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Riskante Dienstreisen „Achten Sie darauf, genügend Vorräte im Hotelzimmer zu haben“

Afrika bleibt für Unternehmer laut einer aktuellen Untersuchung eines der gefährlichsten Reiseziele. In Chile und Hongkong gibt es Massendemonstrationen. Gefährliche Zeiten auch für ausländische Manager, die in den Regionen unterwegs sind. Der Antiterrorexperte David Hartmann erklärt, wie er Geschäftsreisende auf Krisengebiete vorbereitet und was zu tun ist, wenn man unerwartet in einen Massenaufstand gerät.

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David Hartmann ist Fachmann für asymmetrische Kriegsführung und war zuvor in unterschiedlichen Positionen beim israelischen Militär- und Staatsdienst tätig. Hartmann ist Antiterror- und Sicherheitsberater mit Schwerpunkt Afrika.

WirtschaftsWoche: Laut Travel Risk Map bleibt Afrika der weltweite Gefährdungshotspot Nummer eins. Sie sind Antiterror- und Sicherheitsberater mit Schwerpunkt Afrika und bieten auch Trainings beim Meadow Bridge Training Center in der Nähe von Frankfurt an, bei denen Sie Geschäftsleute für Reisen in Krisengebiete schulen. Was ist Ihr wichtigster Tipp zur Vorbereitung und zur Sicherheit vor Ort?
David Hartmann: Man muss unterscheiden zwischen taktischer und strategischer Sicherheit. Die taktische Sicherheit ist der handwerkliche Teil. Hier lernt man etwa, wie man sicher mit einem Auto von A nach B kommt, wie man sich in einer Unterkunft sichert, wie man zur Not mit einer Waffe umgeht. Natürlich gehört auch Notfallmedizin zu diesem Bereich. Strategische Sicherheit heißt, die Lage zu analysieren, bevor ich wohin fahre. Man muss seine Geschäftspartner analysieren und auch die Frage beantworten können, wer einem in Krisenländern gefährlich werden könnte. Das sind etwa oft Leute, die sich bei Geschäften übergangen fühlen. Die meisten Gefahren liegen dort, wo man andere Menschen und Situationen falsch einschätzt.

Was sind typische Fehler von Geschäftsreisenden, die Ihnen untergekommen sind?
Das sind manchmal ganz unerwartete Dinge. Ein Unternehmer hat etwa bei einer Niederlassung in Westafrika einen Mitarbeiter gekündigt. Was er nicht bedacht hat: Dieser Mitarbeiter war der Verwandte von einem sehr mächtigen Mann in dem Ort und damit war das ein Affront gegen die Einheimischen. Dieser Unternehmer wurde damals tatsächlich beschossen.

Den Ernstfall überleben: Ausbilder David Hartmann hat Jahre in der israelischen Armee gedient, arbeitete im Staatsdienst und in der Sicherheitsindustrie. Neben den Seminaren für Unternehmer ist er auch als Antiterror- und Sicherheitsberater in Afrika unterwegs. Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche

Die weltweiten Krisenherde sind derzeit kaum noch zu überblicken. Wie verhält man sich als Geschäftsmann richtig, wenn man gerade im Iran, Chile oder Hongkong ist und plötzlich Massendemonstrationen und Chaos um sich greifen?
Man sollte nach seiner Ankunft in solchen Regionen bei erstbester Gelegenheit einkaufen gehen. Egal in welchem Hotel Sie sind, achten Sie darauf, dass Sie genügend Vorräte im Zimmer haben, um zumindest zwei Tage vollkommen autark dort bleiben zu können, ohne vor die Tür gehen zu müssen. Andererseits wollen Sie natürlich Geschäfte vor Ort machen und viele Reisende wollen Ihren Geschäftspartnern zeigen, dass sie auch in Krisenzeiten vor Ort sind. Das ist in vielen Fällen ein Fehler. Oft fällt man seinen Partnern mehr zur Last, wenn man in akuten Krisen an ihrer Seite ist. Sie können eine Partnerschaft viel besser halten, wenn Sie Ihren Teil der Geschäftsverpflichtungen weiterführen.

Worauf sollte man noch achten, etwa wenn man als Ausländer gerade in Hongkong unterwegs ist?
Die goldene Regel ist: Halten Sie sich raus! Und vor allem: Filmen Sie nichts! Das kann unmittelbar zu Problemen führen und zwar nicht nur mit Sicherheitskräften, sondern auch sehr schnell mit Demonstranten.

Gibt es Länder in Afrika oder Südamerika, von denen Sie Unternehmern ganz abraten würden?
Nein. Gerade in Krisengebieten eröffnen sich oft vielfältige Chancen für Geschäfte. Viel wichtiger als die Frage nach dem Land ist die Frage, wen ein Unternehmen dorthin schickt. Die meisten Unternehmen haben schlicht keine Mitarbeiter, die für solche Regionen taugen. Leute aus dem mittleren Management, die meistens die typische Besetzung für solche Reisen bilden, sind fast immer komplett ungeeignet für Krisengebiete. Was zählt, ist Erfahrung und Instinkt. Meines Erachtens nach kommen Leute aus der Baubranche in solchen schwierigen Gebieten etwa oft besser zurecht als etwa Leute aus der IT- oder Finanzbranche. Wer es gewohnt ist, harte Verhandlungen zu führen, wer die Motivation von anderen Menschen erkennt und auch sonst eine geerdete Natur ist, kommt in solchen Ländern meist ganz gut zurecht.

Muss man für Reisen in Krisengebiete mit einer Waffe umgehen können?
Das ist zumindest nicht von Nachteil. Und sei es nur, um eine Waffe unschädlich zu machen.

Die digitalaffine Generation Z zeigt laut Travel Risk Map in Krisengebieten häufig ein anderes Verhalten als ältere Reisende. Gehen jüngere Menschen riskanter in der Erkundung solcher Gebiete vor?
Junge Menschen haben in Krisengebieten überhaupt nichts verloren. Wie gesagt kommt es auf die Erfahrung und den Instinkt der Mitarbeiter an. Ich rate keinem Unternehmen, Mitarbeiter in schwierige Gebiete zu entsenden, die unter Mitte Dreißig sind.



Hat die zunehmende Digitalisierung, also etwa die Omnipräsenz von Handy oder Ortungssensoren, für mehr Sicherheit für Reisende in Krisengebieten gesorgt?
Nur sehr bedingt. Meist laufen ja alle diese Programme auf dem Handy. Und das erste, was in einer kritischen Situation aber abhanden kommt, ist eben das Handy. Auch zur Analyse der Lage vor Ort taugen News vom Handy nur bedingt. Konflikte unter Einheimischen in Afrika kommen in westlichen Medien kaum vor. Man muss schon sehr genau wissen, wo man sich über die aktuellen Szenarien informieren kann, um nicht versehentlich in einen Konflikt zu laufen. Zur Vorsicht sei auch mit Google Maps geraten. Diese Dienste funktionieren zwar auch in Afrika und zeigen Ihnen die Straßen an. In welchem Zustand die Straße ist und ob Sie dort überhaupt durchkommen, kann Ihnen Google Maps aber nicht sagen. Deshalb erleben Europäer, die sich in ihren Städten ganz auf solche Dienste verlassen können, in Afrika oft böse Überraschungen.

Was war Ihre brenzligste Situation in einem Krisengebiet?
Das war in Westafrika, als die Streitkräfte, mit denen wir zusammengearbeitet haben, über Nacht die Seite gewechselt haben. Damals wusste ich noch nicht, wie man so etwas verhindert. Überraschend unangenehm ist es auch, wenn der eigene Name auf der Todesliste in einem Land erscheint, in dem man gerade unterwegs ist.

So läuft das Anti-Terror-Training ab
Theorie und Praxis: „Handlungsfähig bleiben, trotz Gewalt“ nennen die Veranstalter Jörg Dreger, David Hartmann und Alexander Krutzek ihr Anti-Terror-Training auf einem Übungsgelände nahe Frankfurt. Bevor es an die Waffen geht, muss erst Theorie gepaukt werden. Wie ist die rechtliche Lage in Bürgerkriegsgebieten und wie verhält man sich unter Beschuss? Die große Geschichte "Mittelständler mit Kalaschnikow" lesen Sie hier. Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche
Fokus Mittelstand: Jörg Dreger arbeitete viele Jahre für IBM, wo er in den Neunzigerjahren den Geschäftsbereich Mittelstand in Russland verantwortete. Russland war damals unsicher, also spezialisierte Dreger sich auf das Thema. Heute ist er Ausbilder und Veranstalter des Anti-Terror-Trainings. „Unser Fokus liegt auf Mittelständler, weil diese normalerweise keine eigene Sicherheitsabteilung haben“, sagt Dreger. Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche
Terrorist im Anmarsch: Das Anti-Terror-Seminar richtet sich an Geschäftsreisende, die den Worst Case durchspielen und auf Straftaten vorbereitet sein wollen. Sie erhalten theoretische und praktische Handlungsanweisungen für Terrorgefahr und damit eine Art Survival-Kit für Reisen in Teile Afrikas, nach Pakistan oder Afghanistan. Was bedeutet es, wenn man in einen Staatsstreich gerät? Was tun, wenn Terroristen mit Sturmgewehren vor der Firmenzentrale auftauchen? Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche
Kleinkrieg nahe dem Frankfurter Flughafen:  Auf dem Trainingsgelände stehen Container, Übungshäuser, ein Schießstand, ein Panzer und ein Hubschrauber. Regelmäßig trainieren hier Spezialeinheiten der Polizei und der Bundeswehr.  Seit kurzem trainieren hier auch Mittelständler, Freiberufler und Manager mit Schusswaffen und üben das Verhalten in Terrorlagen. Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche
Keine Angst vor der Kalaschnikow: Zum Training gehört auch die Waffenkunde und das scharfe Schießen mit einer Kalaschnikow. „Es wurden sieben Millionen G3 verkauft, zehn Millionen Uzi-Maschinenpistolen, aber von der Kalaschnikow sind 100 Millionen vom Stapel gelaufen“, sagt Ausbilder David Hartmann. „Wer in einen bewaffneten Konflikt kommt, hat es mit einer Kalaschnikow zu tun.“ Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche
Terror und Panik: In den Übungshäusern finden sich realitätsnahe Szenarien nachgebaut. So sehen sich die Unternehmer und Manager bei den Übungen mit Terroristen, schweren Waffen und Bomben konfrontiert. Die Übungen werden Schritt für Schritt schwieriger. Anschließend können die Teilnehmer die Übungen theoretisch besprechen. Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche
Trainieren wie die Profis: Eigentlich trainieren im Meadow Bridge Trainings Center nahe Frankfurt Spezialeinheiten der Polizei und der Bundeswehr. Aufgrund der weltweiten Krisen stieg jedoch die Nachfrage von Unternehmen, die in Krisenländer exportieren. Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche

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