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Unternehmertum "Krisen sind ein guter Boden für Veränderungen"

Der Unternehmer Friedhelm Loh ist privat und auch geschäftlich ein bekennender Christ. Auch in seiner Firma lebt er den Glauben. Mit dem Chef der Loh-Gruppe sprach das Handelsblatt über seine persönliche Haltung, die Lehren, die er aus der Krise zieht und warum er Sonntagsarbeit ablehnt.

Friedhelm Loh: Der Geschäftsmann ist ein bekennender Christ. Quelle: Pressebild

Handelsblatt: Herr Loh, Sie sind Unternehmer und bekennender Christ. Was heißt das?

Friedhelm Loh: Ja, ich bin ein überzeugter Christ. Mein Glaube gibt mir Lebensbezug und Lebensinhalt. Christen sind nicht unfehlbar, sondern wissen sich geführt in ihrem Leben. Sie leben aus der Vergebung, menschlich wie unternehmerisch.

Handeln sie anders als ein Unternehmer, dem der Glaube egal ist?

An der Betriebswirtschaftslehre und der Erzielung von Gewinnen kommt auch ein Christ nicht vorbei. Die monetäre Seite ist aber nur Mittel zum Zweck und nicht der Inhalt meines Lebens. Wichtiger ist die Frage, wie ich ehrlich und verantwortungsbewusstmit Menschen umgehe und welche Funktionen ich ehrenamtlich in der Gesellschaft übernehme. Die Gesellschaft hat gegenüber Christen höhere Erwartungen, aber letztlich sind wir Christen Menschen wie andere, Geschöpfe Gottes, befähigt, aber fehlerhaft.

Sie haben in Ihrem Unternehmen Sonntagsarbeit abgelehnt?

Ja, aber ich weiß, dass ich das nicht immer garantieren kann, zum Beispiel bei Messen oder gravierenden Lieferengpässen. Ich möchte aber, dass die Menschen den Sonntag für sich und ihre Familien behalten, aus biblischer Sicht, aber auch weil es vernünftig ist, den siebten Tag nicht zu arbeiten.

Haben Sie in der Krise Entlassungen ausgesprochen?

Ja, leider. Wenn keine Arbeit da ist, müssen Wege gefunden werden, die Kapazitäten dem Markt anzupassen. Wir haben Leiharbeiter freigestellt, was letztlich auch Entlassungen sind. Im wesentlichen haben wir aber die Kurzarbeit genutzt, um den Umsatzeinbruch von rund 30 Prozent abzufangen.

Sie spenden regelmäßig. Nicht nur die Geschäftsführung, sondern auch die Belegschaft spendet.

Wir spenden alle. Die Belegschaft spendet mindestens einmal im Jahr. Das ist eine lange und gute Tradition. Jährlich kommen Beträge von 100 000 bis 300 000 Euro zusammen.

Sie spenden zehn Prozent von Ihrem Einkommen?

Ja.

Es gab kürzlich Urteile, dass Mitarbeiter entlassen wurden, weil sie ein Brötchen geklaut haben oder andere Kleinigkeiten. Wäre der Christ Loh da weniger hart?

Wenn Sie viele Menschen führen, müssen Sie Prinzipien haben. Das hat auch mit Gerechtigkeit zu tun. Wer klaut, gehört nicht hierher. Natürlich gibt es die Einzelabwägung, aber ohne Folgen bleibt kein Diebstahl. Andererseits versuchen wir, Menschen in Not aktiv zu helfen. Wir leben leider in einer Gesellschaft, die immer weniger bereit ist, den Schwächeren mitzutragen.

Ist die Loh-Gruppe ein reines Familienunternehmen?

Ich bin der einzige Gesellschafter. Bis zum Jahr 1989 waren wir eine Gruppe mit drei Familiengesellschaftern in der zweiten Generation. Wir haben im Interesse der Familie und der Unternehmen zwei Gruppen gebildet. Mein Bruder ist Gesellschafter der anderen Gruppe.

Sollen Ihre Kinder das Unternehmen einmal übernehmen?

Sie müssen ihren eigenen Weg gehen, so wie auch ich meinen eigenen Weg gegangen bin. Ich habe meinen Kindern schon in jungen Jahren vermittelt, dass sie diese Chance haben, wenn sie es denn wollen und können. Ich habe mich aber auch immer dagegen gewehrt, Kinder in eine Situation zu bringen, die sie vielleicht nicht beherrschen.

Trauen Sie es den Kindern nicht zu?

Meine Kinder sind frei, das zu tun, was sie für ihr Leben planen. Alle drei arbeiten jetzt nicht in der Gruppe. Meine beiden Söhne haben ihre eigenen Unternehmen gegründet, einer im Bereich Patente und der andere im Autosektor. Sie gehen ihren eigenen Weg. Das finde ich gut.

Sie haben das Elternhaus früh verlassen, warum?

Meine Eltern sind an mir verzweifelt, weil ich alles im Kopf hatte, nur die Schule nicht. Ich habe keine Mittlere Reife, kein abgeschlossenes Studium, von Beruf bin ich Starkstromelektriker. Mich hatte die Technik mehr fasziniert als die Schule. Später kam dann die Einsicht und ich habe den zweiten Bildungsweg neben der Lehre als Starkstromelektriker genutzt.

Dann sind Sie in das Unternehmen eingetreten?

Es gab in meinem Elternhaus ein ungeschriebenes Gesetz: Um in das Unternehmen einzutreten, musste man mindestens 28 Jahre alt sein und woanders bewiesen haben, was man kann. Das halte ich aus Erfahrung auch heute noch für eine weise Entscheidung. Als mein Vater unerwartet früh verstarb, bin ich mit 28 Jahren nach einer Praxisphase eingestiegen.

Sie gelten als sehr reich und belegen Platz 83 auf der Liste der 100 reichsten Deutschen.

Die Liste ist frei erfunden. Keine Ahnung woher sie stammt. Sie hat aus meiner Sicht keinen Bezug zur Realität. Mein Reichtum sind Gebäude und Maschinen, Fabriken und die Menschen, die darin arbeiten.

Wie lief 2009?

Dramatisch. Wir sind von fast allen Krisenbranchen direkt betroffen. Das war ein leidvoller Prozess, hinterlässt aber auch viele gute Erfahrungen. Für mich hat diese Situation neu den Umfang der Verantwortung deutlich gemacht. Wachstum ist nicht selbstverständlich und Erfolg muss immer wieder neu erdacht und erschaffen werden. Darüber hinaus hat die Krise neu deutlich gemacht, dass man sich in guten Zeiten auf schlechte Zeiten vorbereiten muss.

Was haben Sie aus der Krise gelernt?

Wir reden jetzt viel mehr über Details, freuen uns bewusster über gewonnene Aufträge, lernen uns besser als Team zu verstehen, ordnen vieles neu. Krisen sind ein guter Boden für Veränderungen.

Haben Sie in der Krise rote Zahlen geschrieben?

Nein, die Gruppe hat keine Verluste gemacht. Ich habe bereits im September 2008 einen Investitions- und Einstellungsstopp angeordnet und wir haben umgehend neue Vertriebskonzepte entwickelt und das Marketingbudget wesentlich erhöht. Natürlich haben wir, wo immer es ging, gespart. Wir hatten am Tiefpunkt 1 000 Mitarbeiter weltweit weniger. Das Konzept hat letztlich gestimmt, denn die Beschäftigtenzahl ist 2010 um mehr als 400 Mitarbeiter gestiegen. Trend weiter steigend.

2010 wird also wieder besser?

Wir werden nicht wieder das Jahr 2008 erreichen, aber an das Jahr 2007 anschließen. Es fehlen immer noch rund zehn bis 15 Prozent. Ich gehe davon aus, dass wir 2011 wieder ein normales Geschäftsjahr haben mit gutem Wachstum weltweit und mit einem entsprechend guten Ergebnis.

Loh-Gruppe: Imperium mit Schaltschränken

Ich bin ein typisches Nachkriegskind", sagt Unternehmer Friedhelm Loh. Als Kind hat er in der 1946 von seinem Vater Rudolf Loh gegründeten kleinen Fabrik im hessischen Haiger mitgeholfen und wuchs darin auf. Er packte Prospekte ein und sah zu, wie die kleine Fabrik größer wurde. Sein Vater ließ in den Trümmern einer ehemaligen Zementfabrik aus Kupfer- oder Zinkblech Dinge bauen, die nach dem Krieg gefragt waren: Gießkannen, Teewagen oder Wärmflaschen - je nach Saison.

Heute blickt Friedhelm Loh aus seinem Büro in der modernen, schwarz-weiß gestylten Firmenzentrale auf einen stattlichen Werks- komplex am Ortsrand des Städtchens Haiger. Aus der kleinen Fabrik ist eine internationale Firmengruppe mit zwölf Werken, rund 10 000 Beschäftigten und einem Umsatz von knapp zwei Mrd. Euro geworden.

Mit Wechselsprechanlagen und vor allem Schaltschränken ist das Unternehmen groß geworden. Loh hatte im Jahr 1961 die Idee, elektronische Schaltschränke vorwiegend für die Investitionsgüter-Industrie in Standardgrößen zu fertigen und als Großserien professionell zu vermarkten. Bis dahin wurden die Schaltschränke für die elektrische Steuerung jeweils individuell für die Bedürfnisse der Kunden zusammengebaut. Heute fertigt die Firma Rittal die Schränke, sie ist die größte Tochter der Loh-Gruppe.

Brüder spalten die Firma auf

Als der Gründer Rudolf Loh 1971 überraschend im Alter von nur 57 Jahren stirbt, übernehmen zunächst seine Frau Irene und der älteste Sohn Joachim das Unternehmen. 1974 kommt es zu der bis heute gültigen Aufspaltung der Gruppe: Joachim Loh übernimmt die unter Hailo firmierenden Teile, die vor allem Haushaltsgeräte wie Bügeltische und Stahlleitern fertigen. Friedhelm Loh verantwortet die Sparten Schaltschränke und Türsprechanlagen mit den Marken Ritto und Rittal.

Nach und nach baut Friedhelm Loh die Gruppe auf verwandte Bereiche aus, da er die Anforderungen für den Bau der Schaltschränke kennt. Er übernimmt Zulieferer und baut diese zu selbstständigen Anbietern aus. So fertigt die Rittal-Gruppe inzwischen nicht nur Schaltschränke, sondern es gehört auch ein Software-Anbieter dazu, ebenfalls ein Spezialist für Rechenzentren.

Die Metall-Gruppe Lometal beliefert die eigene Gruppe mit Blechen, versorgt aber auch Abnehmer aus der Automobilindustrie und andere Investitionsgüterhersteller mit Rohblechen und bearbeiteten Formteilen. Auch im Geschäft mit erneuerbaren Energie ist Loh inzwischen unterwegs: Er plant und baut Blockheizkraftwerke und Solaranlagen.

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