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Shutdown der Wirtschaft Dieser Stillstand muss bald enden!

Wenn Deutschland weiterhin geschlossen bleibt, steht uns ein beispielloser Umbau der Wirtschaft ins Haus, schreibt Ferdinand Rüchardt von der Beratungsgesellschaft Ecovis. Quelle: dpa

Der Shutdown der Wirtschaft muss am 20. April enden, fordert Ferdinand Rüchardt von der Beratungsgesellschaft Ecovis in seinem Gastbeitrag. Denn sonst breche das Rückgrat der deutschen Wirtschaft: der Mittelstand.

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Wir haben lange überlegt, ob und wenn ja wie wir uns zu Wort melden. Wir haben natürlich ein Eigeninteresse, denn wenn es unsere Mandanten nicht mehr gibt, dann verlieren auch wir unsere Geschäftsgrundlage. Wir müssen aber unseren über 40.000 mittelständischen Unternehmen Gehör verschaffen.

Während neuerdings die Virologen in Deutschland den Ton angeben, sterben nicht nur Menschen an Corona, sondern es sterben auch die vielen kleinen und mittleren Betriebe. Und wenn wir alle nach der Krise zwar noch leben, dann gibt es aber vielleicht keine Betriebe und auch keine Arbeitsplätze mehr. Laut Bundesarbeitsministerium haben 470.000 Unternehmen bis letzte Woche Kurzarbeit beantragt. Mehr als 80 Prozent der vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag befragten 15.000 Betriebe rechnen mit einem deutlichen Umsatzminus. Das Münchner Ifo-Institut prognostiziert bei einem Shutdown von drei Monaten und einem nur schleppenden Wiederhochfahren der Wirtschaft einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 20 Prozent. Das wäre eine noch schlimmere Krise als während der großen Depression der 1930er-Jahre. Wenn Deutschland weiterhin geschlossen bleibt, steht uns ein beispielloser Umbau der Wirtschaft ins Haus, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt und den wir uns auch nicht vorstellen wollen.

Denn was bleibt? Die finanzstarken Unternehmen werden überleben. Große Ketten mit zig Filialen. Oder die deutsche Wirtschaft wird zur Staatswirtschaft, wenn sich der Bund mit viel Geld an Betrieben direkt beteiligt. Und die kleine Eisdiele, der Bäcker von nebenan, unsere Friseure, unsere heißgeliebte Gastronomie, alles tot! Unsere Innenstädte werden dann genauso aussehen wie jetzt: menschenleer. Und sie werden es auf lange Zeit bleiben. Genau diese mittelständischen Betriebe sind aber das Rückgrat unserer Volkswirtschaft. Diese Betriebe sind es, die Steuern zahlen. Amazon, Google & Co. sind es sicher nicht!

Ferdinand Rüchardt ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Vorstand der Ecovis AG Steuerberatungsgesellschaft.

Schon heute ist klar, dass der Staat nicht alle retten kann und wird. Und erinnern Sie sich? Die Bankenrettung 2008 und 2009 hat 86 Milliarden Euro gekostet. Das jetzige Hilfspaket der Bundesregierung umfasst 1,4 Billionen Euro und weitere Hilfen sind schon im Gespräch. Die notwendigen Summen sind auch für starke Volkswirtschaften einfach zu hoch. Die Hausbanken wollen jetzt nicht mal mehr ein Restrisiko von zehn Prozent für einen Kredit übernehmen. Der Bund soll für 100 Prozent einspringen. 50.000 Euro Soforthilfe für einen größeren Mittelständler sind der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein, wenn die Fixkosten für Gebäude und Maschinen einfach weiterlaufen.

Es ist an der Zeit, dass nicht nur Virologen unseren Staat regieren. Wir brauchen Umsicht und ökonomischen Sachverstand. Sicher, der Schmerz, den der Tod von nahen Angehörigen jetzt schon vielen Menschen bereitet, ist beispiellos. Wir trauern mit unseren italienischen und französischen Nachbarn. Der Coronavirus ist heimtückisch und macht auch vor jungen Menschen nicht halt. Doch wenn wir nicht nur die Toten, sondern auch die in Teilen zerstörte Wirtschaft beklagen müssen – das wäre entsetzlich. Und, auch der Niedergang der Wirtschaft fordert viele Opfer, die dann aber nicht in der Statistik auftauchen: Herzinfarkte, schwere Depressionen und Suizide verursacht von Insolvenzen und geplatzten Lebensträumen. Doch diese Fälle sind nicht so spektakulär und lassen sich auch nicht so medienwirksam in Szene setzen.

Wir fordern, dass wir unseren Unternehmen ab dem 20. April eine Chance geben. Das letzte, was wir jetzt brauchen, ist die polarisierende Diskussion über die Schwere der Folgen eines längeren Shutdowns oder einer zusammenbrechenden Wirtschaft. Wir müssen mit Umsicht angemessene Lösungen finden und umsetzen. Dass die Läden – gerne mit Sicherheitsabstand und Hygieneauflagen – wieder aufmachen dürfen. Jetzt, da das Wetter besser wird, sollten wir den Gastronomiebetrieben, die draußen Platz hätten, ihn aber nicht nutzen dürfen, den Ausschank und die Bewirtung draußen mit Abstand aber endlich unkompliziert und schnell genehmigen. Und: Wir brauchen mehr als 40.000 Erntehelfer pro Monat. Denn sie sorgen dafür, dass uns Gemüse und Obst aus heimischem Anbau zur Verfügung steht. Jetzt ist die Zeit gekommen, die lähmenden Bürokratieauflagen endlich loszuwerden.

Und: Jetzt sollten wir von Totalquarantäne hin zur Individualquarantäne für Kranke und Risikopatienten kommen! Gerne unterstützt durch eine freiwillige App für Infizierte und Kontaktpersonen, die kontrollierten Ausgang von strenger häuslicher Quarantäne für diejenigen ermöglicht, die mitmachen.

Jetzt mit ganzheitlicher Sicht und Umsicht handeln – für eine lebenswerte Zukunft morgen! Das wünschen wir uns – für unsere mittelständischen Betriebe und für uns alle.

Mehr zum Thema
In der Rubrik Helden des Mittelstands porträtiert die WirtschaftsWoche regelmäßig einen Mittelständler, der eine Herausforderung kreativ, mutig und klug gemeistert hat. Doch was tun diese Helden gegen die Coronakrise? Wir haben nachgefragt. Alle Folgen der Serie „Helden Contra Corona“ finden Sie hier.

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