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Olympiasiegerin Malaika Mihambo „Ich bin von klein auf sparsam erzogen worden“

Olympia in Tokio: Malaika Mihambo aus Deutschland springt und jubelt über Gold im Weitstprung. Quelle: dpa

Spannender kann man es fast nicht machen. Erst im letzten Weitsprung-Versuch gelang Malaika Mihambo der goldene Satz über 7,00 Meter. Damit ist sie die erste deutsche Olympiasiegerin seit Heike Drechsler im Jahr 2000. Ein Gespräch über Vorbilder, Traditionen in Sport und Wirtschaft – und die Bezahlung von Leichtathleten.

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Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo hat bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille gewonnen. Die 27-Jährige sprang in ihrem letzten Versuch 7,00 Meter und setzte sich damit vor der Amerikanerin Brittney Reese und Ese Brume aus Nigeria durch. Das Interview erschien erstmals im Februar 2020 bei der WirtschaftsWoche und wurde am Rande des Gipfeltreffens der Weltmarktführer geführt.

WirtschaftsWoche: Frau Mihambo, in Schwäbisch-Hall haben Sie jüngst hunderten Weltmarktführern einen Einblick in die Welt des Spitzensports gegeben. Verbindet Sie als Weltmeisterin im Weitsprung eigentlich etwas mit all den Familienunternehmern?
Malaika Mihambo: Ich denke, dass uns die herausragenden Leistungen verbinden. Dafür brauchen Unternehmer wie auch Spitzensportler Werte und Eigenschaften, die sie verkörpern: Disziplin, Selbstvertrauen – oder auch Visionen.

Hier sitzen viele Familienunternehmen, deren Erfolg auch auf jahrelanger Tradition fußt. Auch da gibt es eine mögliche Parallele zu Ihnen: Sie werden seit dem zehnten Lebensjahr von Ihrem Trainer Ralf Weber trainiert. Wie wichtig ist Ihnen Tradition?
Mein Trainer und ich konnten in den vielen Jahren zusammenwachsen. Hinzu kommt, dass sich mein Trainer stets weiterbildet und sich über die neusten Trainingsmethoden informiert – alles, um unser Training noch besser und effektiver zu machen. Dadurch konnte ich auch in meiner Heimat, in meinem Verein bleiben – das war für mich der genau richtige Weg. Doch auch Sportler, die ganz andere Wege einschlagen, können ihre Ziele erreichen.

Doch zu viel Tradition kann natürlich auch dazu führen, dass es nicht mehr bergauf geht. Sie sich nicht mehr steigern. Oder nicht?
Klar, nur der Tradition willen an Altem festzuhalten, halte ich für falsch – man sollte stets hinterfragen, ob es noch passt, ob man nicht etwas verbessern könnte. Doch gerade im Sport ist es sehr wichtig, dass sich Trainer und Athlet gut kennen und sich vertrauen. Hier hilft Tradition durchaus.

Malaika Mihambo auf dem Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch-Hall. Quelle: Thorsten Jochim für WirtschaftsWoche

Ein Unternehmer schafft es nicht ganz allein an die Weltspitze, braucht zum Beispiel gute Mitarbeiter. Wen haben Sie neben Ihrem Trainer noch um sich?
Ich habe noch zwei Co-Trainer: Einen für das Krafttraining und einen, der etwa bei den Wettkämpfen filmt. Wir analysieren nämlich anhand von Videos, was wir noch verbessern können. Außerdem gehört ein gutes Physio- und Ärzte-Team dazu. Meine Trainingspartner sorgen dann noch dafür, dass der Trainingsalltag immer spannend bleibt.

Stehen Sie ständig in Kontakt mit den anderen Athleten?
Ja, wir kommen ständig zusammen, um das Training zu beginnen, machen uns gemeinsam warm oder laufen uns am Ende zusammen aus. Disziplinen wie Weitsprung oder der Sprint leben aber auch davon, in einem wahnsinnig kurzen Zeitraum höchste Leistung zu erbringen. Dementsprechend haben wir auch viele Pausen, in denen wir uns unterhalten und uns so besser kennenlernen.

Das Zwischenmenschliche scheint in der Profi-Leichtathletik nicht zu kurz zu kommen. Was womöglich zu kurz kommt, ist die Bezahlung der Leichtathleten. Gerade wenn wir mal auf die Millionengehälter und Werbeverträge im Profifußball schauen.
Klar, man kann die Leichtathletik nicht mit dem Fußball vergleichen. Die erzielten Preisgelder bei einzelnen Wettkämpfen sind für Normalverdiener trotzdem noch viel Geld. Doch im Vergleich mit Fußball oder Basketball ist es immer noch Nichts. Und das, obwohl der gleiche Aufwand dahintersteckt. Ich bin aber von klein auf sparsam erzogen worden und freue mich jetzt umso mehr, dass ich von meinem Sport gut leben kann. Das ist ja nicht selbstverständlich.

Was machen Sie mit Ihren Preisgeldern? Legen Sie sie an?
Ja, teilweise. Auch wenn das Sparen zurzeit ja nicht so lukrativ ist. Ich habe seit meiner Goldmedaille in Doha allerdings nichts verändert, lebe noch in derselben kleinen Wohnung und fahre denselben Kleinwagen wie zuvor. Ich lebe schon immer recht minimalistisch, auch wenn es mir seit Doha und der EM 2018 finanziell natürlich um einiges besser geht.

Gerade im Fußball entwickeln sich Spieler zu eigenen Marken und stehen stellvertretend für ihren Verein oder den gesamten Sport. In der Leichtathletik hat das höchstens Sprint-Star Usain Bolt geschafft. Reizt Sie das auch? Die Marke Malaika Mihambo?
Ich finde das ziemlich beachtlich, wenn es ein Athlet schafft, zu einer Marke zu werden. Ob es am Ende gelingt, hängt aber von vielen verschiedenen Faktoren ab.

Es gibt in der deutschen Leichtathletik also keine Athleten, die dieses Ziel verfolgen?
Ich glaube, dass man das differenzierter betrachten muss. Der Deutsche Leichtathletik-Verband sorgt mit seinen Kooperationen und Partnerschaften dafür, dass alle Athleten, die dem Verband angehören davon profitieren und ihren Sport gut ausüben können. Die Vermarktung einzelner Athleten ist da hingegen viel individueller und man entscheidet sich bewusst für oder gegen Kooperationen.

Spätestens seit Ihrer Goldmedaille in Doha sind Sie für viele junge Athleten ein Vorbild. Haben oder hatten Sie selbst eigentlich Vorbilder?
Um ehrlich zu sein nicht, nein. Natürlich finde ich es bemerkenswert, wenn Menschen herausragende Leistungen, sei es im Sport, in der Musik, in der Wirtschaft oder in der Politik, erreichen. Aber ich bin nicht der Typ, der Vorbilder hat und diesen nacheifert.

Haben Sie da ein Beispiel?
Ich habe zuletzt die Biografie der Aktivistin Malala Yousafzai gelesen (Anm. d. Red.: seit 2017 Friedensbotschafterin der UN). Sie ist eine so starke und beeindruckende Persönlichkeit, die gegen alle Widrigkeiten für Ihre Werte eintritt. Ich versuche, meinen eigenen Weg zu gehen und stelle mir immer wieder die Frage: Wie kann ich das Beste aus mir herausholen?

Sie selbst sind auf dem bisherigen Höhepunkt Ihrer Karriere. Dass Sie nebenbei noch Umweltwissenschaften studieren, überrascht. Warum tun Sie sich das an? Sie könnten sich auch voll auf den Sport fokussieren.
Weil es mir persönlich wichtig ist und ich das Studium auch wahnsinnig interessant finde. Nochmal interessanter als meinen Bachelor in Politikwissenschaften. Es fasziniert mich regelrecht. Das Studium, sowie das Klavierspielen und mein soziales Engagement bringen mich im Sport weiter. Aus ihnen ziehe ich zusätzliche Kraft.

Damit verhält es sich in besserbezahlten Sportarten auch anders. Ein Profifußballer muss sich häufig gar nicht fragen, was er später einmal macht. Viele bleiben dem Sport treu, machen einen Trainerschein oder werden TV-Experten. Stört es Sie, dass es bei Ihnen voraussichtlich nicht ganz so leicht wird?
Nein, ich sehe das aus einer anderen Perspektive. Ich empfinde es vielmehr als Bereicherung, dass ich mich mit meiner Zukunft beschäftige und mir für später etwas aussuchen und aufbauen kann, was mir Freude bereitet und keinen vorgegebenen Weg gehen muss. Selbst wenn ich so viel Geld hätte, dass ich nie mehr arbeiten müsste, würde ich mich damit beschäftigen, was ich noch erreichen will.

Mehr zum Thema: Drei Sportarten haben während der Olympischen Spiele Potenzial, mehr Zuschauer anzuziehen als die Eröffnungs- und Abschlussfeiern. Ob den Zuschauern die Marken im Gedächtnis bleiben, die das Team Deutschland sponsern?

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