WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Mobilfunk Kein Plan B bei Nokia

Der angeschlagene Mobilfunkriese aus Finnland will mit den ersten Windows-Handys die Wende einleiten. Die Reaktionen von Testern und Großkunden auf das noch geheime neue Smartphone zeigen: Die Chancen dafür stehen gut.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Abgehängt von Android

Die Präsentation der Geschäftszahlen ist für Stephen Elop alles andere als eine lästige Pflichtübung. Stakkatoartig und noch schneller als sonst spult der Nokia-Vorstandschef die wichtigsten Kennzahlen des dritten Quartals herunter – und garniert sie immer wieder mit denselben Vokabeln. „Fortschritt“, „Dynamik“, „erste Erfolge“ – das ist die Story, die der Nokia-Chef im finnischen Espoo am vergangenen Donnerstag den per Telefon oder über das Internet zugeschalteten Analysten erzählt.

Einen Einbruch bei Umsatz und Gewinn hatten die Experten schon vorher erwartet. Es waren dann 13 Prozent Umsatzminus auf rund neun Milliarden Euro und 71 Millionen Euro operativer Verlust. Doch viele hatten Schlimmeres befürchtet: Prompt erholte sich binnen weniger Minuten die zuletzt arg gebeutelte Nokia-Aktie und stieg zeitweise um bis zu zehn Prozent.

Der Riese meldet sich zurück

Die Rede war nur das Vorspiel für einen Auftritt, mit dem sich Elop in dieser Woche auf der Weltbühne zurückmelden will. Auf der Hausmesse Nokia World am Mittwoch in London will er der Öffentlichkeit beweisen, dass mit Nokia auf dem hart umkämpften Smartphone-Markt wieder zu rechnen ist. Der angeschlagene Handyriese meldet sich zurück: Das erste, gemeinsam mit Microsoft entwickelte Smartphone hat gute Chancen, den Siegeszug von Apple und Google zu stoppen. Das zeigen erste Urteile von Testern und Großkunden zu dem noch streng geheimen Gerät.

Hauptgrund für die Misere ist Nokias Schwächeln im boomenden Markt für Smartphones rund um Apples iPhone und die Armada von Geräten auf Basis von Googles Handyplattform Android. Elop hatte die katastrophale Lage von Nokia zu Jahresbeginn in einer internen E-Mail mit einer „brennenden Ölplattform“ verglichen und viele Mitarbeiter damit geschockt.

Schnelleres Tempo

In den 13 Monaten seit seinem Antritt hat er das Unternehmen komplett auf den Kopf gestellt. Offenbar hat der Kanadier den richtigen Schalter gefunden, um den Tanker Nokia wieder in Fahrt zu bringen. „Wir packen die Probleme mit hohem Tempo an“, plaudert Neuvorstand Michael Halbherr aus dem Nähkästchen. „Das war in den vergangenen Jahren unser größtes Problem.“

Doch Nokia kann die Wende nur schaffen, wenn die Finnen endlich wieder ein Produkt auf den Markt bringen, um das sich die Kunden reißen. Alles hängt nun von der Präsentation in London ab. Unabhängige Beobachter erwarten, dass Elop gleich drei Nokia-Geräte auf Basis des Betriebssystems Windows Phone präsentieren wird. Mit von der Partie sind in London auch zwei deutsche Top-Manager. Halbherr, erst seit drei Monaten im Nokia-Vorstand, wird erläutern, wie der neue Geschäftsbereich Location & Commerce die Schwäche von Nokia im Softwaregeschäft ausmerzen will. Und Achim Berg, ehemaliger Deutschland-Chef von Microsoft, koordiniert in der Microsoft-Zentrale in Redmond inzwischen alle Marketingaktivitäten von Windows Phone und wird deshalb auch bei Nokias Premiere in London dabei sein.

Steil bergab

Vor der Nokia World spielen Unternehmens-Insider die hohen Erwartungen an das erste Windows Phone noch herunter. „Das Gerät ist nicht das neue Jesus-Phone“, sagt ein hochrangiger Manager, der nicht genannt werden will. Es brauche sich aber nicht vor der Konkurrenz zu verstecken. Das Gerät, das offenbar das Kürzel N800 bekommen soll, biete genau das, was die Kunden von einem Smartphone auf einem hohen Niveau erwarteten. Es komme extrem nahe an Apples Kulthandy iPhone heran und sei definitiv besser als die Smartphones mit dem von Google entwickelten Betriebssystem Android.

Begeisterter äußern sich Nutzer, die zu den Auserwählten zählten und das hoch geheime Smartphone vorab testen durften: Sie urteilen übereinstimmend, dass Nokia mit jenem Gerät, das bisher unter dem Codenamen Sea Ray in verschiedenen Internet-Blogs und -Videos auftauchte, ein großer Wurf gelungen sei. Demnach verfügt Nokias erstes Windows-Handy über ein Ganzmetallgehäuse, das am Rand schmal zuläuft und von Testern durchweg als „wertig“ eingeschätzt wurde. Die leicht gewölbte Oberfläche aus extrem kratz- und bruchfestem Glas, sogenanntem Gorilla-Glas, nimmt die leichte Wölbung des Geräts auf – ein „echter Hingucker“, wie es ein Tester ausdrückt. Alles in allem sei das Gerät ein „wahrer Handschmeichler“.

Auch die Software bietet deutlich mehr als bisherige Nokia-Smartphones. Per Touchscreen führt das Menü zu Spielen, Navigations- und Kommunikationsdiensten sowie zahlreichen Entertain-Angeboten, die in 3-D gezeigt werden. Mit von der Partie ist auch die Microsoft-eigene Suchmaschine Bing. Ein App-Store mit erfolgreichen Applikationen darf natürlich auch nicht fehlen.

Großkunden, die das Smartphone in den vergangenen Wochen testen durften, sind überrascht, wie schnell Nokia seine Technikprobleme in den Griff bekommen hat. „Das Handy zeichnet sich durch ein cooles Design und tolle Verarbeitungsqualität aus“, lobt Niek Jan van Damme, der für das Deutschland-Geschäft zuständige Vorstand der Deutschen Telekom. „Ich bin sicher, dass Nokia damit an alte Erfolge anknüpfen kann.“ Van Damme ist überzeugt, dass „die Zusammenarbeit von Microsoft und Nokia erfolgreich sein wird“.

Lob fürs Design

Auch bei O2-Deutschland-Chef René Schuster hat das Gerät einen guten Eindruck hinterlassen. „Besonders beeindruckt bin ich vom Design und der einfachen Nutzerführung“, sagt Schuster. „Das Gerät wird den Markt beleben. Wir würden es gerne im Weihnachtsgeschäft anbieten.“

Freenet-Chef Christoph Vilanek, einer der größten Vertriebspartner von Nokia in Deutschland, schätzt das Windows Phone sogar als Verkaufsschlager ein: „Nokia fängt mit diesem Gerät wieder da an, wo es vor der Krise aufgehört hat – ganz oben bei Qualität, Design und Funktionalität“, schwärmt Vilanek. Mobilcom-Debitel werde das Gerät in seinen Shops „im Dezember als Top-Angebot aufnehmen und entsprechend im Fernsehen und in Print-Titeln bewerben“.

Die Lobeshymnen dürften Balsam auf die geschundenen Seelen der Finnen sein. Dann allzu lang mussten Elop und sein glückloser Vorgänger Olli-Pekka Kallasvuo dem dramatischen Abstieg des früher als unbesiegbar geltenden Konzerns zusehen. Von 2008 bis 2011 hat sich der Marktanteil bei Mobiltelefonen fast halbiert.

Hingucker und Handschmeichler

Halbherr jedenfalls ist überzeugt, dass bei Nokia „der Tiefpunkt erreicht ist“, wie der Wahl-Berliner im WirtschaftsWoche-Interview durchblicken lässt. „Wir werden auf einer extrem robusten Plattform zusammen mit Microsoft das dritte Betriebssystem für Smartphones etablieren“, prophezeit Halbherr. „Wir haben den Grundstein gelegt, dass es wieder aufwärts geht“.

Viel Zuversicht demonstriert auch Partner Microsoft. Es sei eine sensationelle Leistung, die Geräte in so kurzer Zeit auf den Markt zu bringen, lobt Manager Berg. Von den acht Monaten seit Nokias Entscheidung für Windows Phone entfielen laut Berg allein zwei Monate auf Tests bei den Mobilfunkbetreibern. „Die eigentliche Smartphone-Entwicklung hat also gerade mal ein halbes Jahr gedauert“, sagt Berg. „Das ist enorm.“

Alles Weitere muss jetzt die Vermarktungsmaschinerie der Finnen leisten. Immerhin, mit rund 650 000 Verkaufsstellen rund um den Globus verfügt Nokia immer noch über das umfassendste Distributionsnetzwerk aller Handyhersteller. Zudem begleitet Nokia die Markteinführung mit einer groß angelegten Werbekampagne, wie Insider berichten. Dabei lässt sich auch Microsoft nicht lumpen und gibt einen wichtigen Anteil am Gesamtbudget dazu.

Der Erfolg des neuen Smartphones ist extrem wichtig für die beiden Handy-Fußkranken Nokia und Microsoft: Sie sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Immerhin, die Marktforscher von Gartner glauben, dass Windows Phone bis 2015 das Potenzial hat, mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent zur Nummer zwei aufzusteigen – noch vor Erzrivale Apple. Entsprechend selbstbewusst gibt sich auch Microsoft-Manager Berg: „Wir haben entschieden, dass wir im Handymarkt erfolgreich sein werden, früher oder später. Wir brauchen keinen Plan B.“

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%