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Neuer Campus Brita setzt auf den WOW-Effekt

Brita baut sich eine nachhaltige Zentrale – das ist die Botschaft, die das Unternehmen aussenden will Quelle: BRITA

Der Wasserfilterhersteller Brita baut seine Zentrale im Taunusstein um. Der Bau soll nachhaltiger und moderner werden – und dem Unternehmen in der Homeoffice-Ära sehr viel Geld einsparen.

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Auf dem Gelände der Brita-Unternehmenszentrale im deutschen Taunusstein ragen schon aus der Ferne sichtbar die Baukräne in die Höhe. Im Neubau starten gerade die Bodenarbeiten: die Platte ist frisch isoliert, das Kellergeschoß fertiggestellt. Jetzt geht es in die Vertikale. Der Hersteller für Wasserfilter will hier nicht nur renovieren, sondern einen Öko-Campus errichten. Mitte 2022 soll alles fertig sein. Auf dem neuen 7,5 Hektar großen Gelände, so wirbt zumindest das Unternehmen, soll es zukünftig energieeffizient und ressourcenschonend zugehen. Die Gebäude haben Architekten modern nach einer Holzhybridbauweise entworfen.

Brita baut sich eine nachhaltige Zentrale – das ist die Botschaft, die das Unternehmen aussenden will. Der Familienbetrieb verspricht sich einen enormen Werbeeffekt – und auch mehr Umsatz. Am Ende ist der Bau auch ein Eingeständnis, dass die Wasserfilterprodukte nicht einwandfrei nachhaltig sind - und das Unternehmen noch mehr tun muss, um sich ehrlich zu machen.

Brita ist ein weiteres Beispiel, wie Unternehmen über den Bau einer ökologischen Zentrale versuchen, ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Investoren und Banken erhöhen inzwischen den Druck auf die Firmen – Kredite gibt es oft nur, wenn die Schuldner Nachhaltigkeit zur Unternehmensstrategie erkären. Das gilt auch für Familienunternehmen. Brita investiert mehr als 40 Millionen Euro in den Bau. Ist es das wert?

Brita-Chef Markus Hankammer auf der Baustelle der neuen Firmenzentrale. Quelle: BRITA

An sich ist bei Brita das Thema Nachhaltigkeit schon in den Produkten angelegt. Das mittelständische Unternehmen im Taunusstein hilft mit seinen Geräten, Wasser von Schwermetallen, Kalk und Chlor zu befreien. 1970 hat Firmengründer Heinz Hankammer mit der Erfindung eines Tischwasserfilters für den Haushalt eine Marktnische entdeckt. Heute hat das globale Multiproduktunternehmen mehr als 2200 Mitarbeiter, ist in 70 Ländern aktiv und wird von seinem Sohn Markus Hankammer geführt.

Das Unternehmen gibt sich umweltfreundlich: Mit seinen Filtersystemen macht Brita nach eigenen Angaben weltweit jährlich vier Milliarden Plastikflaschen überflüssig – ganz zum Ärger der deutschen Mineralwasser-Lobby. Denn die wirbt gerne damit, dass in Deutschland das Krahnwasser zwar trinkbar, aber durch alte Rohre mikrobiologisch oder mit Schwermetallen verunreinigt sein könnte. Brita ärgert mit seinem Filtersortiment damit auch große Konzerne wie Nestlé oder Danone, die Mineralwasser in Flaschen verpacken und teils 100 mal teurer verkaufen als Leitungswasser.

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    Noch mehr Druck auf die Branche hat Brita im vergangenen Jahr ausgeübt, als es das Warburger Unternehmen Filltech kaufte, das beispielsweise die CO2-Zylinder für Kunden wie Sodastream entwickelt. Durch den Kauf von Filltech habe Brita nun auch die Versorgung für sich selbst sichergestellt, sagt CEO Hankammer der WirtschaftsWoche. Denn US-Giganten wie Pepsi drängen bereits verstärkt auf den Leitungswassermarkt. 2018 kaufte der Pepsi-Konzern zum Beispiel Sodastream.



    Doch auch Brita ist kein lupenreiner Umweltschützer. Das Geschäftsmodell mag zwar nachhaltiger sein als die von Nestlé und Danone, doch wirklich umweltfreundlich ist es nicht. Die Kartuschen der Wasserfilter bestehen aus Plastik und sind für den Verbraucher nicht wiederverwendbar. Einmal im Monat sollen Kunden sie wechseln und damit entsorgen. Wegen der organischen Stoffe in den Kartuschen gehören sie nicht in den Plastik-, sondern sind Restmüll. Und landen damit in der Müllverbrennungsanlage.

    Menschen mit besonders kalkhaltigem oder anders verunreinigtem Leitungswasser müssen sich also entscheiden: entweder sie filtern ihr Leitungswasser und nehmen den vielen Plastikmüll in Kauf, oder sie versauen sich mit ungefiltertem Wasser gerne schneller Kaffeemaschinen und Wasserkocher.

    Um dieses Dilemma zu lösen, bietet Brita seinen Kunden seit einiger Zeit an, die gebrauchten Filterkartuschen zurückzusenden, dass passt zur Nachhaltigkeitskampagne – und dem neuen Campus. Der Verbraucher kann aber erst ab sechs gesammelten Kartuschen einen kostenlosen Rücksendeschein beantragen.

    Im hauseigenen Recyclingprogramm verarbeitet das Unternehmen die Kartuschen nach eigenen Angaben dann zu Granulat. Das lässt sich für neue Produkte verwenden, zum Beispiel als Teile in der Automobilindustrie. Laut Unternehmen seien die Kunststoffe und Glasfasergemische des Gehäuses mittlerweile zu 100 Prozent recycelbar. Nur bei den Kopfteilen stößt das Recycling an seine Grenzen. Dort sind verschiedene Kunststoffteile untrennbar miteinander verschweißt. Sie müssen entsorgt werden.

    Eine ähnliche Mischung aus Neu- und Umbau soll auch der neue Öko-Campus werden. „Er wird unsere Überzeugung von der Notwendigkeit einer ökologischen Ausrichtung der Wirtschaft nach außen wie innen tragen und unsere Belegschaft wie unsere Kunden und Partner dazu animieren“, sagt Geschäftsführer Markus Hankammer. Im ersten Schritt will Brita zwei von fünf Bürogebäuden errichten und mit dem bestehenden Empfangsgebäude verknüpfen.

    Doch der Campus soll nicht nur ökologischer sein, sondern auch neue Arbeitsweisen ermöglichen. Das heißt: Schluss mit festgelegten Schreibtischen und Großraumbüros. „Modern“ nennen das Unternehmer heutzutage gerne. Hankammer hat sich einen neuen Namen dafür ausgedacht, der die eigene Euphorie und das Selbstbewusstsein wohl am besten ausdrückt: „WOW, also WAY of Working.“

    Die Pandemie spielte dem CEO dabei in die Hände. Nicht nur, weil Mitarbeiter vermehrt im Homeoffice arbeiten wollen und sich der CEO damit Platz spart – pro Mitarbeiter gibt es nur noch 0,6 Schreibtische. Sondern auch, weil Brita zu einem der großen Corona-Gewinner gehört. 2020 erzielte die Brita Gruppe einen Rekordumsatz von rund 620 Millionen Euro, 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Zwar litt das Geschäft mit Trinkwasserspendern für Büros, Schulen, Krankenhäuser und Gastronomie aufgrund der weltweit zahlreichen Lockdowns. Doch vor allem die Privatkonsumenten-Sparte boomte und mit der generiert Brita ohnehin 70 Prozent des Gesamtumsatzes.

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    Zumindest vor Ort kommt Nachhaltigkeitskurs des Unternehmens gut an. Die Stadt Taunusstein profitiert von dem Ehrgeiz Hankammers und dem Ausbau des Öko-Campus. 250 neue Mitarbeiter sollen auf dem Gelände einen Platz finden. Bürgermeister Sandro Zehner (CDU) ist so stolz über den Steuereintreiber, dass er die Heinrich-Hertz-Straße, auf der gerade fleißig die Bauarbeiter werkeln, in die Heinz-Hankammer-Straße umbenennen möchte.

    Mehr zum Thema: Seit fünf Jahren steht Kasper Rorsted an der Spitze von Adidas, Europas größtem Sportkonzern. Das Dax-Unternehmen hat sich hohe Ziele in Sachen Nachhaltigkeit gesteckt.

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