Mittelstand "Familienunternehmer streiten sich heftiger"

In Berlin feiern Politiker den "Tag der Familienunternehmer". Doch bei vielen Vorzeige-Firmen kriselt es: Professor Arist von Schlippe erklärt, warum bei Unternehmerdynastien das Konfliktpotenzial besonders hoch ist.

Arist von Schlippe Quelle: Ines Walter

WirtschaftsWoche: Herr Professor von Schlippe, einige Familienunternehmen fallen eher durch interne Streitigkeiten als durch Erfolgsmeldungen auf. Der Fleischkonzern Tönnies zum Beispiel, wo sich Clemens Tönnies und sein Neffe Robert in diesem Jahr mehrfach vor Gericht getroffen haben. Sind solche Konflikte ungewöhnlich?

Von Schlippe: Nein, eigentlich nicht. Familienunternehmen sind eben selten Mittelmaß. Sie profitieren entweder enorm vom guten Zusammenhalt in der Familie. Oder sie leiden massiv darunter, wenn es interne Spannungen gibt. Wenn es nicht gelingt, diese Spannungen auszubalancieren, fallen Konflikte in Familienunternehmen dann oft heftiger aus und eskalieren schneller.

Heißt das, Familienunternehmer sind besonders streitsüchtig?

Nein. Sie streiten nicht unbedingt häufiger als die Eigentümer anderer Unternehmen, aber wenn, dann heftiger.

Zur Person

Woran liegt das?

Familien haben ein ganz anderes Verständnis von Gerechtigkeit als Unternehmen. In der Familie gilt eine Logik der Gleichheit - eine Mutter muss immer alle Kinder gleich lieb haben. Die Gerechtigkeitslogik des Unternehmens beruht aber auf Ungleichheit: Der, der am meisten leistet oder die beste Qualifikation hat, soll auch am meisten bekommen. An dieser Diskrepanz arbeiten sich viele Unternehmerfamilien ab.

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Produktion bei Ensinger Quelle: Presse
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Das Pfeiffer Vacuum Firmengebäude Quelle: Pfeiffer Vacuum Pressebild
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Armaturen in der Fertigung von Hansgrohe Quelle: REUTERS

In welchen Fällen macht es Sinn, familiäre Streitigkeiten vor Gericht auszutragen?

Das ist die Ultima Ratio, wenn die Familie keine Möglichkeiten mehr hat, sich selbst zu helfen. Es kommt häufig vor bei hocheskalierten Konflikten. Da ist dann die Verzweiflung oder Verbitterung der Beteiligten so groß, dass sie eine dritte, übergeordnete Instanz brauchen, um sie aus dem Konflikt zu erlösen. Und das ist im Zweifelsfall nur noch das Gericht.

Vor allem Geschwister zerstreiten sich häufig. Das war etwa bei Haribo der Fall, bei Bahlsen und auch bei den Oetkers. Woran liegt das?

Da gibt es oft alte Streitigkeiten, die meist noch aus dem Sandkasten stammen. Die werden manchmal über Jahre und Jahrzehnte als kalte Konflikte mitgetragen. Ein neuer Zwist kann dazu führen, dass alte Konflikte dann heftig aufbrechen.

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