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Mittelstand Kleinere Firmen sind das Rückgrat des Arbeitsmarkts

Im Handwerk fehlen Fachkräfte Quelle: imago images

Tausende Stellen stehen bei Großkonzernen auf der Kippe. Warum trotzdem kein Anstieg der Arbeitslosigkeit auf breiter Front droht und wie Firmen gegensteuern können.

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Kurzarbeit und Abbau von Plusstunden auf dem Arbeitszeitkonto statt Stellenstreichungen: Der mittelständische Maschinenbauer Alfred H. Schütte will seine Fachkräfte auch im Konjunkturabschwung halten, wie Firmenchef Carl Martin Welcker berichtet. Welcker ist auch Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA. Während Großkonzerne wie ThyssenKrupp, BASF, Siemens oder die Deutsche Bank mit dem geplanten Abbau Tausender Jobs für Schlagzeilen sorgen, halten kleinere und mittlere Unternehmen bislang Kurs. Sie gelten als Motor des deutschen Arbeitsmarktes.

„Die Beschäftigung im Mittelstand hat in den letzten Jahren eine Schallmauer nach der nächsten durchbrochen“, erläutert Michael Schwartz, Mittelstandsexperte der staatlichen Förderbank KfW. Mehr als 31 Millionen Menschen beschäftigten die etwa 3,76 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen nach jüngsten KfW-Daten Ende 2017. Das waren gut 70 Prozent aller Erwerbstätigen.

Allerdings drücken internationale Handelskonflikte und die Konjunkturabkühlung mittlerweile auch auf die Stimmung in der Chefetage kleinerer und mittlerer Firmen. Die Unternehmen beurteilen die aktuelle Geschäftslage schlechter und blicken pessimistischer in die Zukunft. Anlass zur Sorge sieht Schwartz jedoch nicht: „Insgesamt gehen wir derzeit noch von einem Zuwachs an neuen Stellen im Mittelstand aus, auch wenn dieser schmaler ausfallen dürfte als in den Vorjahren.“

Ähnlich beurteilt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Situation: „Die Gesamtlage ist eine andere, als die Schlagzeilen über den Stellenabbau bei einigen prominenten Konzernen suggerieren.“

„Unser Arbeitsmarkt ist gegenüber konjunkturellen Schwankungen viel robuster als früher“, erläutert Weber. Das liege vor allem an der Arbeitskräfteknappheit. „Viele mittelständische Unternehmen suchen nach wie vor händeringend Fachkräfte.“ Zugleich vermeiden Firmen Entlassungen, „weil sie wissen, dass sie kaum Mitarbeiter finden, wenn die Konjunktur wieder anzieht.“

Auch nach Einschätzung von LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert wird der Arbeitsmarkt weiterhin stabil bleiben. Die Unternehmen dürften vor Entlassungen zurückschrecken und eher das Instrument der Kurzarbeit nutzen, sagte der Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Nach einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts fahren derzeit 3,8 Prozent der Unternehmen in der verarbeitenden Industrie Kurzarbeit. 8,5 Prozent rechnen damit in den kommenden drei Monaten. Das ist der höchste Wert seit 2013. Wenn ein Betrieb etwa wegen fehlender Aufträge die Arbeitszeit verringern muss, zahlt die Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeitergeld an die betroffenen Beschäftigten. So sollen Entlassungen vermieden und der Verdienstausfall teilweise ausgeglichen werden.

Eine weitere Möglichkeit, Personal zu halten, ist der Abbau von Plusstunden auf Arbeitszeitkonten. Die Unternehmen sollten zudem die Zeit nutzen, um die Mitarbeiter weiterzubilden, empfiehlt Weber. „Es ist wichtig, mit den Beschäftigten den Strukturwandel aufgrund der Digitalisierung zu schaffen.“

Nach einer IAB-Studie sind seit den 70er-Jahren die durch Automatisierung und den Einsatz von Robotern entstandenen Jobverluste durch neue Arbeitsplätze ausgeglichen worden. „Technischer Fortschritt hat in Deutschland bislang nicht zu weniger Arbeit geführt, sondern zu einer Umschichtung von Arbeitsplätzen und Arbeitskräften“, heißt es in der Studie. Die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften sei gestiegen, Geringqualifizierte waren hingegen weniger gefragt.

Zwar erwarten die Forscher, dass das Beschäftigungsniveau auch durch die Digitalisierung insgesamt nicht sinken wird. Rund 1,5 Millionen Stellen könnten wegfallen und in ähnlichem Umfang neue entstehen. Die neuen Jobs wiesen aber oft ein anderes Anforderungsniveau auf. Qualifizierung sowie professionelle Beratung und Vermittlung seien deshalb von zentraler Bedeutung. Weber mahnt: „Wir stehen vor sehr großen Herausforderungen. Um gut durch den Wandel zu kommen, brauchen wir Weiterbildung mit demselben Stellenwert wie die Erstausbildung.“

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