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Studie des IfM Bonn Ostdeutsche Mittelständler auf der Überholspur

Jahrelang galten die Mittelständler aus dem Westen Deutschlands als das Rückgrat der Wirtschaft. Eine Studie zeigt: Die Kollegen aus Ostdeutschland sind dabei, die alte Garde zu überflügeln.

Mittelständler sind der Wachstumsmotor Deutschlands - besonders brummt er derzeit im Osten. Quelle: dpa

Wer an den deutschen Mittelstand denkt, denkt an Namen wie den Schrauber-König Würth, den Dübel-Erfinder Fischer oder den Kettensägen-Profi Stihl. Allesamt traditionsreiche Familienunternehmen aus Deutschlands Westen. Doch schon bald könnten immer mehr Weltmarktführer und Nischenkönige aus Deutschlands Osten stammen. Liest man die Studie "Triebwerk des Erfolgs" des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn, sind die ostdeutschen Unternehmen auf dem Vormarsch.

Die Zahlenlage ist eindeutig: Während der gesamtdeutsche Mittelstand im vergangenen Jahr ein Umsatzwachstum von durchschnittlich 2,4 Prozent verbuchte, waren es im Osten satte 3,2 Prozent. Damit nicht genug.

So schlägt sich der deutsche Mittelstand

Ein Fünftel der ostdeutschen Mittelständler gehört zu den so genannten Wachstumschampions. Als solche bezeichnet Studienleiterin Friederike Welter vom IfM Unternehmen, die ihren Umsatz im vergangenen Jahr um mehr als 10 Prozent steigern konnten. Das trifft gesamtdeutsch auf 14 Prozent der mittelständischen Betriebe zu. Aus dem Osten stammen 44 Prozent dieser Turbo-Mittelständler.

Noch also die Mehrzahl der Wachstumskönige im Westen zu finden, doch "betrachtet man jedoch den Nettozuwachs", erklärt Welter, "stellt man fest, dass dieser im Osten bei 3,2 Prozent lag – und im Westen bei 1,9 Prozent." Das Fazit der Studienleiterin: "Während die Gesamtwirtschaft in Ostdeutschland sich von der Deindustrialisierung und Privatisierung nach der Wende noch nicht erholt hat, sind die mittelgroßen Unternehmen im Osten dabei, den Westen einzuholen - wenn nicht sogar zu überholen."

Ost-Betriebe investieren am meisten in Forschung

Das klingt nach blühenden Landschaften, wie sie Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl versprochen hat. Tatsächlich geben die ostdeutschen Mittelständler in punkto Forschung Personalentwicklung richtig Gas. 42 Prozent der befragten Unternehmen wollen sich in Zukunft noch stärker auf Innovationen und die Entwicklung neuer Produkte konzentrieren - der höchste Anteil deutschlandweit. Damit einher gehen die höchsten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung: 5,5 Prozent des Umsatzes fließen bei ostdeutschen mittelständischen Betrieben in die Forschung - so viel wie in keinem anderen Teil des Landes.

Ein weiteres Indiz für mittelständischen Aufschwung Ost liefert die kürzlich von der WirtschaftsWoche in Zusammenarbeit mit Biesalski & Company veröffentliche Studie "Die Marken der Deutschen Hidden Champions". Dabei wurden fünf Weltmarktführer aus den neuen Bundesländern unter die Lupe genommen. Zwei schafften es unter die Top 50. Bauerfeind - Hersteller von medizinischen Hilfsmitteln wie Bandagen und Kompressionsstrümpfen - verbesserte sich im Vergleich zum Vorjahr um gleich zwei Plätze auf Rang 27, das Medizintechnikunternehmen Biotronik - bekannt für seine Herzschrittmacher - stieg neu auf Platz 38 ein.

Entwicklung im Osten "keine Eintagsfliege"


Deutschlands Hidden Champions
Platz 20: GezeDas Leonberger Unternehmen ist u.a. spezialisiert auf automatische Türsysteme, Rauch- und Wärmeabzugsanlagen sowie Sicherheitssysteme. Branche: Bau/ Bauzulieferer Rang 2011: Noch nicht im Ranking vertreten Marken-Performance-Index¹: 45,0 Unternehmens-Performance-Index¹: 62,0 Hidden-Champion-Index²: 107,0 ¹ Maximal 100 Punkte ² Maximal 200 Punkte Quelle: Presse
Platz 19: BPW Bergische AchsenBPW sieht sich als Mobilitätspartner und fertigt Fahrwerksysteme für Anhänger. Branche: Kfz-Zulieferer Rang 2011: 17 Marken-Performance-Index¹: 57,0 Unternehmens-Performance-Index¹: 50,1 Hidden-Champion-Index²: 107,1 ¹ Maximal 100 Punkte ² Maximal 200 Punkte Quelle: Presse
Platz 18: Lapp HoldingDas Familienunternehmen gehört zu den führenden Anbietern von Kabeln und Kabelzubehör. Branche: Elektro/ Elektrotechnik Rang 2011: 18 Marken-Performance-Index¹: 55,3 Unternehmens-Performance-Index¹: 52,4 Hidden-Champion-Index²: 107,7 ¹ Maximal 100 Punkte ² Maximal 200 Punkte Quelle: Presse
Platz 17: SennheiserDas Unternehmen mit weltweit mehr als 2000 Mitarbeitern produziert u.a. Mikrophone, Kopfhörer und Konferenzanlagen. Branche: Elektro/ Elektrotechnik Rang 2011: 27 Marken-Performance-Index¹: 55,5 Unternehmens-Performance-Index¹: 54,1 Hidden-Champion-Index²: 109,6 ¹ Maximal 100 Punkte ² Maximal 200 Punkte Quelle: dpa/dpaweb
Platz 16: RenolitDas Unternehmen aus Worms produziert hochwertige Kunststofffolien. Branche: Chemie Rang 2011: 20 Marken-Performance-Index¹: 52,3 Unternehmens-Performance-Index¹: 58,0 Hidden-Champion-Index²: 110,3 ¹ Maximal 100 Punkte ² Maximal 200 Punkte Quelle: Presse
Platz 15: Abeking & RasmussenSchon seit 1907 baut der Bootsbauer aus Lemwerder Schiffe und Yachten. Branche: Elektro/ Elektrotechnik Rang 2011: 16 Marken-Performance-Index¹: 54,2 Unternehmens-Performance-Index¹: 56,8 Hidden-Champion-Index²: 111,0 ¹ Maximal 100 Punkte ² Maximal 200 Punkte Quelle: Gemeinfrei
Platz 14: Weishaupt GruppeDas Familienunternehmen entwickelt u.a. Heizsysteme und Brenner. Branche: Bau/ Bauzulieferer Rang 2011: Noch nicht im Ranking vertreten Marken-Performance-Index¹: 52,6 Unternehmens-Performance-Index¹: 59,0 Hidden-Champion-Index²: 111,6 ¹ Maximal 100 Punkte ² Maximal 200 Punkte Quelle: Presse

Ob es sich bei der hervorragenden Leistung der ostdeutschen Betriebe im Jahr 2012 lediglich um einen Ausreißer nach oben oder doch um einen langfristigen Trend handelt, darauf hat Expertin Welter eine klare Antwort: "Unserer Einschätzung nach ist diese Entwicklung keine „Eintagsfliege“ – auch der jüngst veröffentlichte Jahresbericht zur deutschen Einheit zeigt ja die Reindustrialisierung und Modernisierung der Industrie in Ostdeutschland. Und dies wird eben, das zeigt unsere Studie, von den größeren Mittelständlern getragen."

Ungewiss ist allerdings die Entwicklung der größten Gruppe innerhalb der Wachstumschampions: das Baugewerbe. Diese Betriebe haben sich vor allem deshalb blendend entwickelt, weil die Bundesregierung im Zug des Konjunkturpakets 2009 fleißig Aufträge vergeben hat. Wie nachhaltig der Erfolg dieser Wachstumschampions ist, bleibt also abzuwarten.

Mittelstand bleibt deutscher Jobmotor ...

Unstrittig ist die Rolle der Mittelständler für die gesamtdeutsche Wirtschaft. Im Vergleich zu den Kollegen in Großbritannien, Frankreich, Italien sind sie eine echte Jobmaschine. 116.000 neue Stellen verdankten die Deutschen im vergangenen Jahr mittelständischen Betrieben - nochmals 1,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Und vierzig Prozent der Mittelständler plant weitere Einstellungen. Im Gegensatz zu Großunternehmen zögern die kleineren Betriebe lange, bevor sie sich von Personal trennen.

Sogar die Unternehmen, die wirtschaftliche Probleme hatten, griffen nur in einem von zehn Fällen zur ultima ratio Arbeitsplatzabbau Wahrscheinlich, so die Vermutung der Forscher, befürchten diese Mittelständler keinen Ersatz für einmal entlassene Fachkräfte zu bekommen und halten deshalb auch wenn's finanziell eng wird an ihrer Stammbelegschaft fest. Bei den Großkonzernen reduzierte dagegen jedes dritte Unternehmen 2012 Arbeitsplätze.

... und bringt Global Player der Zukunft hervor

Die beste Performance innerhalb des Mittelstands hatten die großen Mittelständler mit Jahresumsätzen von 250 Millionen bis einer Milliarde Euro. Sie wuchsen im Schnitt um 3,7 Prozent. "Diese schnell wachsenden Unternehmen sind auch die Konzerne und Global Player der Zukunft, die das Wachstum des Mittelstands vorantreiben, während der Beitrag der kleineren Unternehmen deutlich geringer war", heißt es in der Studie.

Wie alle mittelständischen Unternehmen legen die Wachstumschampions großen Wert auf die Ausbildung junger Talente, investieren dafür kräftig in Trainings und Personalentwicklung und bieten langfristige Karrierechancen. Zusätzlich streben die Wachstums-Champions nach einer Vorreiterrolle in ihrer Branche, vor allem durch Innovationen und neue Ideen. "Dies kann in einigen Situationen mutige Managemententscheidungen erforderlich machen", schreiben die Autoren der Studie und weiter: "Tatsächlich tendieren die Wachstumschampions dazu, höhere Risiken einzugehen." Dafür investieren sie sagenhafte 5,7 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung - der Durchschnitt im gesamten Mittelstand liegt bei fünf Prozent.

Woher kommt das Kapital?


Die spektakulärsten Spezialisten
1,97 Milliarden Euro Umsatz, 12 320 Mitarbeiter, in 160 Länder aktiv: Der Motorsägen-Weltmarktführer Stihl trotzt den Rückschlägen in Südeuropa und setzt seinen Wachstumskurs weiter fort. In den ersten acht Monaten dieses Jahres steigerte Stihl seine Erlöse gleich um 7,9 Prozent. Ein Drittel aller Motorsägen weltweit vertreibt Stihl nach eigenen Angaben und diese weltweite Präsenz hat dabei geholfen, die regionalen Einbußen in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland abzufedern. Im vergangenem Jahr ging es dem Weltmarktführer aus Waiblingen auch sehr gut: Er machte ein sattes Rekordumsatzplus von 10,8 Prozent. Für 2012 rechnet Stihl mit einem etwas schwächeren Wachstum von "nur" 5 bis 10 Prozent. Quelle: dpa
Pisten plätten und Halfpipes formen, eine Pistenraupe muss für alles gerüstet sein. In der Umgangssprache heißen die Maschinen "Pistenbully". So, wie das Produkt der Kässbohrer Geländefahrzeug AG. Mit den unverkennbar roten Pistenraupen ist das Unternehmen zum Weltmarktführer aufgestiegen. Vorher stellte es Reisbusse und LKW-Anhänger her. Quelle: Presse
Nicht nur bei Kindern beliebt, auch auf Musikfestivals ein Renner: die "Pustefix"-Seifenblasen der Firma Hein aus Tübingen. In mehr als 50 Ländern gibt es das Produkt zu kaufen. Besonders Amerikaner und Japaner stehen auf die bunten Blasen aus Deutschland. Quelle: REUTERS
Roll-Leinen für Hunde kommen von Flexi. 1972 entwarf die Firma den Prototyp aus Holz. Heute gibt es auch Luxusmodelle mit Swarovski-Kristallen. Produziert wird nach Unternehmensangaben ausschließlich in Deutschland, verkauft in 90 Ländern weltweit. Quelle: dpa
Blick in die Tiefe: In einer Übung seilen sich Feuerwehrmänner am Hochhaus "Taipei 101" ab. Die Fassade für das 508 Meter hohe Gebäude in Taiwans Hauptstadt Taipeh hat der deutsche Spezialist Gartner gefertigt. Nur eines von vielen Großprojekten; auch in Dubai, London, New York und München stehen Glasfassaden von Gartner. Quelle: AP
Edles Ambiente im Bundeskanzleramt. Gespeist wird hier mit feinstem Silber. Das Besteck liefert die Silbermanufaktur Robbe und Berking aus Flensburg. 1874 gegründet, hat die Firma international einen Marktanteil von 40 Prozent erreicht. Ein Viererset (Gabel, Messer, Ess- und Kaffeelöffel) ihres Besteck Modells "Dante" aus dem Bundeskanzleramt kostet 575 Euro in 925er Sterling Silber oder 283 Euro mit 150 Gramm Massiv-Versilberung. Quelle: dpa
Der Prothesenhersteller Otto Bock Healthcare ist offizieller Ausrüster der Paralympics in London. Für Rollstühle, Arm- und Fußprothese und viele weitere Hilfsmittel gibt es technische Unterstützung. Als Weltmarktführer fördert Otto Bock auch die Athleten des Deutschen Behindertensportverbands. 400-Meter-Sprinter Oscar Pistorius, der schon bei den Olympischen Spielen gestartet war, setzt dagegen auf Prothesen vom isländischen Konkurrenten Össur. Quelle: dapd

Die Wachstumschampions sind aber auch die Job-Schaffer in Deutschland schlechthin: 70 Prozent von ihnen wollen neue Mitarbeiter einstellen. Sorgen bereitet das Thema Fachkräfte und Kreditvergabe. Gerade die "Turbo-Mittelständler" sehen sich von gesetzlichen Reglementierungen und steuerlichen Bestimmungen gebremst. Im Osten beklagt man den Exodus qualifizierten Mitarbeiter gen Westen. Größte Herausforderung für alle ist der Zugang zu Krediten. Ein Drittel wünscht hier einfachere Prozedere. Den Großunternehmen scheint das Thema deutlich weniger Kopfzerbrechen zu bereiten. Nur 20 Prozent wünschen sich hier Erleichterung.

Chancen und Risiken ausgewählter Finanzierungsformen für Unternehmen

Die deutschen Mittelständler verlassen sich am liebsten auf ihr Eigenkapital und einen klassischen Kredit der Hausbank. Andere Formen der Wachstumsfinanzierung wie Anleihen, Genussrechte oder etwa Factoring kommen kaum vor. Beim letztgenannten verkauft der Mittelständler seine Forderungen gegenüber der Kunden an die Bank und erhält dafür - abzüglich Gebühren - Bares. In Deutschland beträgt das angekaufte Forderungsvolumen erst bei knapp sechs Prozent.

In Arbeit
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"In Frankreich ist der Wert doppelt so hoch", weiß Joachim Secker, Deutschland-Chef der Finanzierungsgesellschaft GE Capital, die sich auf Factoring spezialisiert, und die Studie beim IfM Bonn in Auftrag gegeben hat. Die Mittelständler trauen bei Finanzierungsformen abseits des Kredits noch zu wenig, manche nehmen das Thema Finanzierungkommunikation aber auch zu lax und machen es damit den Banken schwer, bedauert Secker.

"Wenn die Mittelständler in die Aufbereitung ihrer Finanzunterlagen so viel Energie und so viel Liebe zum Detail stecken würden, wie in die Entwicklung ihrer Produkte, wären wir einen großen Schritt weiter. Da schlummert noch viel Verbesserungspotenzial".

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