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Mode Banken drehen Gerry Weber den Hahn zu

Eine Gerry-Weber-Filiale. Quelle: imago images

Der seit Jahren taumelnde Modehersteller Gerry Weber beantragt ein vorläufiges Eigenverwaltungsverfahren. Tochterunternehmen wie der Münchner Filialist Hallhuber sind derzeit nicht betroffen.

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„Unser Beitrag zur Sanierung steht“, hatte IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Marc Schneider vergangene Woche erklärt. Bei Gerry Weber in Halle hatten die Mitglieder der IG Metall dem Rettungspaket zugestimmt. Mehr als 120 Gewerkschaftsmitglieder sprachen sich bei einer Mitgliederversammlung in Steinhagen fast einstimmig für das Paket aus.

Demnach waren die 1200 Mitarbeiter der Zentrale und der Logistik in Halle in den nächsten Jahren bereit, auf Weihnachts- und Urlaubsgeld und geplante Tariferhöhungen zu verzichten. Bei einer Rettung erhalten die Mitarbeiter aber nachträglich Geld. Gleichzeitig wurde konzernweit eine kollektive Arbeitszeitverkürzung vereinbart. Die Gerry-Weber-Mitarbeiter leisteten ihren Beitrag, jetzt sollten die Banken am Zug sein.

Wenn die Banken zustimmen und Gerry Weber AG bis zum 31. Januar tatsächlich ein tragfähiges Finanzierungskonzept aufgestellt hat, würden auch die Zugeständnisse der IG Metall wirksam. Doch daraus wird nichts. Gerry Weber ist insolvent. Nach eigenen Angaben von diesem Freitag wurde beim Amtsgericht Bielefeld für die Muttergesellschaft Gerry Weber International AG mit rund 580 Mitarbeitern ein vorläufiges Eigenverwaltungsverfahren beantragt mit dem Ziel, „das Unternehmen im Zuge der laufenden Restrukturierung zu sanieren“.

Das beantragte vorläufige Eigenverwaltungsverfahren bezieht sich ausschließlich auf die Muttergesellschaft Gerry Weber International AG mit rund 580 Mitarbeitern; für die Tochtergesellschaften inklusive Hallhuber wurden keine Anträge gestellt. Im Rahmen der vorläufigen Eigenverwaltung würde der Geschäftsbetrieb der Gerry Weber International in vollem Umfang fortgeführt werden, heißt es in einer AdHoc-Meldung. Nach derzeitigem Stand ist die Finanzierung des Geschäftsbetriebs bis ins Jahr 2020 gesichert. Zur Unterstützung hat der Vorstand den insolvenzrechtlich erfahrenen und in der Modebranche sehr versierten Eigenverwalter und Sanierungsexperten Rechtsanwalt Christian Gerloff, Gerloff, Liebler Rechtsanwälte, hinzugezogen. In der Funktion eines Generalbevollmächtigten wird er insbesondere in verfahrens- und insolvenzrechtlichen Fragestellungen koordinieren. Zum vorläufigen Sachwalter hat das zuständige Gericht Rechtsanwalt Stefan Meyer, Pluta Rechtsanwalts GmbH, einen ebenso branchen- wie insolvenzrechtlich erfahrenen Sanierungsexperten, bestellt. Die Belegschaft wird unmittelbar von dem Verfahren informiert. Die Lohn- und Gehaltsansprüche der Mitarbeiter sind über das Instrument des Insolvenzgeldes sichergestellt.

Das Verfahren in Eigenverwaltung erlaubt die Fortsetzung des Geschäftsbetriebs unter Wahrung der Interessen der Gläubiger, auf die der Sachwalter achtet. Das bedeutet, dass die bestehenden Kunden- und Lieferantenbeziehungen sowie die gegenseitigen Verpflichtungen unter Beachtung des Insolvenzrechts bestehen bleiben. Parallel dazu wird die Sanierung forciert vorangetrieben. Zu den Kernmaßnahmen des Zukunftskonzepts zählen unter anderem die Schließung von rund 230 Verkaufsflächen sowie der Abbau von bis zu 900 Arbeitsplätzen im In- und Ausland. Dies betrifft Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Stores und auf den Verkaufsflächen sowie in den Zentralfunktionen inklusive der Logistik.

Die von Gerry Weber vorgeschlagenen sowie von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ebner Stolz bestätigten umfangreichen Maßnahmen zur Restrukturierung knüpfen an das bereits in der Umsetzung vorangetriebene Performance Programm an. Unmittelbar nach Vorlage des Sanierungsgutachtens wurden jüngst die notwendigen operativen und strukturellen Maßnahmen zur Restrukturierung auf den Weg gebracht.

„Die Einleitung des vorläufigen Eigenverwaltungsverfahrens gibt uns die Möglichkeit, den Sanierungsprozess und das Zukunftskonzept der Gesellschaft zu forcieren“, sagt Dr. Christian Gerloff, Generalbevollmächtigter der Gerry Weber International AG. „Der Vorstand hat ein klares Konzept erarbeitet und verfügt über eine Vision für die Zukunft des Unternehmens. Darüber hinaus verfügen wir nach derzeitigem Stand über hinreichend Liquidität bis in das Jahr 2020, um den laufenden Geschäftsbetrieb voranzutreiben“, kommentiert Gerloff weiter.

Auch Stefan Meyer, vorläufiger Sachwalter, äußert sich zuversichtlich: „Anders als in vielen anderen Fällen ist hier schon sehr viel wertvolle Vorarbeit geleistet worden. Es muss nicht erst ein Restrukturierungsprogramm unter zeitlichem Druck erarbeitet werden. Wir können vielmehr sofort weitermachen, die Maßnahmen des Sanierungsgutachtens umzusetzen, so dass ich sehr optimistisch bin, dass wir schnell zu einer guten und belastbaren Lösung für das Traditionsunternehmen Gerry Weber kommen werden.“

Ausgelöst wurde der Insolvenzantrag durch das Scheitern der Gespräche der Gerry Weber Gruppe mit ihren Finanzierungspartnern, die das Ziel hatten, die Finanzierung des Konzerns zu sichern und auf ein nachhaltig tragfähiges Fundament zu stellen. Bereits am Donnerstag war der Aktienkurs von Gerry Weber massiv unter Druck geraten. Die Kurse gaben unter hohem Volumen rund 25 Prozent nach. Am Freitag stürzten die Papiere dann um knapp 65 Prozent auf 0,61 Euro in die Tiefe.

Kaum ein anderer Wirtschaftszweig gilt als ähnlich krisenanfällig wie die Modebranche. Schon in den vergangenen Jahren häuften sich die Pleiten – und in diesem Jahr verschärfte die Sommerhitze die Lage der Branche noch. Gleich reihenweise kappten Modeunternehmen in den vergangenen Wochen und Monaten ihre Prognosen und leiteten Sparprogramme ein.

Gerry Weber stand schon vor wenigen Monaten knapp vor der Pleite. In letzter Sekunde gelang es dem Management jedoch, mit den Banken eine Stundung auszuhandeln. Erst vor wenigen Tagen gab der kriselnde Modekonzern große Verluste in der Bilanz bekannt. Hohe Beratungskosten, Restrukturierungsmaßnahmen, außerplanmäßige Abschreibungen und Wertberichtigungen sorgten für einen Verlust von 148 Millionen Euro beim operativen Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit). Ohne diese Sondereffekte lag das Minus zum Ende des Geschäftsjahres 2017/2018 zum 31. Oktober bei 15,5 Millionen Euro.

Vor einem Jahr hatte Gerry Weber bei dieser Kennzahl noch ein Plus von 10,3 Millionen Euro vermeldet. Der Umsatz lag mit 795 Millionen Euro rund 10 Prozent unter dem Vorjahreswert. „Mit der Entwicklung im vergangenen Geschäftsjahr können wir nicht zufrieden sein. Sie kommt aber auch nicht mehr überraschend“, kommentierte Vorstandssprecher Johannes Ehling die vorläufigen Zahlen.

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