an der Spitze vor.

Der letzte von 364 Händlern

Der Anfang ist schwer. Barth ist blond, zierlich und muss besonders hart arbeiten, um in der Männerwirtschaft akzeptiert zu werden: Ihr erstes von mehreren Jahren der Einarbeitung verbringt sie auf den Hopfenfeldern, lernt Grundlagen und Standorte wie Großbritannien, Amerika, Tasmanien und die bayrische Hallertau kennen, das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt.

Seit dem 14. Jahrhundert wird Hopfen in Deutschland angebaut. Nürnberg entwickelte sich aufgrund der Nähe zur Hallertau Mitte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum des grünen Goldes. Damals gab es 364 Händler, heute ist nur noch einer übrig geblieben: Joh. Barth & Sohn. Das Unternehmen setzte als erstes auf ein Vollsortiment und verschaffte sich früh Zugriff auf alle Hopfenanbaugebiete der Welt. 30 Prozent des globalen Hopfens werden heute über den Weltmarktführer mit seinen 600 Mitarbeitern gehandelt.

Der Rohstoff wird bei den Bauern eingekauft und dann an Brauereien wie Krombacher und Warsteiner weiterverkauft, aber auch an die Pharmaindustrie, die daraus Tee oder Tabletten herstellt.

Forschung zusammen mit den Kunden

Für Regine Barth sind es die Mitarbeiter und ihre Ideen, die das Unternehmen so wertvoll machen. Vor 100 Jahren entwickelte ein findiger Mitarbeiter eine Verpackung, die den Hopfen auch auf langen Überseetransporten schützt. Vor 50 Jahren war Joh. Barth & Sohn der erste Händler, der spezielle Sorten aus England und Belgien importierte. Vor 16 Jahren gründete ein leitender Angestellter eine Forschungsbrauerei, die mit den Kunden zusammen Brauprozesse optimiert. Barth knüpft mit klugen Köpfen an diese Erfolge an: "Wir suchen immer nach proaktiven Mitarbeitern, Menschen, die bereit sind, auch Kritik zu äußern."

Seit 2003 führt die heute 42-Jährige zusammen mit ihren Cousins Stephan und Alexander das Unternehmen in der achten Generation. Alle drei haben Kinder, ob eines die Nachfolge antritt, ist noch ungewiss. Barth will ihren 13-jährigen Sohn nicht drängen: "Wenn er einen anderen Beruf ergreifen will, werde ich ihn unterstützen." Für die Nachfolge zieht sie auch einen externen Manager in Betracht. Denn so wie jede Ernte anders ist, so ist es auch jeder Mensch. Und nicht jeder ist der geborene Hopfenhändler – auch wenn er einer Dynastie des grünen Goldes entspringt.

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