Schluss mit Weihnachtsgebäck Bahlsen setzt die Deutschen auf Lebkuchen-Entzug

Alle Jahre wieder kaufen viele Deutsche ihre Weihnachtskekse, Stollen und Lebkuchen beim Traditionsbäcker Bahlsen. Dieses Jahr bietet sich dazu die letzte Gelegenheit - die Produktion der Saisonware wird eingestellt.

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Verschiedene Weihnachtsartikel aus dem Hause Bahlsen. Quelle: dpa

Abschied vom Adventsgeschäft: Deutsche Gabentische, Nikolausstiefel und Weihnachtsgedecke werden in den kommenden Wochen wohl zum letzten Mal mit Saison-Leckereien aus dem Hause Bahlsen bestückt. Die Hannoveraner geben 2013 die Herstellung speziellen Weihnachtsgebäcks in ihrem Heimatmarkt auf.

Unter dem Kostendruck der Eigenmarken vieler Handelsketten ist das Geschäft für Bahlsen nicht mehr rentabel genug. Das Keks-Imperium von der Leine setzt darauf, dass die Kunden nun auch zum Fest zum ganzjährigen Standardangebot greifen - und im Ausland weiter Zimtsterne und Pfeffernüsse naschen.

Die gesamte Palette an Lebkuchen, Spekulatius, Christstollen und anderen Weihnachtsspezialitäten soll hierzulande bald aus den Regalen verschwinden. Dabei stehen die Niedersachsen zu der bereits im Sommer verkündeten Entscheidung: „Für das deutsche Bahlsen-Saisongeschäft wird in 2012 letztmalig produziert.“

Deutsche wollen wieder mehr für Geschenke ausgeben
Mehr Geld für GeschenkeDer schwelenden Eurokrise und den verhaltenen Konjunkturaussichten zum Trotz: Die Deutschen wollen in diesem Jahr wieder deutlich mehr Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben als im Vorjahr - nämlich 17 Euro bzw. 8 Prozent mehr als 2011. Das durchschnittliche Weihnachtsbudget von 230 Euro liegt zwar weiterhin deutlich unter dem Vorkrisenniveau von 2007, erreicht aber fast wieder das Niveau von 2010 (233 Euro).Quelle: Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Basis der Studie ist eine repräsentative Umfrage unter 2.000 Verbrauchern in Deutschland. Quelle: dpa
Hessen machen die größten GeschenkeBesonders spendabel sind die Hessen, die durchschnittlich 254 Euro für Geschenke ausgeben wollen. In Baden-Württemberg ist man zurückhaltender. Die Schwaben planen 211 Euro für Weihnachtsgeschenke ein. Dazwischen reihen sich die Bewohner von NRW mit 229 Euro; Bayern mit 224 Euro und Niedersachsen mit 218 Euro. Der Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland ist mit vier Euro auf demselben Niveau wie im Vorjahr (West 231 Euro - Ost 227 Euro). Quelle: dpa
Qualität schlägt NachhaltigkeitBeim Weihnachtsbummel achten die Verbraucher vor allem auf Qualität (81 Prozent) und Funktionalität (69 Prozent). Auch originelle Ideen sind sehr gerne gesehen (46 Prozent). Nachhaltigkeit hat gegenüber dem Vorjahr an Bedeutung verloren. Auf die Herkunft eines Produktes achten aktuell 41 Prozent der Befragten, 43 Prozent waren es im Vorjahr. Umweltschutz ist nur noch für 39 Prozent der Verbraucher beim Geschenkkauf wichtig, 2011 lag der Anteil bei 45 Prozent. Und auf Gütesiegel achten nur noch 39 Prozent (Vorjahr: 46 Prozent). Quelle: dpa
Die Top 3: Gutscheine, Bücher, KleidungErstmals führen Geldgeschenke und Gutscheine das Ranking der beliebtesten Geschenke an: 60 Prozent der Befragten wollen Bares oder Gutscheine verschenken (Vorjahr: 53 Prozent). Im Durchschnitt veranschlagen die Deutschen dafür 50 Euro, 10 Euro mehr als im Vorjahr. Auch Bücher sind besonders beliebte Präsente: 57 Prozent der Befragten planen Buchgeschenke. Die Ausgaben dafür sind allerdings leicht rückläufig: Statt 26 Euro sollen nun nur noch 24 Euro in Bücher investiert werden. Auch Kleidung und Süßigkeiten (46 beziehungsweise 42 Prozent) landen häufig unter dem Tannenbaum. Quelle: dpa
Fachhandel profitiert - Kaufhäuser verlierenIhre Geschenke wollen die Deutschen in erster Linie in spezialisierten Fachgeschäften beziehungsweise in großen Fachmärkten kaufen. Im Durchschnitt lassen sie über die Hälfte ihres Weihnachts-Budgets im Fachhandel: 52 Prozent beziehungsweise 118 Euro. Im Vorjahr waren es lediglich 100 Euro. Weitere 20 Prozent der Weihnachtsausgaben landen bei Kaufhäusern, 19 Prozent im Online-Handel. Die Kaufhäuser müssen dabei einen leichten Rückgang von 50 Euro im Vorjahr auf 46 Euro im Jahr 2012 verkraften. Beim Online-Handel hingegen geht es weiter aufwärts: von 40 Euro auf aktuell 44 Euro. Quelle: dapd
Last-Minute-Shopping hat KonjunkturMehr als die Hälfte der Verbraucher (56 Prozent) kauft die Weihnachtsgeschenke relativ kurzfristig im Dezember – jeder fünfte sogar in den beiden Wochen vor Weihnachten. Immerhin 44 Prozent der Konsumenten kaufen hingegen ihre Geschenke bereits im November oder noch früher. Quelle: Fotolia

Ganz anders in Österreich. Hier will Bahlsen noch mehr festliche Mischungen unters Volk bringen. Einen Preiswettbewerb deutscher Schärfe gebe es im Land der Kaffeehaus-Kultur bisher nicht; die Händler seien an einem „Saisongeschäft in seiner ganzen Bandbreite“ interessiert. Der Strategiewechsel hänge aber auch grundsätzlich mit der derzeit relativ guten Gesamtnachfrage bei den Nachbarn zusammen.

„Der Markt für Weihnachtsgebäck in Deutschland ist seit Jahren leicht rückläufig. In Österreich entwickelt sich dieser Markt noch positiv“, erklärt die Süßwarenfirma mit weltweit bekannten Marken wie Leibniz und einem Umsatz von 521 Millionen Euro im Jahr 2011. Für die Beschäftigten soll der Verzicht auf die Heimsparte keine größeren Folgen haben, obwohl andere Länder mit geringerer Weihnachtstradition als Ersatz ausfallen. Mögliche Lösung: die Stärkung des Kerngeschäfts mit Ganzjahres-Umsatzgaranten.

„Markt der Saisonartikel hart umkämpft“


Eine Packung Lebkuchen des Printen-Herstellers Lambertz. Quelle: dpa


Auch anderen macht die Lage zu schaffen. „Der Markt der Saisonartikel ist hart umkämpft, es gibt eine Vielzahl von Anbietern, auch Spezialisten für bestimmte Produktgruppen“, erklärt der Inhaber des Aachener Lebkuchen- und Printen-Herstellers Lambertz, Hermann Bühlbecker. Hinzu komme der Angriff der meist billigeren Handels-Eigenmarken. Das 1688 gegründete Unternehmen sieht sein deutsches Weihnachtssortiment aber im Plan. Die Verkäufe lägen über dem Vorjahresniveau. „Es wird ein gutes Weihnachtsgeschäft werden“, sagt Bühlbecker, „völlig losgelöst von der Euro-Thematik.“

Bisher hat die Konsumzurückhaltung in den Krisenländern nicht in größerem Umfang auf Deutschland übergegriffen. Und in Österreich und der Schweiz sei der Preiskampf mit den Handelsmarken nicht so extrem wie daheim, international ließen sich weitere Märkte für Lebkuchen aufbauen. Im Geschäftsjahr 2011/12 setzte Lambertz 560 Millionen Euro um, Bühlbecker sieht jede Menge Chancen - auch bei Bio-Keksen.

Doch die Rohstoffpreise bleiben für die Süßwarenbranche eine Last. So ging beim Kakao nach Angaben von Bahlsen zwar das Niveau der Jahre 2010 und 2011 von den Höchstwerten um 2400 britische Pfund pro Tonne auf 1500 bis 1600 Pfund zurück. Der „schwierige, sehr volatile Markt“ habe jedoch weiter eine Tendenz nach oben, schränkt das Unternehmen ein. Auch beim besonders wichtigen Zucker gebe es keine Entspannung. Ein Grund für die Anstiege auf bis zu 800 Euro je Tonne sei der abgeschottete EU-Markt, kritisiert Bahlsen. Lambertz bestätigt dies, die Branche erlebe allgemein schwierige Zeiten.

Noch ist die Bundesrepublik in der EU mit mehr als einem Drittel der produzierten Schokowaren die Nummer eins. Wenn die Hersteller von Weihnachtsgebäck sich nach dem Fest ein frohes neues Jahr wünschen, schwingt diesmal aber auch eine Menge Zweckoptimismus mit. „Einige Häuser überlegen, sich neu aufzustellen“, sagt Solveig Schneider vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI). Der Preisdruck in Deutschland sei einzigartig. Ein Trostpflaster: Auch mit normaler Ware könne man unterm Tannenbaum punkten - etwa wenn man sie ab Werk schön verpacke: „Kekse werden ja das ganze Jahr gegessen.“

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