Mittelstand und Digitalisierung: „Der Mittelstand kann gegen Amazon bestehen“
WirtschaftsWoche Online: Alle reden von der Industrie 4.0. Wäre die vollständige Vernetzung von Angebot und Nachfrage das Ende von Unternehmen und damit das Ende von unternehmerischer Verantwortung und Innovation?
Hermann Simon: Nein, das halte ich für falschen Alarm. Zwar haben Sie Recht, dass die Vernetzung in vielen Fällen Unternehmensgrenzen verschwinden lässt und zu stärkerer Integration führen kann. Zum Beispiel könnten Zwischenhändler wegfallen, weil der Datenfluss vom Kunden direkt an den Hersteller fließt. Der anschwellende Datenstrom entlang der Wertschöpfungskette kann aber in genauso vielen Fällen zu stärkerer Arbeitsteilung führen, wodurch neue Unternehmen entstehen.
Wie das?
Vielleicht stellt ein Konzern dank der nun zur Verfügung stehenden Produktions- und Nachfragedaten fest, dass bestimmte Aufgaben billiger oder besser von einem externen Dienstleister erledigt werden können. An diesen vergibt er dann Aufträge, statt es selber zu machen.
Kommt dadurch eine neue Welle des Outsourcing, also der Ausgliederung von Aufgaben an Zulieferer, verbunden mit der Entlassung von Mitarbeitern?
Ich glaube nicht, dass die Entwicklung nur in eine Richtung geht, eher in beide. Vielleicht kann uns die digitale Transparenz sogar bei der Suche nach der optimalen Größe von Unternehmen helfen. Auf jeden Fall ermöglicht sie ganz neue Formen, Produkte und Preise zu gestalten. Lkw-Reifen des Herstellers Michelin halten 25 Prozent länger als die der Konkurrenz. Auf herkömmlichen Märkten kann Michelin jedoch keine 25-prozentigen Preiszuschläge verlangen. Dank digitaler Datenerfassung profitiert Michelin trotzdem von seiner besseren Qualität: Das Unternehmen rechnet beim Kunden jetzt für die Kilometerleistung jedes Reifen ab, die direkt am Fahrzeug gemessen wird. Dadurch steigt der Umsatz, wenn der Reifen länger hält. Früher war es genau anders herum. Michelin ist vom Reifenlieferanten zum Mobilitätsversorger geworden.
Davon hat ja sogar der Kunde etwas.
Ein ähnliches Beispiel ist der Windradhersteller Enercon. Er verdient nur dann, wenn seine Anlagen tatsächlich Strom erzeugen, was an der Laufleistung jedes einzelnen Windrads gemessen wird. So nimmt der Hersteller dem Kunden einen Teil des Risikos ab. Bleibt es windstill, verdient Enercon weniger. Das Beispiel zeigt, dass Digitalisierung allein noch kein Fortschritt ist. Zusätzlich braucht es eine ausgefeilte Sensorik, also Messtechnik. Ich bin auf einem Bauernhof in der Eifel aufgewachsen, dort wurde der Wasserverbrauch jedes Hofes pauschal pro Kopf der auf dem Hof lebenden Menschen und Kühe gemessen. Wer Wasser sparte, hatte also nichts davon, während Verschwendung nicht durch höhere Kosten bestraft wurde. Das änderte sich erst mit der flächendeckenden Installation von Wasserzählern in den 1950er Jahren.
Macht die Digitalisierung aus Angestellten Einzelunternehmer?
Gut möglich, denn Kosten und Leistung jedes einzelnen Mitarbeiters lassen sich dank neuer Datentechnik genauestens messen. Trotzdem werden wir noch in Teams oder Abteilungen arbeiten, und nicht nur als Einzelkämpfer. Seltene Spezialisten werden auf diese Weise vielleicht merken, dass sie viel mehr verdienen können, wenn sie sich selbständig machen.
Sind große oder kleine Unternehmen besser?
Großunternehmen können scheitern, wenn sie nicht mehr führbar sind und ihre Chefs die Mitarbeiter nicht mehr motivieren können. Das weltgrößte Unternehmen ist die US-Supermarktkette Walmart mit 2,3 Millionen Mitarbeitern weltweit. Walmart funktioniert trotz seiner Größe nur, weil die einzelnen Supermärkte in den unterschiedlichen Ländern dezentral geführt werden, die Filialen also vieles selbst entscheiden können.
Veranstaltungsort war, wie im letzten Jahr, die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall. Konnten die CEOs damals "Op Art, Kinetik, Licht" bewundern, waren beim geselligen Abend-Event 2017 "Wasser, Wolken, Wind" zu betrachten: Die Sammlung Würth präsentierte ihre Werke zum Thema "Elementar- und Wetterphänomene". Über 200 Gemälde, Druckgraphiken, Collagen, Zeichnungen, Fotografien, Videoarbeiten, Installationen und Skulpturen namhafter internationaler Künstler wurden ausgestellt.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheKunst regt zu Diskussionen an: Robert Friedmann (Würth, links) und Thomas Fischer (Aufsichtsratsvorsitzender Mann+Hummel) im Gespräch.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheAuch der SWR war da, um über das CEO-Event zu berichten: Hier gibt Thomas Fischer, der Aufsichtsratsvorsitzende von Mann+Hummel, ein Interview.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheDas Vorabendevent war gut besucht.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheDer stellvertretende Chefredakteur der WirtschaftsWoche Oliver Stock (l) begrüßt Martin Kind, Geschäftsführer der gleichnamigen Hörgeräte-Kette und Geschäftsführer von Hannover 96.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheBegrüßung durch Dr. Walter Döring, den ehemaligen baden-württembergischen Wirtschaftsminister...
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche...und Inhaber der Akademie Deutscher Weltmarktführer.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheDas Publikum: Amüsiert und interessiert.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheAuch Miriam Meckel, die Chefredakteurin der WirtschaftsWoche, hieß die Gäste herzlich willkommen.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheDer Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe war eigentlicher Gastgeber in der Kunsthalle Würth.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheSeine Rede fand großen Anklang beim Publikum.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheUm 17.15 Uhr sprach Martin Kind, der Geschäftsführer von KIND Hörgeräte...
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche....der seinen Vortrag allerdings in einer anderen Eigenschaft hielt, nämlich...
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche...als Geschäftsführer vom Fußballclub Hannover 96: "Hannover 96 - Ein Wirtschaftsunternehmen".
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheDurch den Abend führte der stellvertretende Chefredakteur der WirtschaftsWoche, Oliver Stock.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheAuch Torsten Grede, der Vorstandssprecher der Deutschen Beteiligungs AG, sprach zu den Teilnehmern.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheZwischendurch war Zeit für ein Gläschen Wein und Networking.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheÜber Innovationsmöglichkeiten in Singapur...
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWochesprachen Thomas Fischer (l) und Yidan Sun (m), hier mit Oliver Stock im Bild (r).
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheYidan Sun ist die Direktorin des Singapore Economic Development Board und informierte...
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche...die Zuhörer über Innovationsmöglichkeiten in Singapur.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheThomas Fischer beteiligte sich als Aufsichtsratsvorsitzender von Mann+Hummel am Event.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWochePeter Wittigs Ausführungen über die Wirtschaftspolitik der USA...
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheinteressierte die Zuhörer enorm.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheWas von Trump zu erwarten ist und welche Konsequenzen seine Politik für den deutschen Mittelstand haben wird...
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWochebetrifft die Entscheider auf dem Gipfeltreffen der Weltmarktführer schließlich ganz direkt.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheÜberleitung zum Höhepunkt des Abends:
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche...dem Kamingespräch zwischen Miriam Meckel und Michael Otto, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Otto Group.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheThema des Gesprächs war die Digitalisierung der Old Economy: Der Internet-Pionier im deutschen Handel und die jungen Wilden.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheAuch zu vorgerückter Stunde waren die Zuhörer noch zu begeistern.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheNoch einmal Applaus zum Ausklang des offiziellen Teils des CEO-Events.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWocheDanach ging es zum kulinarischen Get-together: Eine gute Gelegenheit zum Netzwerken.
Foto: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche
Anders gefragt: Sind mittelständische Unternehmen zu klein, um im Wettbewerb mit Konzernen zu bestehen?
Größe allein ist kein Erfolgsrezept. Bei der Entscheidung, was ein Unternehmen selbst macht und was es bestellt, zählen Kontrolle und Effizienz. Die bekannte Schreibwarenmarke Faber-Castell etwa betreibt eine eigene Holzplantage in Brasilien, 100 Quadratkilometer groß, ein Riesenaufwand für einen Rohstoff, den man sich eigentlich auch leicht von Spezialisten liefern lassen könnte. Das hat Faber-Castell lange Zeit auch getan. Doch das Unternehmen lernte, dass es sehr wichtig ist, die Qualität des Holzes selbst kontrollieren zu können. Nur so lassen sich die jährlich rund zwei Milliarden Bleistifte in gleichbleibender Qualität herstellen. Und der Spülmaschinenhersteller Miele etwa fertigt seine Steuerungen selber, statt sie beim Standardzulieferer Diehl zu kaufen. Deshalb sind Mieles Geräte eben anders als die der Konkurrenz.
Großkonzerne dagegen zwingen mit ihrer Marktmacht kleine Zulieferer, Rohstoffe oder Teile stets in der gewünschten Qualität zur Verfügung zu stellen. So kann Kontrolle auch funktionieren.
Die Konzerne bewegen sich damit auf dünnem Eis. Am Konflikt zwischen Volkswagen und seinem Zulieferer Prevent haben wir erst kürzlich gesehen, dass die vermeintlich totale Kontrolle ein Trugschluss ist. Die Kleinen merken sehr schnell, wenn die großen Markenhersteller von ihnen abhängig werden und drehen den Spieß zuweilen geschickt um. Dann wird Outsourcing plötzlich teuer.
Machen die Digitalisierung und das Internet Mittelständler platt?
Sicher gibt es viele Opfer der Digitalisierung und des Internets, momentan vor allem der lokale Einzelhandel. Trotzdem entstehen dank der neuen Technologien auch immer wieder neue kleinere Anbieter. In der Nähe meines Heimatorts in der Eifel gibt es einen Möbelmarkt, auf den ersten Blick ein wahrscheinliches Opfer des Internets. Der Chef jedoch hat die Not zur Tugend gemacht und sich eine Webseite mit dem einschlägigen Namen moebelguenstiger.net gesichert. Heute macht er 50 Millionen Euro Umsatz, früher waren es fünf.
Nicht jeder Mittelständler kann zu einem zweiten Amazon werden.
Nein, aber der Mittelstand kann gegen Amazon bestehen. Neben der Dominanz der großen Plattformen gibt es immer noch Raum für kleinere Anbieter. Der Matratzenhändler Casper hat sich in einem von großen Handelsketten dominierten Markt nach oben gearbeitet, weil er den Kunden den lästigen Transport abgenommen hat. Die Matratzen sind so gebaut, dass sie gerade noch in das größte Standardpaket der großen Paketdienste wie UPS hineinpassen. Die Internetbestellung wird direkt vom Hersteller nach Hause geliefert, ohne dass es ein teures Filialnetz braucht.