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Unternehmensfinanzierung Finanzkrise macht Bankkredit-Alternativen für Mittelstand attraktiver

Die weltweite Finanzkrise macht es für Mittelständler schwerer, mithilfe von Banken an frisches Kapital zu kommen. Das erschwert gerade im Mittelstand auch durch Banken finanzierte Übernahmen. Doch es gibt attraktive Alternativen zum Bankkredit.

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Spezial Mittelstand Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche

Thomas Müsch fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Hatten doch die drei Banken noch Mitte 2007 großes Interesse gezeigt. Mit seiner kleinen Münchner Beteiligungsgesellschaft Stemas hatte er ein mittelständisches Unternehmen, das in Süddeutschland elektronische Komponenten produziert, übernehmen wollen. Zur Hälfte wollte er den Deal über Fremdkapital finanzieren, wie er das schon mit früheren Transaktionen gemacht hatte. Stemas hat sich darauf spezialisiert, Mittelständler langfristig zu übernehmen. Müsch hatte auch diesmal schon eine schriftliche Absichtserklärung einer Bank in der Hand. Der Vertrag war geschrieben, es fehlten nur noch die Unterschriften. Und dann das: „Die Banken sind nacheinander ausgestiegen“, erzählt er.

Im November hieß es von der ersten, sie hätten ganz neue Anforderungen, sie würden so was nicht mehr machen. Im Dezember folgte die zweite Bank mit der Ansage, sie tue sich im Augenblick schwer mit solchen Finanzierungen und könne das Risiko nicht eingehen. Und im Januar sagte die dritte Bank ab. „Wir haben die Hosen voll“, bekam Müsch hinter vorgehaltener Hand zu hören. Aus der Abstinenz der Banken muss Müsch nun Konsequenzen ziehen: „Wir müssen das Konzept überarbeiten“, sagt er, „so wie im vergangenen Jahr läuft eine Übernahme nicht mehr. Es gelten andere Maßstäbe.“ Seit faule US-Hypothekenkredite eine weltweite Finanzkrise auslösten und auch deutsche Finanzinstitute wie etwa die Mittelstandsbank IKB in die Bredouille gerieten, halten sich die Geldhäuser mit der Finanzierung von Neugeschäften zurück. Wolfgang Gehrke, Bankenexperte der Universität Erlangen-Nürnberg, sagt: „Banken werden viele Kredite nicht mehr vergeben, und sie werden ein höheres Risikopolster einplanen.“ Verzweifeln müssen mittelständische Unternehmen deswegen allerdings nicht. Schließlich muss es nicht immer der klassische Bankkredit sein. Von der Beteiligung privater Finanzinvestoren bis zur Abtretung von Marken- und Patentrechten an Finanzdienstleister bleibt Unternehmern eine Reihe von Möglichkeiten, ihre Finanzierung zu sichern.

Wer als Mittelständler allerdings gerade Unternehmen übernehmen will, hat erst einmal schlechte Karten, weil die Finanzierungen dafür stocken. „Das bleibt bis Ende Februar schwierig, wenn die Bankenbilanzen draußen sind“, sagt Michael Keller, der als Teilhaber des Beratungsunternehmens Klein & Coll mit Sitz in Griesheim bei Darmstadt mittelständische Unternehmen bei der Finanzierung von Fusionen und Übernahmen unterstützt. „Deshalb sind schon einige Übernahmen abgesagt oder verschoben worden.“

Joachim Preißl, Geschäftsführer des Automobilzulieferers Bing Power Systems in Nürnberg, kennt als Mitglied im bayrischen Arbeitgeberverband Unternehmen, die Probleme haben, an Kredite zu kommen: „Das ist von der Branche abhängig. Die Bauindustrie etwa steht schlechter da als andere.“

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    Auch Mezzanine-Kapital ist schwieriger zu bekommen. Dieser Mix aus Eigenkapital- und Fremdkapitalelementen war für viele Mittelständler eine Zeit lang eine Alternative zum Bankkredit. Er belastet die Eigenkapitalquote nicht – und die Kapitalgeber verlangen für das eingegangene Risiko nur Rendite, haben aber keinen direkten Einfluss auf Unternehmensentscheidungen, da ihnen keine Stimmrechte gewährt werden. Die Banken bündeln Mezzanine-Kapital und reichen es an interessierte Investoren weiter. Doch seit der Finanzkrise ist der Markt zusammengebrochen.

    „Es gab einige Unternehmen, die im Laufe des Jahres noch zu hören bekamen, dass sie bis Ende des Jahres ihr Geld über Mezzanine-Programme erhalten würden“, sagt Frank Gerhold, Vorstand der Buchanan Capital Group aus Starnberg, die Mittelständler bankenunabhängig berät. „Doch dann hieß es auf einmal, sorry, wir können nicht liefern.“ Offiziell zugeben wolle das natürlich keiner – weder Unternehmen noch Banken, denen es oftmals nicht mehr gelang, das im Sondervermögen gesammelte Mezzanine-Kapital in größeren Paketen an Investoren weiterzureichen.

    Gerhold stellt derzeit eine große Verunsicherung auf allen Seiten fest – sowohl bei den mittelständischen Unternehmen als auch aufseiten der Banken. „Die Unternehmen fragen, wo steht denn meine Bank“, sagt der Experte, „und die Banken sind in ihren Kreditentscheidungsprozessen aufgrund ihres eigenen Risikomanagements derzeit eher zurückhaltend.“

    Zwar beteuern die Banken auf Nachfrage, dass sie den Mittelstand nach wie vor auf dem Schirm hätten. Jede gute Idee würde auch eine Finanzierung bekommen, heißt es. „Die Banken können es sich gar nicht leisten, den Mittelstand austrocknen zu lassen“, sagt Vera Schubert, volkswirtschaftliche Expertin der KfW Mittelstandsbank, „Banken und Sparkassen werden das Mittelstandsgeschäft auch in Zukunft nicht vernachlässigen, denn dieses Risiko können sie gut einschätzen. In Anbetracht der volatilen internationalen Kapitalmärkte wirkt die heimische Mittelstandsfinanzierung als Stabilisator.“ Allerdings räumt auch Schubert ein, dass durch die Finanzkrise die Mittelständler mit „leicht schlechteren Refinanzierungskosten“ rechnen müssten.

    Aber es gibt Alternativen zum Bankkredit – etwa die Beteiligung von privaten Finanzinvestoren. Thomas Bohnacker etwa hat sich von vornherein dagegen entschieden, sich von Banken allzu abhängig zu machen. Vor sechs Jahren hat er die Mengele Agrartechnik nach deren Insolvenz übernommen. Bohnacker will das Unternehmen, das von Ladewagen über Muldenkipper bis Dungstreuer so ziemlich alles produziert, was man in der Landwirtschaft an den Traktor anhängen kann, wieder nach vorne bringen. Doch mit den Jahren hat er sich überlegt, nicht das ganze Risiko alleine schultern zu wollen. Er suchte nach einem Partner für sein Unternehmen. „Dafür wollte ich eine neutrale Beteiligungsgesellschaft, die in kleinere Unternehmen auch längerfristig investiert“, sagt er. „Ich wollte nicht alles bei einer Bank machen.“

    Er ließ sich Zeit, um seine Finanzpartner auszuwählen. Seine Bank hätte ihn auch mit ihrer hauseigenen Beteiligungsgesellschaft unterstützt, aber nur für zwei bis drei Jahre, während er selbst langfristiger gedacht hat, in Zeiträumen von fünf bis sieben Jahren. „Ich wollte da eine Kontinuität“, sagt er. „Ich habe mir deshalb eine private Beteiligungsgesellschaft gesucht, die das Unternehmen mit mir gemeinsam voranbringt und auch aktiv mitwirken will.“

    Sedus-Finanzchef Osten Quelle: Dan Cermak für WirtschaftsWoche

    Gefunden hat er schließlich gleich zwei Beteiligungsgesellschaften, mit denen er eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen hat, um zusammen in das Unternehmen zu investieren – GCI Management aus München und die Stemas von Thomas Müsch. Müsch sagt: „Die Chancen der Mengele Agrartechnik haben uns überzeugt, auch wenn wir einige Herausforderungen zu bewältigen hatten: Wir mussten das Management ausbauen, das Controlling verbessern und die Lagerhaltung optimieren.“ Gleichzeitig konnte Vorstandschef Bohnacker die Eigenkapitalquote stärken und damit auch das Rating der Mengele Agrartechnik verbessern. Das, so hofft er, wird ihm gegenüber den Banken helfen, falls er wieder mal einen Bankkredit aufnehmen will.

    „Die Kreditfinanzierung steht bei uns gerade nicht im Vordergrund“, sagt auch Carl-Heinz Osten, Finanzvorstand des Büromöbelherstellers Sedus Stoll aus dem baden-württembergischen Waldshut „wir sind hinreichend mit Finanzmitteln ausgestattet.“ Ein Innovationsdarlehen von der KfW hat er allerdings gerade aufgenommen, weil die Zinsen so günstig waren. Insgesamt arbeite Sedus Stoll mit drei Banken zusammen. Seine Investitionen finanziert er allerdings vorwiegend aus eigenen Beständen. Osten hat gut reden: Seine Eigenkapitalquote liegt bei fast 50 Prozent. Ein Wert, von dem die meisten Mittelständler nur träumen können. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote kleiner und mittlerer Unternehmen stieg zwar immerhin bis zum Jahr 2006 auf 15 Prozent. Gegenüber größeren Unternehmen sind sie damit allerdings immer noch im Nachteil: Deren Eigenkapitalquote liegt im Schnitt bei 28 Prozent. Allerdings brauchen auch Mittelständler, die keine exorbitanten Eigenkapitalquoten ausweisen können, nicht alle Hoffnung fahren lassen, noch an Kapital zu gelangen. Etwa dann, wenn sie Sicherheiten zu bieten haben. Das müssen nicht nur Gebäude, Maschinen und Anlagen sein. Auch mit der sogenannten IP-Finanzierung lassen sich Gelder lockermachen. IP steht für „Intellectual Property“, also geistiges Eigentum. Dazu zählen Marken ebenso wie Patente.

    Der Musikkonzern Edel aus Hamburg etwa hat zwei seiner Marken an den Münchner Finanzdienstleister Vantargis verleast, um die Beteiligung an einem englischen Unternehmen zu finanzieren. „Wir haben ein großes Portfolio an Rechten, Marken und Software aufgebaut“, sagt Bernd Hocke, General Manager bei Edel. „Es hat sich einfach angeboten, deren Wert auf den Finanzierungsprüfstand zu stellen.“

    Die Sache funktioniert wie ein Sale-and-Lease-Back: Edel darf die Marken weiter nutzen, hat die Rechte daran aber an den Finanzdienstleister Vantargis verkauft, um sie über einen Zeitraum von fünf Jahren wieder zurückzuerwerben. „Das ist eine stark wachsende Marktnische“, sagt Vantargis-Vorstand Claus Dürr. Der Anteil der immateriellen Vermögenswerte am Gesamtwert der Unternehmen habe sich nach einer Studie des Brookings Institution von 1982 bis 2002 von 38 auf 87 Prozent erhöht. Dürr geht davon aus, dass sich viele mittelständische Unternehmen dieser Werte gar nicht bewusst sind. Sich bei diesem Geschäft für einen bankunabhängigen Dienstleister zu entscheiden hatte viele Vorteile für Edel: „Das war günstiger und schneller, als es bei einer Bank gelaufen wäre“, sagt Hocke, „Banken schicken uns ihre Teams in Kompaniestärke ins Haus, prüfen monatelang die Werthaltigkeit einer Marke und nehmen dafür dann auch noch viel Geld.“

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      Auch der Büromaschinenspezialist Triumph-Adler hat im Rahmen einer Umschuldung den Weg der IP-Finanzierung mithilfe von Vantargis gewählt. „Der große Vorteil ist, dass wir eine Marke als Sicherheit nehmen konnten, die eine normale Bank für das entsprechende Kreditvolumen nicht akzeptiert hätte“, sagt Finanzvorstand Bernd Köhler. „Wir können die Marke weiter wirtschaftlich verwenden und verlieren sie juristisch nicht, denn sie fällt am Ende der Laufzeit automatisch an uns zurück, wenn wir Zinsen und Tilgung nachkommen.“ So hat das Unternehmen die Vertriebsmarke Utax für fünf Jahre verleast, was 15 Millionen Euro eingebracht hat. Dass der Zinssatz etwa einen Prozentpunkt höher liegt als ein vergleichbarer Bankkredit, stört Köhler nicht. „Den zahlen wir dafür, dass Vantargis einen höheren Wert für die Marke als Sicherheit akzeptiert hat, als es die Bank getan hätte“, sagt er. Außerdem habe sich Triumph so eine aufwendige Due-Diligence-Prüfung gespart, weniger Reporting-Verpflichtungen und weniger Covenants, also die vertraglichen Zusicherungen des Kreditnehmers während der Laufzeit des Kreditvertrages.

      Mittelständler können jedoch nicht nur Marken und Patente, sondern auch Forderungen oft schneller als gedacht zu Geld machen. In der Finanzkrise besinnen sich viele wieder darauf, ihre Außenstände entschlossener einzutreiben, um so ihre Liquidität zu erhöhen und die Finanzierung zu verbessern. Auch dabei nehmen viele Hilfe in Anspruch. „Wir haben viele Finanzierungsanfragen“, sagt Frédéric Lodewyk, Vorstand der Quorum AG aus Düsseldorf, die für Mittelständler Forderungen eintreibt, „die Zahlungsziele haben sich europaweit verlängert. Das blockiert viele Unternehmen, die nicht das Eigenkapital haben, um offene Rechnungen zu überbrücken.“ Zeit und Kapazität, das Geld selbst einzutreiben, stehe den meisten kleinen Unternehmen dagegen nicht zur Verfügung. Sobald Quorum die Rechnungsdaten erhalten hat, zahlt der Dienstleister innerhalb von zwei Tagen zwischen 75 und 90 Prozent des Rechnungsbetrages an das Unternehmen. Der Restbetrag wird überwiesen, wenn der Rechnungsempfänger bezahlt hat. Dafür zahlt der Auftraggeber eine Gebühr, die zwischen 0,5 und 2,9 Prozent der Rechnungssumme liegt.

      Zu den Quorum-Kunden zählt auch Detlef Gottschalk, Geschäftsführer der Werbeagentur DSC Dortmund, der vier Mitarbeiter beschäftigt. „Die Zahlungsmoral vieler Kunden ist nicht so doll“, sagt der Werber „da herrscht oft die Meinung vor, Kleinunternehmen wie wir müssten nicht bezahlt werden. Bei Großunternehmen würden die sich das nicht trauen.“ Dank Quorum, so Gottschalk, erhalte er sein Geld nun innerhalb von 48 Stunden.

      Es geht jedoch auch ohne Dienstleister. „Wir betreiben unser Forderungsmanagement sehr aktiv, natürlich EDV-gestützt“, sagt Klaus Lünnemann, Geschäftsführer eines gleichnamigen Unternehmens für Messe- und Präsentationssysteme aus Ibbenbüren (Nordrhein-Westfalen). „Wir mahnen wöchentlich, lassen nichts lange schleifen und fassen gleich nach.“ Wird das Zahlungsziel von 14 Tagen überstrapaziert, greift Lünnemann schon mal selbst zum Telefon und ruft beim säumigen Kunden an. Das zeigt Wirkung – Lünnemann hält seine Außenstände niedrig. Und kann mit dem Geld weiter arbeiten – um noch ein Stück unabhängiger von den angeschlagenen Banken zu werden.

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