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Vaude Wie der kulturelle Wandel im Mittelstand gelingt

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3. Schaffe Schnittstellen

Der Frühsommer schickt die ersten Sonnenstrahlen dieses Jahres über Südwestdeutschland, als Antje von Dewitz vor einer Gruppe von Unternehmer*innen und Manager*innen steht und sie zum Mitmachen auffordert. Ein Bündnis in Singen hat zum Wirtschaftstag eingeladen, es soll um nachhaltig erfolgreiche und digitale Unternehmensführung gehen. Viele der Menschen, deren Unternehmen den mopsfidelen Zustand der deutschen Wirtschaft in diesen Monaten zu verantworten haben, sind hier versammelt. Maschinenbauer*innen, Schraubenkönige, Volksbanker, solche Leute. Mitten unter ihnen braucht Antje von Dewitz, die hier neben dem Pop-­Philosophen Richard David Precht als Mentorin durch den Tag führt, nur wenige Minuten, bis aus dem formvollendeten Aufeinandertreffen eher konservativer Entscheider*innen ein konstruktives Miteinander wird. Weil Antje von Dewitz einerseits so konzentriert und bestimmt spricht, dass diese Verbindlichkeit zum Mitmachen ansteckt. Und weil sie gleichzeitig gewohnt ist, Menschen aus verschiedenen Hintergründen auf ein Ziel einzuschwören.

So hat sie auch Vaude geöffnet. Augenhöhe, das zentrale Prinzip für die innere Führung des Unternehmens, wird so auch zum zentralen Prinzip im Umgang mit Menschen von außen. Wenn ein Lieferant aus Asien die neuen Grundsätze nicht sofort erfüllen will, lässt Vaude ihn nicht fallen, sondern arbeitet mit ihm.

Wenn Vaude etwas beschafft, entscheidet nicht nur der Preis, sondern zusammen mit dem Zulieferer wird geschaut, was geht. Und wenn der Trend in der Branche dazu geht, dass Markenartikler eigene Läden eröffnen und so den alten Fachgeschäften Konkurrenz machen, verweigert sich Vaude dem und setzt auf Partnerschaften. Privatkund*innen können bis heute nicht direkt bei Vaude kaufen, sondern werden per Software zum nächstgelegenen Fachhandel geleitet.

Weil manche Dinge sich dann doch direkt am Firmensitz besser herstellen lassen, produziert Vaude einen Teil der Kollektion wieder in Deutschland Quelle: Dominik Butzmann

Das Prinzip Augenhöhe ist für Antje von Dewitz maßgeblich. Sie hat sich das bei den vielen reinen Digitalunternehmen, die in ihrem Umfeld entstanden, abgeschaut. „Viele digitale Händler haben das mit der Augenhöhe sehr gut drauf, indem sie beispielsweise partnerschaftlich mit Abverkaufszahlen um­gehen, während der eine oder andere stationäre Händler noch eher klassische Lieferantenbeziehung von oben herab pflegt. Wenn man so will, ist der
Grad der Augenhöhe auch ein Indikator für ­Innovationskraft“, sagt sie. Amazon oder Zalando hätten kein Problem, ihre Daten mit Vaude zu teilen und über ­offene Schnittstellen mit dem viel ­kleineren Partner aus Oberschwaben
zu kommunizieren.

4. Erfinde Neues

Es ist Sommer geworden in Oberschwaben, und für Antje von Dewitz hat eine Reihe an Terminen begonnen, die zeigen, wie aus diesem unternehmerischen Wandel auch Produkte entstehen. Da wäre Anfang ­Juni etwa der Start von iRentit. Eine Plattform, über die Vaude seine Ausrüstung nicht mehr in erster Linie verkaufen, sondern ver­leihen will. Eine Art weiterentwickelte Sharing Economy für Mittelständler. Vaude hat bei seinen Partnerhändler*innen Tauschstationen installiert, über die sich ein Großteil des Sortiments aus­leihen und später zurückgeben lässt.

Oder Mitte Juli. Da steht sie unter 80 Gästen und schaut, wie eine Upcycling-Plattform startet. Hier können Kund*innen zusammen mit Mitarbeiter*innen defekte Vaude-Artikel reparieren. Quasi Co-Working für Produktionsbetriebe. Hier überlässt es ­Antje von Dewitz, die sonst als ­Betonung des Prinzips deutscher Mittelstand auf das Etikett jedes Produkts ihr Gesicht drucken lässt, einer Kollegin, das Konzept in der Öffentlichkeit vorzustellen. „Überaus erfolgreich und authentisch“ habe sie es geschafft, „Vaude zu ­einer starken, wettbewerbsfähigen Marke konsequent weiterzuent­wickeln“, urteilt im Sommer schließlich die Jury des German Brand Award und ernennt sie zur Managerin des Jahres.

Als sie später wieder in Tettnang ist, wirkt Antje von Dewitz, als ­habe sich , ein Knoten gelöst: „Ich würde sagen, seit etwa einem Jahr hat das Ganze eine neue Leichtigkeit, ich denke, wir rücken dem ­Zustand, wie ich ihn mir wünsche, immer näher.“ Der Zustand heißt aber auch: Es geht ­immer weiter.

Noch Fragen übrig geblieben? Dann schreiben Sie uns unter join-ada.com/feedback oder per Mail an hello@join-ada.com.

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