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Werke werden geschlossen Kettler muss aufgeben

Kettcar-Hersteller: Kettler gibt auf Quelle: imago images

Die dritte Pleite des Kettcar-Herstellers war eine zu viel: 70 Jahre nach der Gründung werden die deutschen Werke von Kettler endgültig geschlossen. Damit endet eine glorreiche deutsche Wirtschaftswundergeschichte.

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Im siebzigsten Jahr ist es vorbei. Kettler, gegründet 1949 von dem damals 22-jährigen Heinz Kettler, großgeworden durch Campingartikel und ein Kinderspielzeug namens Kettcar, schließt. Die Hoffnung auf einen erneuten Neuanfang sind zerstört.

„Wir können die Produktion nicht weiterführen. Sie ist in der heutigen Struktur nicht mehr lebensfähig“, sagte der Rechtsanwalt Martin Lambrecht, der die Kettler-Unternehmensführung in dem bereits Ende Juli eingeleiteten Insolvenzverfahren berät, der Deutschen Presse-Agentur.

Für 550 Kettler-Mitarbeiter im sauerländischen Ense-Parsit bedeutet das nun Abschiednehmen. Dabei wollten sie in diesem Jahr jubilieren. Unter dem Motto „Erfolge feiern. Niederlagen einstecken. Wieder aufstehen“ war Kettler noch im Frühjahr bei der Sportmesse ISPO in Köln aufgetreten. Der Mittelständler verglich sich mit Niki Lauda, mit Muhammad Ali – Legenden, gerade weil sie nach schweren Krisen wieder empor arbeiteten. In dieser Tradition wollte Kettler sich sehen: Eine Legende, die wiederaufersteht.

Die Hoffnung war groß – nicht zum ersten Mal setzte das Unternehmen auf ein Comeback. Als im Juli dieses Jahres Insolvenz angemeldet wurde, war es bereits das dritte Mal in nur vier Jahren. Jedes Mal hieß es am Ende, Kettler könne gerettet werden und auch dieses Mal gab es eine Chance auf einen Neuanfang. So machte der Insolvenzsachwalter Georg Kreplin noch im Sommer im Gespräch mit der WirtschaftsWoche den Mitarbeitern Mut: „Es gibt gute Chancen, das Unternehmen zu erhalten“, sagte Kreplin. Auch Juristin Annamia Beyer, die Kettler gemeinsam mit dem Restrukturierungsexperten Lambrecht beriet, sprach von „Aussicht auf Erfolg“. Laut Lambrecht selbst war im Sommer ebenso Kettlers Finanzinvestor Lafayette Mittelstand Capital „weiterhin von der Zukunftsfähigkeit der deutschen Produktionsstandorte überzeugt“ und beteiligte sich aktiv an der Sanierung.

Geholfen hat all das nicht.

„Ein Kettler wie bisher wird es zukünftig nicht mehr geben. Der Markenname kann möglicherweise weiterexistieren, Produkte Made in Germany wird es aber nicht mehr geben“, sagte Lambrecht der Deutschen Presse-Agentur.

Ein großes Problem beim Versuch, Kettler wieder auf Profitabilität zu trimmen, dürfte die enorme Produktvielfalt dargestellt haben. Sie galt Kennern als zu groß, auch wenn sich Kettler in den Jahren bereits von einzelnen Sparten getrennt hatte. Dadurch seien Logistik, Vermarktung und Vertrieb der Artikel „vergleichsweise teuer“ gewesen, hatte Berater Lambrecht der WirtschaftsWoche im Sommer das Problem beschrieben.
Außerdem hieß es im August aus der Branche, die Geduld der Händler sei durch die vorherigen Pleiten bereits stark strapaziert. Sie davon zu überzeugen, dem Unternehmen Kettler treu zu bleiben und weiter zu bestellen, könnte in den vergangenen Monaten fehlgeschlagen sein und somit die Aussicht auf profitable Verkäufe gemindert haben.

Mit der Schließungs-Ankündigung endet nun der Kampf um einen Mittelständler, der wie wenige andere für die Erfolge der deutschen Wirtschaftswunderzeit steht.

Seine ersten Erfolge feierte Kettler mit Küchen- und später Campingartikeln. Die frühen Verkaufsschlager waren der Campingsessel Piccolo 1951 und ab 1962 das in der Bundesrepublik lange sehr beliebte Kinderspielzeug Kettcar. Laut Kettler wurden bis heute mehr als 15 Millionen Exemplare des kleinen Rennwagens verkauft. 1980 nahm der Duden das Kettcar sogar als Gattungsbegriff ins gleichnamige Wörterbuch auf.
1977 machte Kettler mit dem weltweit ersten Fahrrad aus Aluminium auf sich aufmerksam. Über die Jahre erweiterte das Unternehmen sein Sortiment immer mehr, verkaufte auch (Heim-)Sportartikel, Gartenmöbel und verschiedene Kinderfreizeitartikel. Heute umfasst das Kettler-Portfolio Sportartikel, Gartenmöbel sowie Spielfahrzeuge, Spielgeräte und Büro-Möbel für Kinder. Über die Jahre stellte sich das sauerländische Unternehmen auch international auf, gründete Niederlassungen in den USA, Niederlanden, Österreich, Polen, England und Frankreich. Zum Firmenjubiläum im Jahre 1999 hatte Kettler weltweit etwa 3500 Mitarbeiter. Bis 2018 schrumpfte die Zahl allerdings auf rund 700 Mitarbeiter an den Standorten Ense und Werl.

Nach großen Erfolgen in den ersten Jahrzehnten geriet das Unternehmen aber in den vergangenen Jahren immer mehr in Schieflage. Schon 2015 hatte Kettler erstmals Insolvenz anmelden müssen. Doch gelang nach einem Stellenabbau und dem Verkauf der Fahrradsparte ein Neuanfang. 2017 sorgte dann ein tödlicher Autounfall der Kettler-Erbin, Karin Kettler, für neue Turbulenzen. Mit ihrem Tod endete Kettlers Geschichte als Familienunternehmen. Karin Kettler war das einzig verbleibende Familienmitglied im Unternehmen. Fortan wurde der Freizeitgerätehersteller von externen Managern geführt und verwaltet.

Im Sommer 2018 kam für Kettler die zweite große wirtschaftliche Krise innerhalb weniger Jahre. Das Unternehmen stellte einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung, um den Weg für den Einstieg des neuen Gesellschafters Lafayette freizumachen. Das gelang im Dezember. Die Mitarbeiterzahl schrumpfte erneut – auf etwas mehr als 500 Mitarbeiter.

Trotz der dezimierten Belegschaft startete die Kettler-Mannschaft öffentlichkeitswirksam „mit viel Hoffnung und Zuversicht auf eine erfolgreiche Zukunft“ ins Jubiläumsjahr. „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens freuen sich auf die bevorstehende Zeit des Aufbruchs“, ließ Kettler zum Jahresauftakt per Pressemitteilung verlauten.

Im Juli dann der erneute Antrag auf Insolvenz in Eigenverantwortung. Nun, im Oktober des 70-jährigen Bestehens ist es offiziell: Der Kettcar-Hersteller wird für immer die Tore schließen. Die Wirtschaftswundergeschichte aus dem Sauerland ist auserzählt.

Mit Material von dpa

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