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Partnerland der Hannover Messe Warum Schwedens Energiewende so erfolgreich ist

Schweden Energiewende Quelle: Colin Keldie

Eigene Zielwerte übertroffen und in Rankings führend – in Schweden scheint die Energiewende zu fruchten. Diesen Erfolg zelebriert das Land an den letzten Tagen der Hannover Messe, auch wenn nicht alles rund läuft.

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Am westlichen Rand des Messegeländes in Hannover abseits der Stände von Bosch, Siemens, ABB und anderen großen Industrieunternehmen liegt Halle 27. In ihr sticht ein Stand optisch besonders hervor: Der knallgelbe „Sweden Co-Lab Pavillon“ des diesjährigen Partnerlands der Hannover Messe. Dass hier nicht weniger Innovationen zu finden sind als drüben bei den großen Industrieunternehmen, soll schon das Motto suggerieren: „Come Innovate with Us!“

Innovationen schwedischer Unternehmen finden sich auf der Hannover Messe oder in Schweden selbst nicht zuletzt in einem entscheidenden Bereich: Energie. Am Messedonnerstag eröffnete Anders Ygeman, der schwedische Minister für Digitalisierung und Energie, in Halle 27 einen sogenannten Pitch. Mehr als zwanzig schwedische Start-ups präsentierten einer Jury ihre Produkte und Ideen, mit denen sie Schweden auf dem Weg zu einer von fossilen Energieträgern freien Nation maßgeblich unterstützen wollen.

Gemeinsam mit großen Energieversorgern wie Vattenfall sind diese jungen Unternehmen die treibende Kraft der schwedischen Energiewende. Dass diese Zusammenarbeit Erfolg hat, zeigt sich unter anderen im Klimaschutz-Index der deutschen Organisation „Germanwatch“, in dem Schweden den vordersten Platz belegt. So viel vorweg: Alles läuft auch in Schweden nicht rund. Und dennoch könnte sich Deutschland einiges vom „Swedish Way“ abschauen und sollte bei der eigenen Energiewende der schwedischen Einladung zur Zusammenarbeit durchaus Folge leisten.

Immerhin ist der Anteil an erneuerbaren Energien am Endverbrauch in Schweden mit 54,5 Prozent über Jahre hinweg EU-weit am höchsten. Bereits 2012 übertraf das skandinavische Land die eigene Zielsetzung von 49 Prozent bis 2020 und will bis 2040 gar ausschließlich erneuerbare Energien nutzen. Deutschland hingegen taumelt seit 2014 bei 14,5 bis 15,5 Prozent und droht den Zielwert von 18 Prozent im Jahr 2020 deutlich zu verfehlen.

Auch auf der Hannover Messe machte sich auf deutscher Seite eher Ernüchterung breit – gerade in der Windenergie: Der Fachverband Power Systems im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) bestätigte in Hannover zwar einen positiven Trend in der Windenergie in Europa, Nordamerika, Asien und Afrika – nur eben nicht in Deutschland. Stattdessen fordert der Verband vereinfachte Genehmigungen oder eine „ausgeglichene Betrachtung des Naturschutzes“. „Noch in diesem Jahr muss ein Aktionsplanplan Windenergie aufgesetzt werden“, sagte VDMA Power Systems-Geschäftsführer Matthias Zelinger.

Ganz anders sind die Aussichten für die Windkraft in Schweden, wie aus der Studie „Absatzmarkt Schweden“ der Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI) hervorgeht: „Seit 2014 expandiert die schwedische Windenergie mit jährlichen Zuwächsen der installierten Leistung im oberen einstelligen Prozentbereich“, erklärt Michał Woźniak, Direktor für Schweden, Norwegen und Dänemark bei der GTAI. Zwischen 2017 und 2021 würde die jährliche Windstromproduktion laut dem Branchenverband Svensk Vindenergie um etwa ein Drittel zulegen.

Die Rolle der deutschen Unternehmen

Auch deutsche Unternehmen treiben die schwedische Energiewende voran. So hat Eon im vergangenen Jahr das Unternehmen Solar Supply Sweden übernommen und ist in dem Land, das gerade einmal knapp 10 Millionen Einwohner hat, mit mehr als 2000 Mitarbeitern vertreten. Gemeinsam mit dem Schweizer Investmentunternehmen Credit Suisse Energy Infrastructure Partners will Eon in Schweden einen der größten Onshore-Windparks Europas bauen. Dieser soll im „bewaldeten und hügeligen Bezirk Västernorrland in Mittelschweden in der Nähe von Sundsvall, einem Gebiet mit hervorragenden Windverhältnissen entstehen“, wie es bei Eon heißt. Die Anlage soll eine Leistung von 475 Megawatt haben, für die mehr als 100 Turbinen sorgen würden.

Doch nicht nur an der industriellen Energieerzeugung sind deutsche Unternehmen beteiligt. Bosch etwa will Kunden in schwedischen Häusern eine klimaschonende Wärmeversorgung ermöglichen – und zwar mit Wärmepumpen. Von der Politik wird diese Technologie stark gefördert, was Bosch zugutekommt. Mehr als 90 Prozent aller Neubauten sind bereits mit einer Wärmepumpe ausgestattet. In mehr als der Hälfte aller bestehenden Ein- bis Zweifamilienhäuser sorgen Wärmepumpen für Heizung und Warmwasser.

Und der Bedarf nach Alternativen zu alten Ölkesseln ist groß: Heizung und warmes Wasser machen hierzulande etwa 40 Prozent der CO2-Emissionen aus. Bei Debatten über umweltverschmutzende Autos gerät das oftmals in Vergessenheit. Eine sogenannte Luft-Wasser-Wärmepumpe von Bosch wandelt die in der Umgebungsluft gespeicherte Energie in nutzbare Wärme um.

Schwedens Atom-Problem

Doch die klimafreundlichere Wärme hat ihren Preis: „Der Umstieg von Öl oder Gas auf eine Wärmepumpe inklusive Erschließung und Installation beginnt ab ca. 12.000 Euro“, erklärt Günther Schlachter, Vice President Portfolio Management bei Bosch Thermotechnik. Allerdings hilft der Staat Umsteigewilligen: „Grundsätzlich ist es gut, dass Wärmepumpen vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle finanziell gefördert werden“, sagt Schlachter. „Der Verwender sollte bei der Kaufentscheidung allerdings die Betriebskosten beachten. Die Bezugspreise für eine Kilowattstunde Strom liegen bei knapp 30 Cent. Die für Gas allerdings nur bei etwa 7 Cent pro Kilowattstunde.“

In Schweden ist das anders: „Der Strom ist wesentlich günstiger als hierzulande und das Gas etwas teurer. Im Betrieb sind Wärmepumpen in Deutschland also deutlich teurer, deswegen sollte man auf einen guten Wirkungsgrad achten“, empfiehlt Schlachter. Neben bekannten Unternehmen tragen auch neu gegründete schwedische Firmen ihren Teil zu Innovationen rund um die Energiewende bei: So zum Beispiel CorPower Ocean. Der CEO des 2009 gegründeten Start-ups, Patrik Möller, hat an der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm mit seinem Team eine Lagerhalle zum Unternehmensstandort umgerüstet. Mitten darin liegt das Produkt von CorPower Ocean: der Prototyp einer gelbblauen riesigen Boje.

Ein Offshore-Bojenpark

Diese möchte CorPower bald in Serie produzieren und in die Ozeane setzen, um mit ihr Energie zu erzeugen. Wie? Die Boje soll als hochwirksames Wellenkraftwerk die Energieerzeugung und Bewegung einer eintreffenden Welle erheblich verstärken und in Energie umwandeln. Durch ein neues Steuerungsverfahren sollen die Bojen sogar in Resonanz mit eintreffenden Wellen schwingen. Dadurch soll eine fünfmal höhere Energiedichte als bei klassischen Wellenenergie-Kraftwerken erreicht werden. Bei diesem Kontrollsystem kooperiert das Start-up mit dem deutschen Mittelständler Beckhoff.

Bislang hat CorPower die Boje lediglich getestet – unter anderem in der schottischen See. Sechs der 30 Mitarbeiter sind allein mit der Simulation von Wellen beschäftigt und sollen das Steuerungsverfahren stetig verbessern. Der Prototyp der Boje ist allerdings jetzt schon so groß, dass er in der Lagerhalle lediglich auf der Seite liegen kann. Bis Ende des Jahres möchte das Start-up in eine größere Halle am Stadtrand von Stockholm umziehen. Möllers Vision sind ganze Bojen Parks, nach dem Vorbild von Offshore-Windparks.

„Wellenenergie wird zwar in absehbarer Zeit keine Rolle in Schwedens Strommix spielen“, sagt CEO Möller. Die Technologie sei aufgrund der moderaten Wellen rund um schwedische oder deutsche Küsten nicht so attraktiv. „Dennoch unterstütz die schwedische Regierung uns und andere Entwickler finanziell sehr stark mit dem Ziel, eine neue Exportstrategie aufzubauen“, erklärt Möller.

Der ein oder andere neue, erneuerbare Energieträger würde auch Schweden selbst guttun, denn alles läuft bei der Energiewende nicht rund. Ein Atomausstieg ist in Schweden anders als in Deutschland nämlich noch nicht beschlossene Sache. „Vor zehn Jahren hat die schwedische Regierung den Vorstoß eines Atomausstiegs wieder zurückgezogen", erklärt Michał Woźniak von der GTAI. "Neue Kernkraftwerke sind derzeit nicht geplant, aber die bestehenden haben teilweise eine Laufzeit bis 2045. Ob dann wirklich Schluss sein sollte, darüber wird gerade in der schwedischen Politik wieder diskutiert.“ Bis dann möchte Schweden allerdings nur noch Energie aus ausschließlich erneuerbaren Energieträgern nutzen. Dafür müsste ein Plan für die Zeit nach der Atomkraft her.

„Wasserkraft liefert in Schweden geringfügig mehr Energie als Atomkraft – 2017 waren es knapp 65 TWh“, erklärt Woźniak. Allerdings lasse sich die Kapazität der Wasserkraftwerke nur noch schwer steigern. „Sollte Schweden ab 2040 ausschließlich auf erneuerbare Quellen setzten wollen, würde nach heutigem Stand Windkraft die einzige echte Alternative sein.“ Laut Woźniak stehe Schweden vor dem gleichen Netzproblem wie Deutschland: „Die besten Standorte für Windräder sind im Norden, der größte Bedarf im Süden des Landes. Eine klare, strategische Vorgabe für den zukünftigen Energiemix steht aus. Klar ist nur, er soll 'fossilfrei' sein.“

In der Regierung kocht das Thema dieser Tage wieder hoch: Im Wirtschaftsblatt „Dagens Industri“ schrieb der Vorsitzende der Moderaten-Partei Ulf Kristersson ein Plädoyer für den Ausbau der Atomkraft. Baldige Stilllegungen von Reaktoren könnten zu höheren Strompreisen und schwierigeren Bedingungen für die Systemstabilität des Stromnetzes führen und so der schwedischen Wettbewerbsfähigkeit schaden. Kristersson fordert ab 2040 nicht ausschließlich erneuerbare Energie, sondern „fossilfreie“ Energie zu nutzen. Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Die Vize-Ministerpräsidentin Isabella Lövin bezeichnet Kristerssons Forderungen als „verantwortungslos“. Vielen Rankings zum Trotz hat Schweden den einen Plan für eine Zukunft, die aus erneuerbaren Energien besteht, also doch noch nicht gefunden.

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