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Unternehmensgründung Deutsche Goldgräberstimmung in China

Deutsche Firmen in China sind Alltag, deutsche Gründer hingegen sind vergleichsweise rar. Die Volksrepublik ist ein spannender, aber kein einfacher Markt für junge Unternehmer. Ein Sinn für Improvisation ist hilfreich.

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Doris Rathgeber betreibt Praxen in Schanghai. Quelle: laif

Schanghai Die erlösende Nachricht kam von einem chinesischen Freund per SMS: Die Bezirksverwaltung wird grünes Licht geben für Doris Rathgebers neue Klinik für traditionelle chinesische Medizin in Schanghais Finanzdistrikt Pudong. Das war zwar noch keine offizielle Genehmigung, aber eine Zusage, von jemandem, der etwas zu sagen hat - und damit genauso verlässlich. Diese Nachricht lässt die deutsche Ärztin wieder ruhig schlafen, denn ihre Investitionen liefen schon auf Hochtouren. Und eigentlich war für Pudong keine weitere Vergabe von Kliniklizenzen vorgesehen.

Aber dass "eigentlich" im chinesischen Wirtschaftsleben ein sehr dehnbarer Begriff ist, weiß die 45-jährige nach mittlerweile acht Jahren als Unternehmerin in Schanghai. "Alles eine Frage der Auslegung", sagt die Chefin von 70 Mitarbeitern in ihren demnächst vier Kliniken und Praxen. Während in Deutschland alles genehmigt sein muss, bevor es mit Investitionen oder Bauvorhaben überhaupt losgeht, fallen in China Entscheidungen oft erst, wenn ein Projekt längst angelaufen ist. Unternehmerin Rathgeber: "In der Zwischenzeit muss man mit dem erhöhten Risiko leben."

Befeuert vom aktuellen Fünf-Jahres-Plan der Zentralregierung (siehe "Gründungschancen"), boomt China nach wie vor - auch bei ausländischen Unternehmen. Allein von Januar bis Ende Oktober 2011 wurden über 22.000 Unternehmen von Ausländern gegründet. Die Mehrzahl stammt aus den Nachbarregionen Singapur, Hongkong oder Malaysia, von wo aus auch viele europäische Unternehmer ihre China-Geschäfte starten. Aber mit knapp 1400 neuen Firmen belegen die europäischen Länder Platz zwei - vor den USA.

Während es mittlerweile knapp 6000 deutsche Unternehmen in China gibt, ist die Zahl der deutschen Selbstständigen darunter nur schwer zu ermitteln. Expertenschätzungen gehen von einigen Hundert aus, die an der fernöstlichen Goldgräberstimmung partizipieren. In Schanghai etwa, Chinas zweitgrößter Metropole mit 18 Millionen Einwohnern, "herrscht eine unglaubliche Energie, die einen inspiriert - oder überfordert", sagt Doris Rathgeber.


Gründer unterschätzen Komplexität

Denn der Wettbewerb ist hart, das Reich der Mitte kein Ort für Aussteiger oder um einfach mal eine Idee auszuprobieren. Was heute trendy ist, ist morgen out. Mindestens acht von zehn Unternehmen scheitern, schätzt Bernd Reitmeier. Elf Jahre lang hat er als Geschäftsführer der Auslandshandelskammer in Schanghai deutsche Unternehmen bei ihrem Start in China begleitet. Viele Ausländer unterschätzten das Tempo der Veränderung. "Sie müssen sich das vorstellen wie jeden Tag Wiedervereinigung", sagt der 41-Jährige, der Anfang November selbst sein Unternehmen Startup Factory in Kunshan, einer Millionenstadt auf halber Strecke zwischen Schanghai und Suzhou, eröffnet hat. Und nun auf rund 15.000 Quadratmetern Gewerbefläche deutschen Mittelständlern nicht nur Platz für ihre Fertigung und gemeinsame Verwaltungsabteilungen etwa für Personal, IT oder Buchhaltung bietet, sondern darüber hinaus auch Managementexpertise: Bis der Unternehmensableger etabliert ist, übernehmen der studierte Wirtschaftsingenieur oder seine Mitarbeiter die Geschäftsführung. Zehn Mittelständler, meist renommierte bayerische Maschinenbauer und Autozulieferer, sind bereits Kunden.

"Viele Gründer unterschätzen die Komplexität des chinesischen Marktes und der Regularien, die sich sogar von Hausnummer zu Hausnummer unterscheiden können", beobachtet auch Rainer Burkardt. Der Anwalt ist Mitinhaber der Schanghaier Kanzlei Burkardt, Böhland & Partner und begleitet Investoren und Gründer juristisch auf ihrem Weg nach und in China.

Dass sich ein Unternehmer im Reich der Mitte fast täglich wechselnden Rahmenbedingungen stellen muss, weiß auch Doris Rathgeber. So wurde erst im vergangenen Sommer durch ein neues Gesetz allen in China approbierten ausländischen Ärzten die Lizenz entzogen. Und kurz zuvor hat die chinesische Regierung die Sozialversicherungspflicht auf ausländische Mitarbeiter ausgedehnt, was Rathgebers Personalkosten um bis zu 30 Prozent steigern würde.

Wie man als Unternehmer mit solchen Nackenschlägen umgeht? Die gebürtige Düsseldorferin, die zunächst zwei Jahre an der Tongji und der Normal University in Schanghai Mandarin paukte, um anschließend Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in der Landessprache studieren zu können, gibt sich gelassen: "Nicht persönlich nehmen und nicht entmutigen lassen." Ihr Mann unterstützt sie im Streben nach konfuzianischer Haltung. Ekkehard Rathgeber ist selbst Unternehmer. Er managt geschlossene Fonds, die mit Schanghaier Büroimmobilien bestückt sind, und die er europäischen Investoren anbietet. "Ein gewisser Spaß an Improvisation und Chaos ist sehr hilfreich", sagt der ehemalige Bertelsmann-Manager und fährt fort: "Wer länger in China tätig ist, hat aber auch gelernt, neue Sachverhalte einzuschätzen. Das ist wichtig, um nicht in Panik auszubrechen, wenn sich irgendwo mal wieder etwas tut".


Die westliche Käseglocke

So fand Klinikchefin Rathgeber auch eine Lösung für das Approbationsproblem: Sie bildet künftig deutsch-chinesische Ärzte-Gespanne. Und das Sozialversicherungsthema ist ohnehin noch nicht auf Bezirksregierungsebene zur Umsetzung angekommen. Aufzugeben war für Rathgeber trotz aller Widrigkeiten nie eine Option: "Der Spaß überwiegt den Ärger bei weitem."

Ein klares Konzept und fachliches Know-how brauche man ebenso wie eine gute Portion China-Erfahrung, sagt einer, der von sich selbst behauptet, seine Firmengründung in Schanghai "ein bisschen wie Hans im Glück angegangen zu sein". 1993 kam der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige McKinsey-Berater Andreas Ermann für den Maschinen- und Anlagenbauer SMS zum ersten Mal nach China. Was vor 15 Jahren zufällig begann, als er immer wieder hörte, wie schwer sich westliche Firmen taten, passende Immobilien in der Volksrepublik zu finden, machte den inzwischen 45-Jährigen zum größten deutschen Unternehmer in China: Er entwickelte sich vom Immobilienmakler zum Komplettanbieter von Gebäudeservices mit mehr als 2.500 Mitarbeitern.

Von Sicherheits-, Wartungs- und Reinigungsdiensten bis hin zu Catering und Gartenpflege reicht die Palette, die Ermann in den chinesischen Großstädten Shenyang, Tianjin und Beijing, Schanghai, Suzhou und Hangzhou anbietet. Zu seinen Kunden zählen Botschaften, internationale Schulen und deutsche Großkonzerne wie Daimler, Bosch und BMW.

Mehr als nur ein paar Brocken Mandarin zu können schadet nicht, meint der Deutsche. "Denn ohne Chinesischkenntnisse ist man manipulierbar und abhängig", sagt Ermann, der die Sprache mittlerweile fließend spricht. "Aber auch ich frage mich noch, ob ich alle Zwischentöne mitbekommen habe. Die sind in dieser Kultur immens wichtig. Dann bin ich froh, wenn meine chinesische Frau mithört."

Obwohl Ermann zugibt, mit seiner Familie in Schanghai unter einer westlichen Käseglocke zu leben - seine Kinder besuchen die deutsche Schule, seine Versuche, chinesische Freundschaften zu schließen, verliefen schwierig bis enttäuschend -, zieht es ihn nicht nach Europa zurück. Vielleicht geht es später mal in die Schweiz. Ermann: "Aber China ist so spannend, dazu werden wir immer den Bezug behalten."

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