Vetter-Pharma-Chef Thomas Otto „Wir müssen aufpassen, dass uns die Kontrolle nicht entgleitet“

Hohe Energiekosten machen dem Mittelständler Vetter Pharma zu schaffen. Quelle: imago images

Das Unternehmen Vetter Pharma aus Ravensburg nutzt stromintensive Reinräume für die aseptische Abfüllung von Medikamenten. Firmenchef Thomas Otto über riskanten Zitterstrom, hohe Preise und konservative Energiebeschaffung.

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WirtschaftsWoche: Herr Otto, das Unternehmen Vetter gehört zu den energieintensiven Betrieben in Deutschland. Sie produzieren lebensnotwendige Medikamente für die Pharmabranche. Wie sehr schockt Sie die aktuelle Gaspreisrallye?
Thomas Otto: Die Energiekosten liegen bei uns im hohen zweistelligen Millionenbereich. Auch wir sind von den steigenden Energiepreisen sehr stark betroffen. Wir betreiben Reinräume, in denen wir Medikamente herstellen. Das Innenklima muss aseptisch, also keimfrei sein. Deswegen sichern wir die Stromzufuhr mehrfach ab. Wir haben dafür beispielsweise unterbrechungsfreie Stromversorgungen installiert, die eine kurze Störung des Hauptnetzes überbrücken könnten. Wir können uns keine Sekunde Stromausfall erlauben.

Was würde passieren?
Sollte der Betrieb der Reinräume für eine einzige Sekunde ausfallen, würde das keimfreie Klima zerstört. Dann wäre die komplette Tagesproduktion vernichtet. Wir setzen hochkomplexe Klimatechnik ein. Sollte es zu einem Blackout im Stromnetz kommen, würden zuerst Schwungräder mit gespeicherter Energie, und im Anschluss unsere Notstromaggregate übernehmen. Der Betrieb dieser Anlagen ist teuer und energieintensiv. Wir haben viele Millionen Euro investiert, um uns für den Notfall übergangsweise autark machen zu können.

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Wie oft kommt es vor, dass in Deutschland der Strom zittert?
Das ist von Standort zu Standort unterschiedlich. Unser Hauptwerk in Ravensburg liegt in der Nähe eines Umspannwerks. Da kommt es vielleicht zehn bis 15 Mal im Jahr vor, dass der Strom für ein paar Sekunden oder ein paar Minuten ausfällt. Unser Werk am Bodensee ist etwa doppelt so häufig betroffen. Dort werden wir von einem lokalen Netzbetreiber mit Strom versorgt.

Vetter-Pharma-Chef Thomas Otto. Quelle: PR

Ist das für Sie als Pharmazulieferer ein ernsthaftes Problem?
Wir haben uns darauf eingestellt und rechtzeitig in Notstromnetze investiert. Damit sind wir gut gerüstet. Aber Deutschland baut sein Stromnetz radikal um. Erneuerbare Energien wie Sonnen- und Windkraft sollen den Strom aus Kohle, Atom und Gas mehr und mehr ersetzen. Die Stromproduktion wird volatiler, die Schwankungen im Netz nehmen zu. Ich blicke aus Stabilitätssicht mit Sorge auf die Zeit, wo Deutschland komplett aus den fossilen Energien ausgestiegen sein wird.

Der Ukrainekrieg dürfte die Transformation beschleunigen. Deutschland will sich schneller von russischem Gas unabhängig machen. Fossile Energie wird damit teurer, Erneuerbare sollen übernehmen. Schafft Deutschland den Wandel?
Wir müssen aufpassen, dass uns die Kontrolle nicht entgleitet. Die Industrie benötigt hohe Mengen an Erneuerbarem Strom, um die fossilen Energieträger zu ersetzen. Auch wir wollen weg von Öl und Gas und unsere Produktion klimafreundlich ausbauen. Wir nutzen bereits Strom aus Wasserkraft, Biogas, Geothermie und Fotovoltaik. Aber so ein Umbau der Energieproduktion braucht seine Zeit. Die Versorgungssicherheit bei Gas und Öl war bislang immer gegeben. Wir können nicht einfach mal eben den Hebel auf Erneuerbare umstellen.

Die Welt diskutiert über einen Importstopp von russischem Gas. Das wäre der Energie-Gau für die deutsche Industrie. Fürchten Sie, dass Sie kein Gas mehr bekommen?
Wir sind aufgrund unserer Tätigkeit als kritisches Unternehmen eingestuft. Unsere Produkte wie Medikamente gegen Krebs sichern das Überleben von Menschen. Von einem Importstopp russischen Gases und einer möglichen staatlichen Zuteilung der Gasreserven wären wir im ersten Schritt noch nicht negativ betroffen. Aber wir sind natürlich auch auf Vorprodukte angewiesen. So eine Krisensituation will sich keiner ausmalen.

Die Gaspreise explodieren, die deutsche Industrie spürt die Folgen des Ukrainekrieges unmittelbar. Vor allem der Mittelstand. Unternehmen reagieren mit Notfallmaßnahmen.
von Christian Schlesiger, Nele Husmann

Die Preise für Energie könnten so oder so weiter steigen. Wie stark belastet Sie die Situation?
Wir haben uns gegen steigende Gas-, Öl- und Strompreise gut abgesichert. 60 bis 70 Prozent unseres Verbrauchs in diesem Jahr haben wir bereits im Voraus eingekauft. Die geplante Menge für 2023 ist zu circa 40 bis 50 Prozent abgesichert. Wir beschaffen konservativ. Aber klar: Wenn die Preise dauerhaft steigen, müssen auch wir Gas, Öl und Strom wesentlich teurer einkaufen.

Und Sie geben die Preise dann an Ihre Kunden weiter?
Wir arbeiten partnerschaftlich mit unseren Kunden zusammen. Für sie wie uns steht die zuverlässige Versorgung von Patienten mit lebensnotwendigen Medikamenten an erster Stelle. Ob wir die Kosten in Zukunft eins zu eins weitergeben können, ist aber nicht klar. Wir leben wirklich in einer Ausnahmesituation.

Machen Sie in diesen Zeiten überhaupt noch Gewinn?
Wir arbeiten weiterhin profitabel, weil wir konservativ planen und Energiepreissteigerungen abgesichert haben.

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