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Mittelstands-Investor Neues Leben aus den Nokia-Trümmern

Im Konzernverbund hatte die Automobilsparte des finnischen Handybauers Nokia keine Zukunft. Als selbstständige Firma profitiert sie nun von kurzen Entscheidungswegen und Freiräumen.

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Akustiktest bei Novero

Den 16. Juni 2008 wird Razvan Olosu wohl nie vergessen. Der warme Sommertag war für ihn ein Neuanfang: Der gebürtige Rumäne feierte die Gründung von Novero, seinem ersten eigenen Unternehmen. Doch es gab weder Schampus noch Canapés in gut klimatisierten Räumen, sondern lauwarmes Bier und durchgeweichte Brötchen in einer stickigen Werkshalle mitten im Bochumer Industriegebiet. Der lahme Start in muffigem Ambiente hat eine bewegte Vorgeschichte, ohne die es Novero heute nicht gäbe.

Sechs Monate vor der missglückten Feier hatte der finnische Handyhersteller Nokia angekündigt, sein deutsches Werk in Bochum dichtzumachen. Olosu, damals noch Nokia-Deutschland-Chef, mochte diese Entscheidung nicht akzeptieren und verhandelte mit seinem Arbeitgeber über einen Verkauf der Nokia-Automotive-Sparte – dort wurden Freisprechanlagen und Halterungen für Handys im Auto gefertigt.

Anfang Juni 2008 waren beide Seiten sich einig, am 16. des Monats setzte Olosu in Düsseldorf seine Unterschrift unter den Vertrag und machte sich anschließend auf den Weg nach Bochum, um seiner Mannschaft die gute Botschaft zu überbringen. Doch statt mit ihr zu feiern, blieb er im Stau auf der A40 zwischen Düsseldorf und Bochum stecken. Als er um halb acht abends endlich auf seiner eigenen Eröffnungsfeier ankam, waren die Band und die meisten seiner 250 Mitarbeiter schon gegangen – an dem Abend spielte Deutschland in der Europameisterschaft.

Schwarze Zahlen

Novero ist trotzdem eine Erfolgsgeschichte geworden. Dank mittelständischer Strukturen schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen – wie schwarz genau, mag Olosu nicht verraten. Der Umsatz ist zweistellig gewachsen und erreicht heute rund 100 Millionen Euro, aus ehemals 250 Mitarbeitern sind inzwischen 400 geworden.

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    Die Ursache des Aufstiegs ist simpel: Als mittelständisches Unternehmen hat Novero eine Flexibilität erreicht, die eine Abteilung eines Großkonzerns nie schaffen würde. Seit der Ausgründung hat Novero neun neue Produkte zur Marktreife entwickelt, darunter Bluetooth-Headsets und eine Freisprechanlage, die man in die Hosentasche stecken kann. Neun weitere sollen noch in diesem Jahr folgen.

    Viel ist passiert, seit die Nokia-Führung im finnischen Espoo im Januar 2008 die Entscheidung traf, den Standort Bochum zu schließen. Begründet wurde die Werksschließung damals damit, dass Deutschland als Produktionsstandort zu teuer sei. Rund 2300 Beschäftigte verloren ihren Job.

    Suche nach Investoren

    Zeitgleich mit der Werksschließung hatte die Führung entschieden, den in Bochum angesiedelten Bereich Automotive ganz zu verkaufen. Die Begründung: Die Herstellung von Freisprechanlagen und Telefonhalterungen für verschiedene Autotypen passe nicht zum Kerngeschäft des Handyherstellers.

    Olosu mochte sich damit nicht abfinden, er kündigte seinen Job als Deutschland-Chef und machte sich auf die Suche nach Investoren. Neun Monate später war es so weit. Mithilfe der beiden Finanzinvestoren Equity Partners aus Australien und Fairwind aus Rumänien übernahm Olosu die komplette Automobilsparte mitsamt den 250 dort beschäftigten Mitarbeitern.

    Der Rumäne wagte den Schritt auch, weil er das Geschäft 1996 gemeinsam mit anderen Führungskräften aufgebaut hatte. „Man lässt sein Baby nicht zurück“, sagt der heutige Novero-Mehrheitseigner und -Geschäftsführer.

    Olosu wusste genau, was er von Nokia gekauft und worauf er sich eingelassen hatte. Er kannte den Markt, die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen, seine Mitarbeiter, er konnte die Perspektiven des Unternehmensbereiches sehr genau einschätzen, aber auch die damit verbundenen Risiken.

    Geschlossenes Nokia-Werk in Quelle: AP

    „So eine Situation ist optimal“, sagt Petra Moog, Professorin für Unternehmensnachfolge an der Universität Siegen. Auch die Finanzierung lasse sich so gut planen, außerdem sei es auf diese Weise einfacher, Investoren zu finden.

    Dabei kam für Olosu eines nicht infrage: die Verlagerung der Produktion ins Ausland. Zwar sind die Löhne hierzulande höher als in vielen anderen Ländern, viel wichtiger aber war für ihn der Standortvorteil von Bochum.

    Die Ruhr-Metropole liegt nur einige Hundert Kilometer entfernt von wichtigen Abnehmern wie Volkswagen, Mercedes und BMW. Die räumliche Nähe verschafft Novero einen Wettbewerbsvorsprung gegenüber Mitbewerbern – Olosu entwickelt und produziert die Freisprechanlagen in enger Zusammenarbeit mit den Automobilherstellern, die Transportwege zu deren Fließbändern sind kurz.

    Jeder Dritte in der Forschung

    Novero produziert in Bochum nicht nur Freisprechanlagen für die Autoindustrie, sondern entwickelt und produziert auch Handyzubehör für den ehemaligen Mutterkonzern Nokia.

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      Beide Sparten – also die Produktion von Freisprechanlagen für Autobauer und die Herstellung von Handyzubehör – machen zusammen fast 80 Prozent des Umsatzes aus, die restlichen 20 Prozent entfallen auf Handyzusatzgeräte für Endverbraucher, die unter der Marke Novero verkauft werden – Headsets und sogenannte Speakerphones, Freisprechanlagen für die Hosentasche.

      Olosu will das Endkundengeschäft stärken und zum dritten Standbein seines Unternehmens ausbauen. Damit das gelingt, arbeitet rund ein Drittel der Belegschaft in der Forschung und Entwicklung.

      Der Aufwand scheint sich zu lohnen: Allein 2009 brachte Novero sieben neue Produkte für den Endverbraucher auf den Markt, etwa ein Headset mit dem Namen „The Firsty One“ und die edlere und teurere Variante namens „Lexington“.

      Hohe Innovationsgeschwindigkeit

      Die Geräte haben eines gemeinsam: Sie sind weiß oder knallpink. Und sie kommen in einer Plexiglas-Box ins Regal, die 20-mal so groß ist wie das Produkt selbst. Die Ähnlichkeit mit dem Apple-Design ist unverkennbar. Aber nicht nur beim Design will Olosu seinen Kunden etwas Besonderes bieten – mit dem Produkt wird jede Menge Zubehör ausgeliefert: Aufsätze für große und kleine Ohren, Klipps und Anhänger.

      Auf solche Ideen kommen die Novero-Entwickler, weil sie Freiräume für Experimente haben und die Entscheidungswege kurz und direkt sind, ist Olosu überzeugt. Was ihm gefällt, kommt in die Packung. Das erhöht auch die Innovationsgeschwindigkeit: Dauerte die Entwicklung eines neuen Produktes bei Nokia noch eineinhalb Jahre, brauchen die Novero-Ingenieure jetzt nur noch neun Monate.

      Konzerne sind selten so schnell und flexibel, weiß Tom Rüsen, Dozent am Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke: „Das Unternehmen kann plötzlich viel schneller agieren, das ist ein Wettbewerbsvorteil.“  

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