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Unternehmer im Bundestag „Vielen fehlt das Wissen, um Familienunternehmen eine Stimme zu geben“

78 Unternehmer sitzen im neuen Bundestag. Brun-Hagen Hennerkes, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Familienunternehmen, spricht im Interview über die Möglichkeiten und Grenzen der Manager in der Politik.

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Der Chef der Stiftung Familienunternehmen kritisiert, dass von den 78 Unternehmern im Bundestag zu wenige mit den Strukturen der mittleren oder großen Familienunternehmen vertraut sind. Quelle: dpa

Wie nach jeder Bundestagswahl hat die Stiftung Familienunternehmen beim Kürschner Volkshandbuch angefragt, wie viele Unternehmer im kommenden 19. Bundestag vertreten sein werden. Zuletzt waren es 35, nun sind es 78. In den vergangene Legislaturperioden waren es immer weniger Unternehmer geworden. Nun mit einem Mal hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Allerdings beruhen die Angaben auf Selbstauskünften, zumindest bei den Bundestagsmitgliedern, die neu hinzu gekommen sind. Erst im Laufe der nächsten Wochen wird sich zeigen, welchen genauen Hintergrund die Neumitglieder haben. Die Diskussion darüber aber, ob nun der deutsche Mittelstand damit besser im Parlament vertreten ist, ist in vollem Gange. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Familienunternehmen, Brun-Hagen Hennerkes steht dem Handelsblatt Rede und Antwort.

Herr Hennerkes, seit Jahrzehnten wünscht sich der deutsche Mittelstand mehr Unternehmer im Deutschen Bundestag, nun scheint man am Ziel. Doch Sie schauen kritisch auf die Zahl, wonach es nun 78 sein sollen, warum? Sie haben die Studie doch beauftragt.
Die Zahlen basieren auf den Selbsteinschätzungen der Abgeordneten, die anhand biographischer Daten laufend aktualisiert werden. Es ist allerdings kaum ein Abgeordneter im Bundestag vertreten, der mit den Strukturen der mittleren oder großen Familienunternehmen vertraut wäre.

Hand aufs Herz, machen Sie sich Sorgen, dass die Unternehmer künftig ihre Interessen im Bundestag selbst vertreten, und nicht mehr die Stiftung Familienunternehmen?
Nein, im Gegenteil. Wir als Stiftung begrüßen es, wenn Unternehmer oder Unternehmensvertreter in den Deutschen Bundestag einziehen. Das können aber ebenso qualifizierte Manager sein, denen man aber einen Rückfahrschein geben muss, um nach der Abgeordnetentätigkeit wieder ins Unternehmen zurückkehren zu können.

Herr Hennerkes, Sie kritisieren ja, dass unter den 78 Unternehmern im Bundestag zu wenige echte Unternehmer sind.
Der Begriff Unternehmer ist nicht definiert. Wenn darunter selbstständige Berater sind oder andere Freiberufler, dann verfügen Sie wohl kaum über das Wissen, das man bräuchte, um mittleren und größeren Familienunternehmen im Bundestag eine echte Stimme zu geben.

Unternehmer, die zum Teil hunderte von Millionen umsetzen, passen doch auch gar nicht in den Bundestag, sie wollen doch schnelle Entscheidungswege. Demokratisch sind die Prozesse in Unternehmen ja eher nicht …
Da haben Sie Recht. Wenn wir genügend Unternehmer mit der Qualifikation eines Martin Herrenknecht hätten, wäre das schon gut. Doch der hat die Idee mit dem Bundestag vor einigen Jahren wieder verworfen. Unternehmer haben das Sagen und leben in einer völlig anderen Businesswelt. Politik bedeutet das Bohren dicker Bretter, man muss in langen Prozessen überzeugen. Das widerspricht dem Unternehmertum. Hinzu kommt: Wenn der Unternehmer loyal sein will, muss er gemeinsam mit seinen Parteikollegen stimmen. Vertritt er eigene Überzeugungen, so gilt er als illoyal. Nur mal ein Beispiel: Brigitte Vöster-Alber, Unternehmenschefin von Geze, hat von einem Moment zum nächsten entschieden, die Produktion von Skibindungen einzustellen. Das waren 50 Prozent vom Umsatz. Sie sah in diesem Markt keine Zukunft. Eine solche Entscheidungsgeschwindigkeit ist in der Politik undenkbar.

Also muss man festhalten, dass Unternehmer und Politik nicht zusammenpassen?
Moment, es gäbe ja eine Lösung: Es gibt immer mehr Gesellschafter oder Beiratsmitglieder und pensionierte Manager, die eine solche Aufgabe übernehmen, wenn sie nicht oder nicht mehr operativ tätig sind. Ihnen könnte man ja auch eine Rückkehrmöglichkeit bieten. Auch ein Senior, der aus dem Unternehmen ausscheidet, könnte sich noch mal für den Bundestag wählen lassen.

Was müssten die Unternehmer oder Unternehmensvertreter denn wissen und vertreten?
Die wichtigsten Themen für die Familienunternehmer sind die Erbschafts- und Vermögensteuer und auch die Außensteuer. Es ist ja zum Beispiel so, dass die exportstarken deutschen Mittelständler, wenn sie Maschinen oder ganze Betriebsteile ins Ausland verlagern, ihre stillen Reserven mit dem Verlassen der EU sofort auflösen müssen. Auch öffentliche Country by Country-Reports, bei denen die Unternehmen ihre Geschäftszahlen pro Land offenlegen müssen, sind für Unternehmen wie Starbucks, Google und Apple kein Problem, für Familienunternehmen ist das aber gegebenenfalls ein tödlicher Anschlag auf ihr Geschäftsmodell.

Inwiefern?
Weil so die internationalen Wettbewerber die Strategien ihrer deutschen Konkurrenten aus den Zahlen herauslesen können.

Das sind ja tatsächlich alles Steuerfragen, für die die Unternehmen sicherlich auch ihre Experten haben….
Ja, aber die steuerliche Gesetzgebung sowie die Informationspolitik sind elementar für Familienunternehmen, und sie haben Fachleute die diese Themen betreuen.

Mit der FDP sind ja wohl einige neue Unternehmer in den Bundestag eingezogen, aber auch mit der AfD. Glauben Sie, dass die AfD Unternehmerinteressen binden kann?
Das glaube ich nicht, auch wenn es möglicherweise manchen gibt, der für einzelne Programmpunkte der AfD Sympathie empfindet. Doch den meisten Unternehmern fehlt es an Transparenz. Was die AfD eigentlich will und wer sich alles hinter ihr verbirgt, bleibt im Verborgenen.

Herr Hennerkes, vielen Dank für das Interview.

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